Nach Einsturz des Kölner Archivs

Im Ernstfall: Notfallcontainer rettet Kulturgüter

Das Burscheider Kultur-Kaleidoskop diente zur Demonstration des Notfallcontainers.
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Das Burscheider Kultur-Kaleidoskop diente zur Demonstration des Notfallcontainers.

Prototyp für die mobile Erstversorgung wurde nach dem Einsturz des Kölner Archivs entwickelt.

Von Tanja Alandt

Burscheid. Wie man Kulturgüter schnell schützen kann, demonstrierten Nadine Thiel (Leitung Bestandserhaltung Historisches Archiv Köln) sowie Frank Peters (Berufsfeuerwehr Köln) anhand des „Burscheider Kultur-Kaleidoskop“ im einzigartigen Notfallcontainer Kulturgutschutz zusammen mit dem Notfallverbund Kölner Archive und Bibliotheken.

Dieser Prototyp für die mobile Erstversorgung von Kulturgut wurde nach dem Einsturz des Historischen Archivs in Köln unter anderem von Thiel und Peters entwickelt. 2018/2019 hatten sie die Idee dazu – im Oktober 2020 wurde er an den Notfallverbund Köln ausgeliefert. Dass er wenige Monate später so dringend für seinen ersten Live-Einsatz in Stolberg bei der Flutkatastrophe gebraucht wurde, hatten sie nicht geahnt.

Völlig verdreckte und ver-schlammte Dokumente konnten hier drin schon gerettet werden. Thiel berichtete, dass sie innerhalb einer Woche in Stolberg etwa 50 Gitterboxen voll mit Kulturgut hatten. „Rechnungen, Dokumente und Pläne von Liegenschaftsämtern – teilweise handgezeichnet – alles war im Schlamm“, erzählte sie.

„Wichtig ist, dass der Schlamm sofort abgespült wird, da er sonst hart wie Beton wird. Dann kann man die Sachen nur noch wegschmeißen“, so Peters. Diesen Schritt demonstrierte Jan Klein an einer Nassstation im Container. Der Arbeitsbereich des Nassbereichs beinhaltet neben den Brausen zudem Wasserablaufsysteme. Klein ist Archivar-Helfer und half in Stolberg mit.

Anschließend werden beispielsweise nasse Dokumente in eine Frischhaltefolie gestretcht, um diese dann zügig und fachgerecht in einem Gefrierfach einzufrieren. Dies sollte möglichst schnell im Laufe desselben Tages geschehen, informierte die Restauratorin Corinne Henderson (Stadtarchiv Köln). Wie Kaffee kann man diese dann wieder auftauen und restauratorisch aufbereiten, sagte Dr. Christiane Hoffrath (Dezernentin Historische Bestände und Sammlungen und Digitalisierung Fachreferat Geschichte Universitäts- und Stadtbibliotheken, Universität zu Köln) vom Notfallverbund.
Zudem gibt es für die Trockenreinigung ebenfalls Arbeitsplätze im Container. Acht Leute können gleichzeitig dort arbeiten. Wegen der Schimmelsporen ist für sie das Tragen von FFP2-Masken sowie Handschuhe oder auch Schutzbrillen normal. Sogar verschwommene Tinte können die Restauratoren teilweise mit speziellen Radiergummis wieder aufarbeiten.

Auch an der Luft kann durch Feuchtigkeit geschädigtes Kulturgut trocknen. Alle Kulturgüter, die größer als DIN A2 sind, können außerhalb dieses Notfallcontainers in den daran angeschlossenen Zelten gerettet werden. Denn der Container ist so angelegt, dass man eine Zeltstadt drumherum bauen kann. So wurden unter anderem 200 Jahre alte Kaffeemühlen oder ein altes Hochrad gerettet. Unter den Pavillons hatten sich bis zu 20 Personen um die Güter gekümmert.

Der größte Vorteil dieses bisher einmaligen Notfallcontainers Kulturgutschutz ist es, dass bei Notfällen sowie Katastrophen der Abrollcontainer sofort mit einem Lkw zum Einsatzort transportiert werden kann und für die schnelle Erstversorgung innerhalb weniger Minuten abgerollt wird und einsatzbereit ist. Der Transport sei durch jedes beliebige Fahrzeug mit einem Wechsellagersystem möglich, so Peters. „Machbar also auch mit den Abfallwirtschaftsbetrieben“, sagte er.

Ein Pluspunkt ist außerdem, dass dieser Container als Lagerraum und Arbeitsraum in einem fungiert. Das Material ist hier drin gelagert und muss nicht erst zur Einsatzstelle gebracht werden. Weiter sind die benötigten Geräte sinnvoll für die Erstversorgung verbaut. Strom – und Wasser erhält der Container durch das Anschließen von außen und ist sofort betriebsbereit, erläuterte Peters. Im Container gibt es 230 Volt-Steckdosen. Ein internetfähiger Router wurde ebenfalls installiert. Die Dokumentation der Kulturgüter ist so gut ausführbar.

Zuvor verfügte der Notfallverbund lediglich über eine Erstausstattung an Material und Schutzausrüstung für die Rettungsteams. Mit der Berufsfeuerwehr Köln entstand die Idee eines eigenen Abrollbehälters, der im Katastrophenfall nicht nur Material transportieren kann, sondern ebenfalls mit der erforderlichen Technik ausgestattet ist. Er sollte als ein autarkes sowie witterungsunabhängiges Erstversorgungszentrum dienen - ebenfalls bei Hurrikans sowie bei 10 Grad.

Dr. Christiane Hoffrath vom Notfallverbund Köln hätte sich während ihrer Rettungsarbeiten von Kulturgut in Leichlingen ebenfalls diesen Notfallcontainer gewünscht. Vier weitere soll es in NRW – finanziert vom Bund geben. Aufgrund der Lieferungsschwierigkeiten, dem Rohstoff- sowie Fachkräftemangel wird dies jedoch über zweieinhalb Jahre dauern. Großes Interesse herrscht in der Ukraine, beim Französischen Außenministerium sowie auf Curaçao (Niederländische Antillen). Da Naturkatastrophen immer mehr zunehmen, wird dieser Abroll-Notfallcontainer immer begehrter.

Hintergrund

200 000 Euro kostet dieses Feuerwehrtechnische Gerät, das bei dem Sauerländer Spezialfahrzeugbauer Dünschede hergestellt wurde. Finanziert wurde es – inklusive der Ausstattung für die Notfalldokumentation - von verschiedenen Stellen wie Stadt, Bund und Land sowie LVR.

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