„Niemand will diesen Krieg“

Nach der Jahrtausendwende zog es Tetyana Schwenke (M.) und Olena Tietz aus der Ukraine nach Deutschland. Die Entwicklungen in ihrem Heimatland bereiten ihnen Sorgen. Auch Schwenkes Mann Udo verfolgt den nun ausgebrochenen Krieg aufmerksam. Foto: Christian Beier
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Nach der Jahrtausendwende zog es Tetyana Schwenke (M.) und Olena Tietz aus der Ukraine nach Deutschland. Die Entwicklungen in ihrem Heimatland bereiten ihnen Sorgen. Auch Schwenkes Mann Udo verfolgt den nun ausgebrochenen Krieg aufmerksam.

Familien aus dem Bergischen, die ukrainische Wurzeln haben, blicken sorgenvoll auf ihre alte Heimat

Von Manuel Böhnke

Tetyana Schwenke ist wütend. „Die Ukraine hat die Arschkarte gezogen“, findet sie deutliche Worte. Die 41-Jährige ist in Luzk auf die Welt gekommen, einer Großstadt im Nordwesten des Landes. Vor mehr als 20 Jahren zog sie nach Deutschland, inzwischen fühlt sie sich im Bergischen heimisch. Doch seit einigen Wochen kreisen ihre Gedanken vor allem um die alte Heimat. Sorgenvoll beobachtet Schwenke den russischen Angriff auf die Ukraine: „Was dort passiert, ist erniedrigend und beleidigend. Russland will das Recht des Stärkeren durchsetzen.“

„Es ist nicht die Sprache, die uns von den Angreifern trennt, es sind die Werte.“

Olena Tietz

Regelmäßig sucht sie den Kontakt zu Freunden, Verwandten, Bekannten vor Ort. Einige davon leben in Donezk, wo es seit 2014 immer wieder zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt. Auch Olena Tietz pflegt enge Beziehungen in die Ukraine. Im September des vergangenen Jahres besuchte sie Kiew, ihre Geburtsstadt, zuletzt. Die Nachrichten, die sie derzeit vor allem von Freunden aus der Ostukraine erreichen, stimmen die 44-Jährige missmutig. „Sie haben Angst und wollen nicht von russischer Seite ‚befreit‘ werden“, berichtet sie.

Beide Frauen sind in der Sowjetunion aufgewachsen. Sie teilen den Wunsch nach einer unabhängigen Ukraine. Zwar gebe es Unterschiede zwischen den Regionen des Staates, der flächenmäßig 1,7 Mal so groß ist wie Deutschland. Geeint sei jedoch die Mehrheit der Ukrainer in der Hoffnung auf ein gutes, freies Leben mit klaren Gesetzen. Seit Beginn des Krieges 2014 sei die Bevölkerung zusammengerückt, schildert Udo Schwenke seinen Eindruck.

Der Rechtsanwalt und frühere Geschäftsführer der CDU-Fraktion im Solinger Stadtrat ist Tetyana Schwenkes Ehemann. Für ihn strahlt der Konflikt weit über die Ukraine hinaus. Dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gehe es um eine Neuordnung des Kontinents. Europa müsse nun zeigen, wofür es steht, sich für Freiheit und Demokratie einsetzen – und denjenigen, die angegriffen werden, nicht nur mit schönen Worten, sondern mit Taten helfen.

Die seit 2014 fortwährenden Auseinandersetzungen im Osten der Ukraine haben in der breiten westlichen Öffentlichkeit zuletzt eine untergeordnete Rolle gespielt. Olena Tietz verfolgt sie seit acht Jahren. Die Eskalation hat die 44-Jährige dennoch überrascht. „Niemand will diesen Krieg“, ist sie überzeugt. Die Vorstellung, dass sich zwei „Brüdervölker“ beschießen, missfalle auf beiden Seiten der Grenze vielen. Zwischen zahlreichen Russen und Ukrainern gebe es persönliche Beziehungen.

Trotzdem fürchtet Tetyana Schwenke, dass der Konflikt viele Tote fordern könnte: „Die Menschen in der Ukraine lassen sich nicht gerne etwas vorschreiben, sie werden sich verteidigen.“ Sie betont: „Bei uns geht es um die Sprache, nicht um Politik oder Religion. Sprache ist nie schuld.“ Deshalb sei es für sie selbstverständlich, dass ihre Kinder Russisch lernen.

Ähnlich sieht das Olena Tietz. Ihr Vater sei Russe, Familie und Freunde in der Ukraine überwiegend russischsprachig. „Es ist nicht die Sprache, die uns von den Angreifern trennt, es sind die Werte.“ Tetyana Schwenke ist es wichtig, bei ihrer Kritik zwischen der Führung in Moskau und der Bevölkerung zu trennen. Zumal ihrer Einschätzung nach längst nicht alle Russen das Verhalten ihres Präsidenten gutheißen. Für viele sei Heimat wie eine Mutter. „Und es tut weh, die eigene Mama zu kritisieren.“

Es war der Stillstand in der Ukraine, der Olena Tietz vor mehr als 20 Jahren dazu veranlasst hat, das Land zu verlassen. Lange lebte die 44-Jährige in Solingen, ehe es sie ins Rheinland zog. Die pro-europäische Bewegung in der Ukraine habe sie hoffnungsvoll gestimmt – „das möchte Putin jetzt stoppen“.

Ihre Eltern leben weiterhin in Kiew – und wollen dort vorerst bleiben. Bewaffnete Auseinandersetzungen, Cyberangriffe und Drohgebärden seien für viele Ukrainer inzwischen Alltag – und doch habe sich in den vergangenen Tagen etwas verändert: „Momentan sieht es ganz schwarz aus.“

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