Alljährliches Ritual

Naturschützer wollen Kröten über Baustelle geleiten

Es war ein alljährliches Ritual: An der K 2 unterhalb von Dohm stellten Holger Koslowski (l.) und Thomas Wirtz den Krötenzaun auf. Archivfoto: Doro Siewert
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Es war ein alljährliches Ritual: An der K 2 unterhalb von Dohm stellten Holger Koslowski (l.) und Thomas Wirtz den Krötenzaun auf.
  • VonNadja Lehmann
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Jedes Jahr stellt der Nabu Rhein-Berg an der K 2 einen Zaun auf und sammelt die Tiere ein – Jetzt aber wird dort die Straße saniert.

Burscheid. Holger Koslowski verfolgt die Bauarbeiten auf der K 2 mit besonderer Aufmerksamkeit. Weniger, weil er an Autos, Motor- und Fahrräder denkt, die derzeit Umwege fahren müssen. Nein, Holger Koslowski denkt an Kröten. Schließlich ist die sonst so vielbefahrene Kreisstraße bei Dohm immer mit Ausklang des Winters sein alljährlicher Einsatzort: Immer dann baut er nämlich mit Mitstreitern wie Thomas Wirtz oder Oliver Gellissen vom Naturschutzbund (Nabu) Rhein-Berg den meterlangen Krötenzaun auf, der die Tiere bei ihrer Wanderung hinüber auf die andere Straßenseite schützen soll.

Bereits im vergangenen Jahr ahnten die Naturschützer, dass es möglicherweise ihr letzter Einsatz sein könnte. Wird doch die K2 einer umfangreichen Sanierung unterzogen, die bis Ende 2022 dauert. Damit verbunden ist auch eine Maßnahme fürs Krötenwohl: Nämlich ein Tunnel, der für eine sichere unterirdische Querung sorgen soll. Dann wäre ein Zaun überflüssig. So jedenfalls der Plan.

Aber in diesem Frühjahr gibt es noch keinen Tunnel. Allerdings durch die Sperrung auch keinen Verkehr. Dafür eine Riesenbaustelle. „Wir werden in der nächsten Woche einen Ortstermin haben und beratschlagen“, berichtet Holger Koslowski. Man wolle sehen, ob die Tiere allein zurechtkommen könnten oder doch eine Art Leitsystem über die Baustelle bräuchten. Dann könnte doch noch mal ein Zaun ins Spiel kommen, zumindest punktuell. „Die Tiere machen sich mit Beginn der Abenddämmerung auf den Weg, nachts wird dann gewandert. Wenn wir morgens vor Ort wären, könnten wir einzelne Tiere, die sich verlaufen haben, einsammeln“, sagt Koslowski. Ein Prozedere, das per Protokoll mit dem Kreis auch so abgestimmt ist. „Unser Einsatz dient der Arterhaltung“, macht Koslowski klar.

Ein Einsatz, der sich lohnt. Im vergangenen Jahr brachten die Naturschützer knapp 2000 Tiere sicher über die Fahrbahn. „Wir haben hier die meisten Wanderbewegungen und eine hohe Population“, bestätigt der Kröten-Experte. Das blieb auch dem Kreis nicht verborgen: Er band die Aktiven des Nabu Rhein-Berg mit in die Baumaßnahme ein und bat um ihre Expertise. „Als Einzelmaßnahme hätte es einen Tunnel sicher nicht gegeben“, sagt Koslowski. Da der Kreis sich nun aber ohnehin umfangreich der K 2 widme, werde der Tunnel in die Gesamtmaßnahme integriert. „Dann können wir nur noch hoffen, dass die Tiere das annehmen“, sagt Holger Koslowski. „Sie suchen sich am liebsten den kürzesten Weg.“

Und der führt vom südlich gelegenen Abhang Richtung Norden über die K 2 hinüber zu den Fischteichen. „Der hintere Fischteich wird wohl abgelassen. Da ist der Hang abgerutscht“, berichtet Koslowski. Sobald es die ersten wärmeren Tage gibt, setzen sich die Tiere in Bewegung. Bis dahin verbuddeln sie sich im Laub. Im Teich angekommen, paaren sich die Tiere. Und kehren um.

Erdkröten sind zäh und überwinden größere Distanzen

„Mal sehen, ob sie diese Riesenhügel auf der Baustelle überwinden“, sagt Koslowski. Erdkröten seien aber zäh und nicht schnell ins Bockshorn zu jagen: „Sie überwinden bis zu zwei Kilometer.“ Manchmal kommen sie gar als Doppeldecker, wenn das größere Weibchen das Männchen huckepack nimmt. „Sowohl bei der Hin- als auch bei der Rückwanderung ist es wichtig, dass sie am Tunnel nicht ins Dunkel laufen. Da muss ein Lichtstreif sein“, sagt Koslowski. Mit dem Tunnel betrete man Neuland: „Erlebt haben wir so etwas noch nicht, nur davon gehört.“

Er selbst gab vor ungefähr zehn Jahren den Anstoß zu einem Krötenzaun. „Ich bin dort öfters entlang gefahren. Natürlich auch zur Zeit der Krötenwanderung. Dieses Massaker fand ich schrecklich.“ Mit dem Nabu fand er Mitstreiter, seitdem war das Aufstellen des Zauns ein Ritual, das den Frühling ankündigte. Durch ihn sollten die Tiere aufgehalten und zu im Boden verbuddelten Eimern geleitet werden, die die Naturschützer anschließend mitsamt Tieren über die Straße trugen.

Das könnte bald schon der Vergangenheit angehören. Zu tun aber gibt es immer noch genug für den Nabu. „Auf unserer letzten Hauptversammlung haben wir uns mit dem Thema Wald und Waldsterben beschäftigt“, sagt Koslowski. „Den Zustand des Waldes beobachte ich mit Schrecken.“ Gut möglich, dass der Nabu sich also schon bald der Sache annimmt.

Hintergrund

Seit nunmehr über 30 Jahren gibt es den Nabu im Rheinisch-Bergischen Kreis. In den ersten Jahren stand noch der Vogelschutz im Fokus der Arbeit, in den Folgejahren hat sich der Verein – auch bundesweit – von einem reinen Vogelschutzverein zu einem mitgliederstarken Naturschutzverband gewandelt. Bundesweit ist der Nabu mit mehr als 700 000 Mitgliedern und Förderern sogar der mitgliederstärkste Umweltverband. Auch der Nabu im Rheinisch-Bergischen Kreis konnte seine Mitgliederzahl von 200 Mitgliedern (1995) auf aktuell mehr als 1206 nahezu verfünffachen. In Burscheid betreut der Nabu eine Streuobstwiese in Straßerhof, auf der rund 120 Bäume stehen. Der Nabu kümmert sich um Pflegeschnitt und Nachpflanzung.

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