Kultur

Musikschule gehen die Lehrkräfte aus

Musikschulleiter Thomas Kinzel und Mitarbeiterin Laura Müller im Büro der Musikschule, das ins Pastor-Löh-Haus umgezogen ist.
+
Musikschulleiter Thomas Kinzel und Mitarbeiterin Laura Müller im Büro der Musikschule, das ins Pastor-Löh-Haus umgezogen ist.
  • VonNadja Lehmann
    schließen

Harter Konkurrenzkampf und Fachkräftemangel machen Einrichtung zu schaffen.

Wie auf einem „Musikschulcampus“ fühlt sich Thomas Kinzel manchmal, seitdem die Burscheider Musikschule erfolgreich ihren Umzug ins Pastor-Löh-Haus bewerkstelligt hat. Seitdem befindet sich dort das Büro, in dem Leiter Thomas Kinzel anzutreffen ist. In unmittelbarer Nähe gruppieren sich Anlaufstätten wie Hans-Hoersch-Halle oder Montanusschule, in denen die Musikschule unterrichten kann.

„Manches ist ein bisschen umständlicher geworden, weil sich die Kommunikation verändert hat. Die Lehrkräfte laufen sich nicht mehr so selbstverständlich über den Weg. Den kurzen Austausch wie früher gibt es derzeit nicht mehr“, sagt Kinzel. Auch die Identifikation müsse geweckt werden: „Gerade bei Neu-Anmeldungen und neuen Schülern ist es schön, wenn man das mit einem Gebäude verbinden kann.“

Und das war bis zum vergangenen Sommer das Haus der Kunst. Das soll bekanntlich das multifunktionale Aushängeschild des neuen gemeinsamen Kulturraums mit der Nachbarstadt Wermelskirchen werden. „Damals musste alles ganz schnell gehen“, erinnert sich Thomas Kinzel an den Umzug. Denn zum damaligen Zeitpunkt sei noch die Rede davon gewesen, dass der Umbau zur Jahresmitte 2022 beginne. Dieser Zeitpunkt verschob sich bekanntlich Richtung 2023, als die prognostizierten Kosten stiegen und Kommunalpolitik und Verwaltung neu priorisieren und mehr Fördergelder beantragen mussten.

„Wir haben uns eingelebt. Eine gute Lösung“, sagt Thomas Kinzel über das Interimsquartier. „Die Stadt hat uns beim Umzug und der Suche nach Räumen sehr unterstützt.“ Und das sei gar nicht so einfach gewesen, beispielsweise bei nicht transportablen Instrumenten wie dem Schlagzeug, das im Unterrichtsraum bleibe. Wie lang die Musikschule im Ausweichquartier bleiben wird und wann sie ins vertraute Souterrain des Haus der Kunst zurückkehren kann, wird sich weisen: „Das hängt davon ab, wann das Haus der Kunst fertig ist“, sagt Kinzel.

Einige bauliche Änderungen werden dann auch die Musikschule betreffen. Neue Raumaufteilungen sind geplant, indem das Büro mit einem benachbarten Raum zusammengelegt wird. Das neue Büro soll gleich im Eingangsbereich entstehen; an der dortigen Fassadeneinbuchtung wird ein neuer Raum gebaut, die früheren Fahrradplätze entfallen. „Oberstes Ziel für uns ist, hier in eine Routine hineinzukommen“, sagt Kinzel über seinen Musikschulcampus an der Höhestraße.

Tiefe Sorge bereitet ihm indes ein ganz anderes Problem: „Uns gehen die Lehrkräfte aus.“ Allein im vergangenen Jahr habe die Musikschule elf Dozenten verabschiedet. „Wir stehen in einem harten Wettbewerb“, erklärt Kinzel. Die Musikschule, die über die besseren Konditionen verfüge, sichere sich die Lehrkräfte: „Da können wir nicht mithalten. Wir können keine Tarifverträge, keine Festanstellungen bieten“, sagt Kinzel. Und das in Zeiten des Fachkräftemangels, der sich auch in seiner Branche bemerkbar mache. Eine weitere Rolle spiele Burscheids Verkehrsanbindung: „Nicht alle haben ein Auto. Und aus den Städten, in denen die meisten Musiker leben – Köln, Wuppertal, Düsseldorf – bedeutet das eine mehrstündig Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln.“ Die Folgen könnten dramatisch sein: „Es ist nicht ausgeschlossen, dass wir bestimmte Fächer nicht mehr belegen können.“ Besonders alarmierend sei die Lage im Elementarbereich – ein Fachgebiet, das Kinzel stets sehr gefördert hat: Er hatte die Eltern-Kind-Kurse wiederbelebt und den Start einer neuen Gruppe in der Musikalischen Früherziehung gefördert. Die dafür zuständige Fachkraft sei nicht mehr am Haus, eine verbliebene Kollegin könne nicht alles allein schultern. Früher habe man viele Dozenten durch Mund-zu-Mund-Propaganda nach Burscheid gelockt, erzählt Kinzel. Heute seien speziell im Elementarbereich fast keine Fachkräfte mehr zu bekommen, und das betreffe die Musikschulen allgemein: „Ich habe eine Stelle ausgeschrieben, sogar mit übertariflicher Bezahlung. Ich habe keine einzige Rückmeldung bekommen.“ Das bedeute: Man müsse nehmen, was komme. Wenn jemand kommt.

„Wir müssen in diesem Bereich unbedingt konkurrenzfähig werden“, betont Thomas Kinzel. Denn Lehrerwechsel hätten noch weitere Auswirkungen: „Damit geht immer ein Schülerschwund einher.“ Schließlich hätten Lehrer und Schüler oftmals eine persönliche vertrauensvolle Beziehung. „Wenn ein Lehrer weggeht, ist das für viele Schüler Anlass, aufzuhören“, weiß Kinzel. Die Anfang 2022 stolz vermeldete Zahl von 600 Schülern werde man „mit Sicherheit“ nicht halten können, bedauert der Musikschulleiter. Als er angefangen habe, hätten knapp 40 Dozenten in Burscheid unterrichtet. „Jetzt sind wir 25,26 Lehrer.“

Unverhoffte Entspannung an der finanziellen Front

Unverhoffte Entspannung gibt es dagegen an anderer Front. An der finanziellen. Da hatte die Schule immer wieder deutlich gemacht, dass es um die Existenz gehe, die Rücklagen bald aufgebraucht seien. Ausgerechnet 2022, dem Jahr des 50-jährigen Bestehens. SPD und Bündnis für Burscheid, aber auch die FDP brachten daraufhin Anträge ein, in denen sie Unterstützungsmodelle skizzierten, für die sich aber keine Mehrheiten fanden. Stattdessen kam – auf Initiative des verstorbenen Bürgermeisters Stefan Caplan – die Burscheid-Stiftung der Kreissparkasse Köln ins Spiel. Sie sicherte für einen befristeten Zeitraum das Überleben, hatte aber auch Auflagen: Eine Expertise sollte die Musikschule auf ihre wirtschaftlichen Fähigkeiten und Möglichkeiten abklopfen. Die Federführung übernahm der ehemalige Leiter der Jazz-Haus-Schule Köln, Rainer Linke. „Das Ergebnis seines Abschlussberichtes war für uns wenig überraschend und schon immer von uns so kommuniziert worden: Eine öffentlich-gemeinnützige Einrichtung wie unsere Schule kann nicht ohne öffentliche – ergo kommunale - Mittel finanziert werden“, sagt Thomas Kinzel.

Und diese Botschaft habe nun auch die Politik vernommen. „Es geht für uns also weniger darum, ob, sondern in welcher Größenordnung wir gefördert werden“, zeigt sich Kinzel mit Blick aufs Haushaltsjahr 2024 erleichtert. Gleichwohl bleibe die Lage besorgniserregend, aber anders als gedacht: „Wenn wir keine Lehrer mehr haben, ist die Musikschule auch tot.“

Dabei habe man jede Menge Pläne und Hoffnungen: Der Popularbereich müsste ausgebaut werden, ebenso die Ensemblearbeit und die Kommunikation mit den Eltern. Thomas Kinzel träumt noch immer von einem Kinderchor, überhaupt von einer stärkeren Gesangsarbeit. „Aber für alles brauchen wir Personal.“

Er selbst habe nicht einmal eine halbe Stelle, die Büroleitung eine 20-Stunden-Stelle: „Auch das ist auf Kante genäht.“ Sich um Förderungen und Projektanträge zu kümmern, sei kaum zu schaffen. Auch wenn ein bisschen Unterstützung hinzugekommen ist in Form von Sandro Martinez, der als Kinzels Stellvertreter wirkt. „Allerdings mit einem Mini-Deputat“, schränkt Kinzel ein. Mit der Hoffnung auf mehr.

Und dann gibt es doch die schönen Momente, für die sich die Arbeit lohnt: Wie das Jubiläumskonzert im vergangenen Jahr. „Eine tolle Mischung aus allen Altersgruppen. Für mich das vielleicht schönste Konzertprogramm, seitdem ich in Burscheid bin. Es gab keinen Beitrag, der nicht absolut gelungen war“, ist Kinzel stolz.

Und deshalb rät er allen Interessierten, sich anzumelden, um zu singen oder ein Instrument zu spielen: „Alle hier sind engagiert, auch wenn wir im schlimmsten Fall erst mal um Geduld bitten müssen. Das darf kein Dauerzustand sein. Wir wollen und müssen uns neu aufstellen.“

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Täter setzen Metallstangen ein
Täter setzen Metallstangen ein
Täter setzen Metallstangen ein
Der Boden für die Bauarbeiten ist bereitet
Der Boden für die Bauarbeiten ist bereitet
Der Boden für die Bauarbeiten ist bereitet
Das ist nochmal wie Weihnachten
Das ist nochmal wie Weihnachten
Das ist nochmal wie Weihnachten
Kitas bieten dem Mangel die Stirn
Kitas bieten dem Mangel die Stirn
Kitas bieten dem Mangel die Stirn

Kommentare