Interview

Mit der Kamera entdeckt sie Burscheid

Barbara Sarx kam 1966 nach Burscheid und arbeitet lange Zeit als Fotografin für den Bergischen Volksboten.Archivfoto: Doro Siewert
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Barbara Sarx kam 1966 nach Burscheid und arbeitet lange Zeit als Fotografin für den Bergischen Volksboten.

Fotografin Barbara Sarx über ihre Anfänge beim BV, die Stadt und ihre Erlebnisse

Das Gespräch führte Stephan Eppinger

Wie erleben Sie die Situation im zweiten Lockdown in Burscheid?

Barbara Sarx: Ich erlebe in Burscheid viel Disziplin, was das Tragen von Masken und das Abstandhalten angeht. In einer Kleinstadt wie Burscheid kann man auch mit Distanz noch Menschen treffen und sich zum Beispiel über die Straße auch unterhalten. Das verringert die Gefahr, hier zu vereinsamen. So werden auch die Telefonate länger. Der Vorteil gegenüber einer Großstadt ist, dass man hier mitten in der Natur wandern oder Spaziergänge machen kann.

Was macht den Zusammenhalt der Burscheider aus?

Sarx: Wenn man in Burscheid unterwegs ist, grüßt man sich, auch, wenn man wegen der Maske nicht immer sicher ist, ob man wirklich einen Bekannten vor sich hat. Das bringt immer mal wieder schöne Situationen mit sich. Den Zusammenhalt habe ich gespürt, als ich kurz vor dem zweiten Lockdown aus Italien zurückgekommen bin. Mein Mann und ich haben uns freiwillig in Quarantäne begeben, bis wir nach einer Woche das entsprechende Testergebnis hatten. Es gab viele Angebote, uns in dieser Zeit zu helfen. Jeder hat gesagt, macht euch keine Sorgen, wir kaufen für euch ein. Das galt insbesondere für die Nachbarn in unserem Mehrfamilienhaus, in dem wir noch gar nicht so lange leben. Diese verstärkte Hilfsbereitschaft, die ich jetzt kennengelernt habe, war sehr wohltuend.

Sie waren lange im Seniorenbeirat. Wie ist die Situation von älteren Menschen in der Pandemie?

Sarx: Ein Reizthema ist die Terminvergabe bei den Impfungen. Nicht jeder kann sich im Internet bewegen oder hat einen pfiffigen Enkel, der ihm hilft. Und mit dem Telefon kommt man nicht durch. Mein Mann hat eine Woche lang vergeblich versucht, einen Impftermin zu vereinbaren. Ich fürchte, dass die Überforderung dazu führt, dass sich viele ältere Menschen nicht impfen lassen. Schwierig ist zudem, dass das Impfzentrum in Bergisch Gladbach liegt. Das ist für uns hier in Burscheid eine kleine Weltreise. Man fragt sich, warum der Hausarzt das nicht übernehmen kann. Die Hoffnung liegt jetzt darauf, dass der Nordkreis in Wermelskirchen sein eigenes Impfzentrum bekommt. Aber da muss zunächst der NRW-Gesundheitsminister zustimmen.

Wann sind Sie nach Burscheid gekommen?

Sarx: Ich bin seit 1966 in Burscheid. Mein damaliger Mann baute damals bei Goetze die EDV-Anlage auf. Als ich auf Stippvisite das erste Mal aus Düsseldorf angereist bin, hatten wir uns am Bahnhof verabredet. Den habe ich leider nicht direkt gefunden. Zum Glück war ein Schutzmann in Sicht und den habe ich dann nach dem Burscheider Hauptbahnhof gefragt. Der hat gelächelt und mir die Haltestellen in Burscheid aufgezählt. Einen Hauptbahnhof habe man hier nicht. Das war die erste Begegnung mit dem bergischen Charme.

Wie kam der Kontakt zum Bergischen Volksboten?

Sarx: Ich bin gelernte Fotografin und habe zweimal in der Woche im Atelier meiner BV-Vorgängerin Hermine Nikolaou gearbeitet, um beruflich den Anschluss nicht zu verpassen. So kam der Kontakt zum BV, der damals noch seinen Sitz in der Druckerei Fehl an der Hauptstraße 87 hatte. Redakteurin war die legendäre Käthe Bode. Zunächst habe ich für die Zeitung geschrieben. Mein Vater hatte schon als Redakteur gearbeitet. Das waren dann zum Beispiel kleine Serien über das, was die Burscheider bewegt hat. Als Hermine krank wurde, habe ich sie in den 80er Jahren zunächst vertreten und später ihre Aufgabe komplett übernommen.

Was waren die größten Veränderungen für Sie als Pressefotografin?

Sarx: Zunächst haben wir noch mit Schwarz-Weiß-Filmen gearbeitet, die wir auch selbst entwickelt haben. Das war immer ziemlich aufregend, da wusste man nicht, ob die Aufnahme wirklich etwas geworden ist. Und es gab viele Termine, da bekam man keine zweite Chance. In den 90ern kam dann das erste Farbbild, das ich in einem Fotoladen zum Entwickeln bringen musste. Später haben wir auf digitale Bilder umgestellt. Hier gab es Nachhilfe von meinem Kollegen Jürgen Venn. Als ich die digitale Fotografie beherrscht habe, fand ich das sehr schön und vor allem hat es Zeit gespart.

Gibt es eine Begebenheit in den 30 Dienstjahren, die Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Sarx: Das war ein Besuch von Johannes Rau im Altenberger Dom. Ich stand dort ganz alleine vor dem Haupteingang und dachte schon, ich hätte mich beim Termin vertan. Dann kam eine schwarze Limousine und aus der stieg Johannes Rau. Wir schauten uns an und er sagte, jetzt gehen wir gemeinsam in den Dom. Was wir nicht wussten, war, dass das Treffen eigentlich am Seiteneingang geplant war, wo alle Kollegen und auch die Offiziellen gewartet hatten.

Gab es Ereignisse, die Sie mitgenommen haben?

Sarx: Die schlimmsten Termine waren immer Unfälle auf der Autobahn, wo ich auch mitten in der Nacht hin musste. Einmal hatte die Feuerwehr, zu der ich einen guten Draht hatte, nach einem Unfall einen Kindersitz im Graben gefunden. Nur das Kind war nicht da. Es gab eine große Suchaktion, an der sich auch die Fotografen beteiligt haben. Zum Glück hat sich am Ende herausgestellt, dass kein Kind in dem Wagen unterwegs war.

Wie wichtig war es, gute Kontakte zu haben?

Sarx: In einer Kleinstadt geht ohne Kontakte gar nichts. Mir war immer bewusst, dass ich als Fotografin etwas von den Leuten wollte. Da war es wichtig, die Regeln des Anstands einzuhalten und nicht eine dicke Welle zu machen. Ich war immer höflich und konnte so viele Kontakte knüpfen, die ich bis heute noch für die Arbeit im Geschichtsverein nutzen kann. Eigentlich hätte ich gedacht, dass diese nach dem Ende der aktiven Zeit nicht weiterbestehen. Das Gegenteil war aber der Fall, was sehr schön für mich ist.

Sind Sie auch heute noch mit der Kamera unterwegs?

Sarx: Ja, ich nutze sie für die Arbeit im Geschichtsverein. So kann ich Orte, die sich wie die obere Hauptstraße verändern, in ihrem vorherigen Zustand für die nächste Generation festhalten. Ich habe immer aus Hermines und aus meinem eigenen Archiv einen großen Nutzen ziehen können.

Was ist an der Stadtgeschichte so spannend?

Sarx: Diese Geschichte ist vielleicht für junge Menschen nicht so interessant, da sie mehr nach vorne blicken. Bei uns Älteren fällt der Blick auch schon mal zurück. Wenn ich im Archiv ein Bild eines alten Hauses finde, frage ich mich direkt, wer hat da gewohnt und was waren das für Menschen. Es ist spannend, hinter die Dinge zu gucken.

Sie haben sich in verschiedenen Funktion für Burscheid engagiert. Warum?

Sarx: Ich ärgere mich immer sehr, wenn ich den Satz höre: „Ich kann als kleiner Bürger nichts bewegen. Die da oben machen, was sie wollen.“ Das stimmt nicht. So war es zum Beispiel bei der Umwandlung des Badehauses in ein Kulturzentrum. Da habe ich immer gewartet, bis sich endlich die Chance dazu ergibt. Als das der Fall war, bin ich mit sehr genauen Plänen zum Bürgermeister. Der hat auf die Finanzen hingewiesen und so kam der Kontakt zur Kulturstiftung der Kreissparkasse zustande. Die Vertreterin habe ich vor Ort richtig bearbeitet und am Ende war sie vom Projekt begeistert. Wichtig war auch, dass ich mit der Unabhängigen Wählergemeinschaft im Hintergrund Unterstützung hatte und so das Ganze in die entsprechenden Gremien bringen konnte. Bei der Einweihung war ich wohl am meisten selbst überrascht, dass das alles funktioniert hat.

Wie hat sich Burscheid seit den 60ern verändert?

Sarx: Ich sehe derzeit mit großer Freude die Veränderungen in der Burscheider Innenstadt wie bei der fast fertigen oberen Hauptstraße. Da ist Burscheid auf einem guten Weg. Und wenn die Leute zum Beispiel die Radrampe in die Innenstadt kritisieren, sollten sie bedenken, dass es bei den Planungen und Bauarbeiten um die Zukunft und um die kommende Generation geht. Hier werden wichtige Weichen gestellt.

Gibt es einen Lieblingsort in ihrer Wahlheimat?

Sarx: Das ist für mich der Altenberger Dom. Wenn man zehn Minuten die Stille dort genießt, kann man im Leben wieder weiterlaufen. Es ist schön, sich dort hinzusetzen, durchzuschnaufen und auf den Dom zu blicken. Danach noch eine Stunde im Wald wandern, das ist perfekt.

Haben Sie Tipps für die Zwangspause jetzt zu Hause?

Sarx: Ich bin gerade verstärkt mit der Kamera in Burscheid unterwegs, da es immer noch Winkel und Ecken dort gibt, die ich noch nicht kenne. Man hat jetzt Zeit, etwas Neues direkt vor der Haustür zu entdecken. Das ist schon zum Hobby geworden. Außerdem widme ich viel Zeit meinem Fotoarchiv, auch wenn ich den Großteil dem Stadtarchiv übergeben habe. Die Maßgabe war dabei, dass es für die Menschen zugänglich bleiben muss.

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