Kirchenmusikdirektorin

„Mein Beruf hat sich komplett verändert“

2017 wurde Silke Hamburger (hier bei einem Auftritt in Remscheid) , die seit 1996 in Burscheid wirkt, der Titel „Kirchenmusikdirektorin“ verliehen. Archivfoto: Michael Schütz
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2017 wurde Silke Hamburger (hier bei einem Auftritt in Remscheid) , die seit 1996 in Burscheid wirkt, der Titel „Kirchenmusikdirektorin“ verliehen.
  • VonNadja Lehmann
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Silke Hamburger ist Organistin und Pianistin und leitet in der Evangelischen Gemeinde drei Chöre – normalerweise.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Im Februar hätte Silke Hamburger in ihrer Konzertreihe „Klangwege“ wieder Klavier gespielt, im „Café Nostalgie“. Wenn sie darüber spricht, was gewesen wäre, fallen Begriffe, die wirken, als stammten sie aus lang vergangener Zeit: Zusammensitzen. Kaffee trinken. Operettenmelodien hören. Das Miteinander und die Musik genießen. „Mein Beruf hat sich komplett verändert“, sagt die Kirchenmusikdirektorin der Evangelischen Gemeinde Burscheid.

Normalerweise leitet sie dort die Kantorei, das „Matthäus-Chörchen für Kinder und Jugendliche sowie den Kammerchor „Cantanti Da Capo“. Das alles liegt brach. Statt des Gesangs gibt es nur die große Stille. Denn Singen gilt in der Pandemie bekanntlich wegen der Übertragung von Aerosolen als besonders gefährlich. Nicht nur die Chöre, auch die Gemeinden sind verstummt. „Dadurch hat sich für mich nicht nur als Chorleiterin, sondern auch an der Orgel alles verändert“, sagt Silke Hamburger. „Die Gottesdienste sind anders, weil ein unerlässlicher Teil fehlt. Der Teil, in dem die Gemeinde sonst aktiv wird und mitgestaltet.“

Für die Videoaufzeichnungen der Gottesdienste hat die Kirchenmusikdirektorin ihren Part natürlich eingespielt: „Rein theoretisch können die Menschen zuhause ihr Gesangbuch aufschlagen und mitsingen.“ Ob sie das wirklich tun – Hamburger weiß es nicht. „Ich kriege ja kein Feedback. Man spielt ins Leere hinein. Es ist völlig abgekoppelt.“

Aber Hamburger gehört nicht zu denen, die aus dem Jammern nicht herauskommen. Drei Choräle hat sie mit insgesamt zehn Chormitgliedern aufgenommen und dafür auch Proben angesetzt. „Das ist natürlich keine Chorarbeit im eigentlichen Sinn.“ Die Arbeit mit und in einem kleinen Ensemble habe aber auch schöne Seiten: „Es ist sehr lehrreich“, findet Hamburger. Besonders für die Chorsänger, die so weit voneinander stehen (müssen), dass sie gefühlt wie Solisten agieren. „Da muss man die vertraute Rolle verlassen“, sagt die erfahrene Chorleiterin: Die Anlehnung an den Nachbarn, eine Korrektur des eigenen Gesangs durch das Überprüfen dessen, was der Nebenmann tut – das gibt es alles nicht mehr. „Da haben einige über sich selbst gestaunt, was sie zuwege bringen“, freut sich Hamburger über diese Bestätigung.

Auftritte und Ziele – alles ist weggebrochen

Eine Bestätigung, die Not tat. „Uns allen fehlt ja ein Ziel“, sagt Hamburger. Auftritte gibt es nicht mehr. Auch für sie selbst nicht mehr. „2020 hatte ich gerade mal drei Auftritte“, sagt Silke Hamburger und zählt kurz auf: Café Nostalgie, ein Liederabend in Bad Neuenahr, ein Auftritt im Altenheim. Die Aufführung von Haydns „Schöpfung“: Bereits zwei Mal verschoben. „Das, was wir erarbeitet haben, werden wir wachrufen können“, sagt Hamburger. „Aber die Chöre haben ein Dreivierteljahr nicht mehr gesungen. Die Stimmen sind eingerostet, sind eingeschlafen. Die Töne sind nicht mehr da, das Klangliche.“ Dies wieder aufzubauen, werde Zeit brauchen: ein Wachschütteln gewissermaßen. „Auch die Kondition wird fehlen. Wir werden kleine Brötchen backen müssen“, sagt Hamburger über die Kantorei, der sie ein zuvor hohes Niveau bescheinigt. An eine Rückkehr aller Sänger glaubt sie nicht – auch wenn sie die Burscheider Chorlandschaft für eine starke hält. Aber: „Singen hält zwar jung, macht aber nicht jünger“, sagt Hamburger mit einem Lächeln. „Es sind einfach zwei Jahre, die verloren sind.“ Denn ein Konzert, einen Auftritt mit 50 Sängern im Gemeindesaal: „Das sehe ich frühestens im Herbst. Schon das wäre für mich ein Wunder.“

Sie selbst hat Miniaturen von Schumann geprobt, mit dem Handy aufgenommen und an Freunde geschickt: Auch dies war eines der dringend benötigten Ziele. „Ich wollte mich bei diesem Abendständchen ja nicht blamieren.“

Wenn die Pandemie zu etwas gut sein sollte, dann dazu: „Vielleicht ist es eine Chance, dass die Gesellschaft ihre Werte überprüft“, sagt Silke Hamburger. Eine Chance, dass die Menschen Kultur nicht länger als Luxus definierten, sondern als Schatz: „Wenn die Kölner Philharmonie neun Monate geschlossen ist, fehlt etwas. Das macht etwas mit uns. Nicht nur mit jenen, die dort spielen und die dort hingehen. Sondern mit uns als Gesellschaft.“

Hintergrund

Zur Person: Silke Hamburger stammt aus Bad Kreuznach und ist seit 1996 in Burscheid als Kantorin der Evangelischen Kirchengemeinde tätig. Sie gründete auch die Konzertreihe „Klangwege“. Hamburger studierte an der Berliner Kirchenmusikschule und war schon als Studentin als musikalische Assistentin an der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche tätig.

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