Persönliches

Manager mit großer Neugier auf die Welt

Zum Jahresende geht Vice President Michael Hedderich in den Ruhestand.
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Zum Jahresende geht Vice President Michael Hedderich in den Ruhestand.
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Tenneco/Federal Mogul: Michael Hedderich, Vice President für Kolbenringe und Zylinderlaufbuchsen, geht in den Ruhestand.

Von Nadja Lehmann

Machtgehabe hat Michael Hedderich nicht nötig. Und wer beim Stichwort Manager an aalglatte Karrieretypen denkt, merkt schnell, dass er hier an der falschen Adresse ist. Der Vice President, der bei Federal Mogul/Tenneco weltweit verantwortlicher Manager für Kolbenringe und Zylinderlaufbuchsen (Rings and Liners) ist, kommt ganz unprätentiös daher, ist einer, der sorgfältig und nachdenklich formuliert, sich Zeit nimmt und der sich in seinen Überzeugungen von einem festen Wertekanon getragen weiß. „Es ist nicht unbedingt meine Art, mich in den Vordergrund zu spielen“, hatte er schon im Vorfeld auf die Gesprächsanfrage des Bergischen Volksboten geantwortet. Zum Jahresende geht der 64-Jährige in den Ruhestand.

„Ein massiver Einschnitt“, sagt er selbst dazu. Verbunden mit durchaus zwiespältigen Gefühlen, wie er bekennt. Freude auf die Freiheit zum einen. „Ich kann mein Leben selbstbestimmter führen, kann meine Termine selbst machen.“ Anders als im Job, der von vielen festgelegten Regelmäßigkeiten bestimmt wurde: Besprechungen, Meetings, Reisen. Und der sich sogar in die Urlaube einschlich: „Ich habe auch dann meine Mails gecheckt und täglich ein bis zwei Stunden gearbeitet“, erzählt Michael Hedderich. „Alles in der Familie hat sich dem anpassen müssen.“

Auf der anderen Seite ahnt er aber auch schon, was ihm fehlen könnte. „Ich habe noch mal viele Standorte besucht“, sagt er. Dresden. Friedberg. Indien. Eine Abschiedstour. „Ich merke, wie viel mir die Mitarbeiter bedeuten.“ Rund 130 Menschen weltweit sind es, die zu seiner sehr autark arbeitenden „Business Unit“ und zum harten Kern gehören, Werksleiter in Russland, China, Indien. Gerade jetzt in diesen unruhigen Zeiten hat es Hedderich geschätzt, sich mit ihnen auszutauschen – über die Weltlage, über Krieg, über die Energiekrise, über Ängste und Hoffnungen. „Ich höre deren Sicht, bekomme unmittelbar etwas mit“, sagt er. „Das habe ich immer als extrem interessant empfunden.“

Ebenso wie seine Reisen in die verschiedenen Standorte. 16 sind es, die zu seiner Business Unit gehören: in Nordamerika, Mexiko, Schweden, Türkei, in Deutschland (Burscheid, Friedberg und Dresden), Russland, Indien, China. „Bloß in Südamerika sind wir nicht“, sagt er. Sich dort selbst ein Bild zu machen, ist dem 64-Jährigen immer wichtig gewesen. Den Menschen zu begegnen. „Respekt vor den Menschen ist für mich ganz entscheidend“, sagt er. Sich zu überlegen, wie man mit dem Gegenüber umgehe, wie man ihm die Freude an Eigenständigkeit und Eigenmotivation vermittle, die Freude, die eigene Qualifikation umfassend einzubringen: „Für mich hat das viel mit Vertrauen zu tun“, sagt Hedderich. „Ich gehe eher das Risiko ein, enttäuscht zu werden.“

Vertrauen und Respekt aber, Hedderich weiß es selbst, gelten nicht in jedem Land als Selbstverständlichkeit. „Am krassesten ist es in Indien, das von der Zugehörigkeit zu einer Kaste bestimmt wird. Das geht im Unternehmen von einem Tee-Boy bis zum Werksleiter. Diesen Hierarchiestatus muss man akzeptieren.“ Seinen europäischen Wertekanon einer anderen Kultur überzustülpen, funktioniere nicht. „Diesen Konflikt muss man aushalten“, sagt er. Die eigenen Werte aber vorzuleben und subtil zur Geltung zu bringen: Das ginge sehr wohl. Ebenso wie den „Teamspirit“ um so kraftvoller in der eigenen Unternehmenskultur zu fördern und umzusetzen. „Natürlich ist es auch unsere Aufgabe, Profit zu generieren“, sagt Hedderich. „Aber das funktioniert nicht, wenn man eine schlechte Moral im Unternehmen hat.“ Er habe sich stets auch den deutschen Standorten und ihren Arbeitsplätzen verpflichtet gefühlt, trotz der hohen Personalkosten hierzulande. Als Mitglied des Vorstands des Arbeitgeberverbands der Metall- und Elektroindustrie Rhein-Wupper hat Hedderich dafür, wie er sagt, gern verhandelt und um Kompromisse gerungen. Ohne großen Streit, wie er findet. Vertrauen auch hier. „Etwas gestalten, Einfluss nehmen“: Ja, das mache ihm Freude, sagt er.

Ebenso wie es das Reisen stets getan hat, die Menschen zu treffen, die Fortschritte in den Werken zu sehen und abends zusammenzusitzen und zu sprechen: Diese Offenheit ist vielleicht der eigenen Weltläufigkeit zu verdanken. Denn Hedderich ist in Südafrika geboren und im westafrikanischen Liberia aufgewachsen. Als Elfjähriger kam er nach Deutschland ins Internat („Das habe ich nicht unbedingt genossen“) und absolvierte Oberstufe und Abitur in Düsseldorf. „Meine Eltern habe ich damals zweimal im Jahr gesehen“, erzählt er. Die frühe Selbstständigkeit habe ihn geprägt: „Ich habe dadurch eigene Positionen entwickelt.“

Zuerst habe er nach dem Abitur überlegt, wie der Vater in den Bergbau zu gehen. „Es war mir dann aber da unten zu niedrig“, sagt er lächelnd. Das Interesse an Technik aber sei präsent gewesen: „Etwas zu produzieren, fand ich immer spannend.“ Es wurde das Studium der Metallurgie in Clausthal-Zellerfeld; es folgten Berufsstationen bei Thyssen und Thyssen Edelstahl. Und 1997 kam Federal Mogul, kam Burscheid. „Führungsverantwortung hat mich früh gereizt“, bekennt Hedderich. Er arbeitet als Produktions- und Werksleiter, wird 2001 Geschäftsführer der Federal Mogul Burscheid GmbH. Über unterschiedliche Positionen hat er sich im Konzern weiter entwickelt und leitet seit zehn Jahren das globale Geschäftsfeld für Kolbenringe und Zylinderlaufbuchsen.

„Ich suche nicht die ständige Veränderung. Ich bevorzuge hohe Kontinuität“, sagt er über die 25 Jahre Federal Mogul/Tenneco. „Ich kann die weitere Entwicklung nicht mehr begleiten“, sagt Michael Hedderich. Auch das wird er vermissen, auch wenn er kein ausgewiesener Autojunkie ist: „Ich bin keiner, der in der schwarzen Limousine links an allen vorbeischießt.“

Der Nachfolger ist ein vertrautes Gesicht

Der Nachfolger ist ein vertrautes Gesicht, eine interne Lösung, über die Hedderich froh ist: Dr. Christian Herbst-Dederichs ist seit 22 Jahren im Unternehmen.

Der private Terminkalender, für den es sonst mühsam Lücken zu finden galt, ist noch leer. Ein kleiner Enkel wartet in Schweden. Überhaupt, die vier Kinder, alle schon erwachsen, die Jüngste ist 25: Hedderich nennt die Vier voller Liebe und Dankbarkeit. „Sie haben verhindert, das ich in eine Management-Blase geraten bin.“ Denn für sie besuchte er die Elternabende in der Waldorf-Schule in Bergisch Born und engagierte sich im Elternvorstand. Und noch immer bescheren sie ihm die größte Freude, wenn die ganze Familie Bundesliga guckt und lustvoll über Schiedsrichter, Tore und Vereine streitet. Leverkusen, Schalke, Dortmund: Sie haben bei Hedderichs alle ihre Fans, inklusive Dauerkarte im Stadion. „Ich bin dankbar“, sagt Hedderich. „Und ich gehe aus eigenem Entschluss und ausgesprochen zufrieden.“

Unternehmen

Im Frühjahr machte Finanzinvestor Apollo den Tenneco-Aktionären das Angebot, ihre Aktien aufzukaufen. Das börsennotierte Unternehmen Tenneco hatte 2018 Federal Mogul übernommen. 1887 hatte Friedrich Wilhelm Goetze die Goetze-Werke in Burscheid gegründet.

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