Krise

Lockdown verlangt Dienstleistern alles ab

Restaurants wie das von Agirios Papazoglou (Porträt) bleiben geschlossen, während das Team von Friseur Migu durchstarten kann. Fotos: Doro Siewert, Friseur Migu, Boris Roessler/dpa
+
Restaurants wie das von Agirios Papazoglou (Porträt) bleiben geschlossen, während das Team von Friseur Migu durchstarten kann.

Miguel Colaco kann mit seinem Team von „Friseur Migu“ bald starten – Für Gastronom Agirios Papazoglou bleibt alles ungewiss.

Von Nadja Lehmann

Durchaus gemischte Gefühle hat Miguel Colaco. „Ich habe ein schlechtes Gewissen. Wir dürfen, und so viele andere dürfen es nicht“, sagt der Inhaber des „Friseur Migu“ an der Montanusstraße. Loslegen nämlich, das Geschäft wieder öffnen: Sehnsüchtig werden von den Kunden die Friseure erwartet, die am 1. März wieder öffnen dürfen. Und da schlägt natürlich das zweite Herz in Colacos Brust: „Ich bin erleichtert, dass wir loslegen dürfen. Ich bin froh.“ Seit vergangenem Mittwoch nach der Bekanntgabe durch den Bund-Länder-Gipfel habe das Telefon nicht mehr stillgestanden: „Und während wir jetzt telefonieren, höre ich es die ganze Zeit anklopfen“, sagt Miguel Colaco zur Schreiberin dieser Zeilen. „Die erste Woche ist schon ausgebucht, die zweite auch fast.“

Natürlich wird es nicht ohne Auflagen gehen. Das weiß auch Miguel Colaco. Aber das insgesamt siebenköpfige Team von Friseur Migu kennt die Regeln und hat sie vor dem zweiten scharfen Lockdown ja bereits umgesetzt: Abstand halten, Maske tragen, desinfizieren, keine Trockenhaarschnitte. „Jeder wird gewaschen. Nur jeder zweite Stuhl wird besetzt, jeder Kunde hat zehn Quadratmeter“ – so beschreibt Colaco die Maßnahmen.

Via Instagram hatte er sich zwischendurch zu Wort gemeldet. „Ich habe mich geärgert. Viele taten so, als ginge es mir doch gut“, erzählt er. Als hätte der Staat doch alles gerichtet und gezahlt. „Zu dem Zeitpunkt war keinerlei Hilfe bei mir angekommen. Kein Kurzarbeitergeld, kein Hilfspaket III.“ Klagen will Miguel Colaco aber nicht, das macht er deutlich. „Ich nage nicht am Hungertuch. Die Rücklagen waren da, ich konnte meine Mitarbeiter bezahlen.“ Seit Mitte Dezember sind diese in Kurzarbeit, inzwischen ist die dem entsprechende Unterstützung auch da.

Wie es anderen Burscheider Friseuren geht, weiß Miguel Colaco nicht. „Man kennt sich, man grüßt sich auch, aber mehr ist da nicht. Viele sehen sich als Konkurrenz“, bedauert er. Doch für die harten Maßnahmen des Lockdowns hat der Burscheider, dessen Familie einst aus Portugal kam, Verständnis. „Es war vernünftig. Die Zahlen waren zu hoch“, sagt er – und freut sich auf den März.

Agirios Papazoglou gehört zu denen, die nicht loslegen dürfen. Er ist der Inhaber des an der Höhestraße gelegenen Restaurants „Korfu“ – und vielen Burscheidern eher kurz und liebevoll als „Aki“ bekannt.

„Es ist momentan eine Katastrophe“, sagt er unumwunden. Lange hat er warten müssen. „Die Hilfen von November und Dezember sind jetzt da“, berichtet er. Im Januar sei ein Teil gekommen, ein weiterer jetzt im Februar. Das sei gut, gewiss, aber „doch nur wie ein Tropfen im Ozean“. „Die Überbrückungshilfen für die Betriebskosten sind lachhaft“, sagt Papazoglou. „Kredite, Krankenversicherungen, Gebäudeversicherungen – alles dies wird nicht berücksichtigt.“

„Die Angst ist jeden Tag da.“

Agirios Papazoglou, Gastronom

Mehr als alles andere aber zermürbt den 64-Jährigen die Ungewissheit. „Wenn ich wüsste, dass wir beispielsweise am 1. April öffnen können, dann würde ich die Zähne zusammenbeißen“, sagt er. Auch über zaghafte Schritte wäre er glücklich. „Ich könnte meine Terrasse öffnen, alle Auflagen einhalten.“ So aber sei „die Angst jeden Tag da“.

Warum sei im Sommer kein weitreichendes Konzept entwickelt worden? „Ich bin sehr überrascht“, sagt er über das als sonst so effizient geltende Land, das seine Heimat ist und in dem er sich selbst als Kommunalpolitiker engagiert: Für die CDU sitzt der Gastronom im Stadtrat. Aber mittlerweile riskiert er einen Blick nach Griechenland. In das einst so krisengeschüttelte. „Für Ende Februar hat meine 84-jährige Mutter dort einen Impftermin bekommen“, erzählt er. In Deutschland sei ihm eine solche Vereinbarung bisher weder am Telefon noch online gelungen. „Ich bin überrascht“, sagt er nochmals. „Das bin ich von unserem Staatsapparat nicht gewöhnt.“

Doch er setze auf seinen „südländischen Optimismus“: „Bei uns ist das Glas immer halbvoll.“ Und dafür hängt er auch zu sehr am „Korfu“, das er seit 1996 führt und das seine Eltern 1973 aufbauten. Mit dem Restaurant sei er vor dem Lockdown auf gutem Weg gewesen: „Trotz der Krise. Die Kunden kamen.“ Jetzt sei er auf 25 Prozent der Vorjahreseinnahmen abgerutscht – und „die Banken halten auch nicht mehr lange still. Jeder will überleben. Ein Teufelskreis.“ Doch eines steht für ihn schon unverrückbar fest: „Ich mache weiter.“

Hintergrund

Durch die Ankündigung der Bund-Länder-Konferenz „körpernahe Dienstleistungsbetriebe“ schrittweise wieder zu öffnen, zeichnet sich eine Perspektive für das Friseurhandwerk ab: Friseursalons dürfen ab 1. März wieder ihre Türen für Kunden öffnen. Andere Gewerke bleiben jedoch weiter im Ungewissen. „Die Situation ist weder tragbar, noch erklärbar“, sagt Garrelt Duin, Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer zu Köln. Er fordert eine Perspektive beispielsweise auch für das Kosmetikhandwerk. „Gerade bei diesem Gesundheitshandwerk geht es ja um fachlich anspruchsvolle Aufgaben der Körperpflege.“

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Bergischer Feierabendmarkt feiert seine Premiere in Burscheid
Bergischer Feierabendmarkt feiert seine Premiere in Burscheid
Bergischer Feierabendmarkt feiert seine Premiere in Burscheid
Kulturbadehaus bietet dreitägiges Open Air
Kulturbadehaus bietet dreitägiges Open Air
Kulturbadehaus bietet dreitägiges Open Air
Bergischer Feierabendmarkt in Burscheid
Bergischer Feierabendmarkt in Burscheid
Bergischer Feierabendmarkt in Burscheid

Kommentare