Jede Generation altert anders

Senioren: Lieber Rolling Stones als Kurkonzert

Jede Generation altert anders und hat andere Vorstellungen vom Lebensabend.
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Jede Generation altert anders und hat andere Vorstellungen vom Lebensabend.
  • VonNadja Lehmann
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Die Woodstock-Generation wird alt: Eine Herausforderung für Altenheime, Pflegeeinrichtungen, Betreute WGs.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Rolling Stones statt Kurkonzert: Die künftige Seniorengeneration tickt anders. Und erwartet vom Lebensabend mehr als Kaffeekränzchen und Bastelnachmittage. Erwartet auch andere Wohnformen und Selbstständigkeit, so lange es möglich ist. Eine Herausforderung für diejenigen, die sich um diese Älteren kümmern: Altenheime, Betreute Wohngemeinschaften, Pflegeeinrichtungen. Zumal es sich um die geburtenstarken Jahrgänge der Sechziger handelt, die da im Anmarsch sind. „Wir müssen ganz bestimmt gucken, wie wir uns dann verändern“, sagt Johanna Bonde. Zumal dann ja nicht nur eine neue Generation an Bewohnern vor der Tür stehe, sondern auch eine der Mitarbeitenden.

Seit 20 Jahren arbeitet Johanna Bonde bei der Rheinischen Gesellschaft für Diakonie und leitet im Burscheider Luchtenberg-Richartz-Haus auf der Schützeneich den Pflegedienst. Noch seien jüngere Menschen im stationären Bereich in der Minderheit und würden sich dem entsprechend eher den Bedürfnissen der Mehrheit anpassen als umgekehrt, sagt Bonde: „Aber die jetzige Generation der Senioren ist ja auch bereits anders als die davor. Viele sind geistig und körperlich noch sehr fit. Viele haben Kinder und Enkelkinder, die in der Welt verstreut leben. Dadurch bekommen sie viel mit, können mitreden.“ Eine gute Mischung sei es auf der Schützeneich, findet Bonde. „Die heutigen Senioren altern anders, sind schon moderner. Und die Generation, die danach kommt, ist es wahrscheinlich noch mehr.“

Selbstbestimmt leben, solange es geht: Johanna Bonde kennt diesen Wunsch aller, die alt werden. „Es werden vermutlich weitere Wohnformen kommen“, sagt sie: Sie hoffe indes nicht, dass damit ein Altenheim zur allerletzten Station werde. „Denn das sind wir nicht. Bei uns gibt es viel Lebendigkeit und Freude. Wir geben alles, damit es schön und fröhlich ist, binden Angehörige ein, gehen ganz stark nach außen, verstehen uns als Teil der Stadt.“

Ein Grundsatz, an dem Corona gewaltig rüttelte. „Das hat uns ausgebremst und war nicht gut“, sagt Johanna Bonde offen. Peu à peu lasse die Heimleitung mehr Normalität zu, habe sich gemeinsam mit dem Sozialen Dienst aber auch in der Pandemie viel einfallen lassen: „Wir haben die Menschen einzeln besucht oder uns auf den Fluren gesehen.“ Nun konzipieren Heimleitung und Sozialer Dienst ihre Veranstaltungen neu. „Es tut uns gut, dass die Kurzzeitpflege bei uns ist“, findet Bonde. Da seien auch Jüngere dabei: „Die sind dann mit dem Laptop unterwegs.“

Ein Altenheim sei eben nicht die letzte Station: „Wir sind Teil eines Netzwerks, in dem jeder für seinen Bedarf etwas findet“, sagt Bonde. „Und da ist Burscheid gut aufgestellt.“

Einer dieser Bausteine ist das Betreute Wohnen, das der Pflege- und Betreuungsservice Berger GmbH & Co. KG seit 16 Jahren in Burscheid anbietet. „Wir setzen unseren Bewohnern nichts vor“, sagt Veronika Ella Berger. Noch höre die jetzige Generation gerne Schlager, aber: „Wir werden uns, wenn sich das ändert, natürlich anpassen.“ Dazu gehöre, dass man das Konzept der WG überarbeite. „Die Woodstock-Leute sind anspruchsvoll“, sagt Veronika Ella Berger, die gleichwohl eine Schieflage aufziehen sieht: „Im Gegensatz zu den jetzigen Bewohnern, der Nachkriegsgeneration, werden sie keine sichere Rente mehr haben. Manche werden das nicht bezahlen können. Dann kommt das Sozialamt ins Spiel.“ Eine Herausforderung angesichts des jetzt schon spürbaren Fachkräftemangels. „Wir gehen da keinen guten Zeiten entgegen.“

Krankheitsbilder werden sich verändern

„Die Krankheitsbilder werden sich ändern“, sagt Melanie Gratza. Weil die Menschen älter werden, aber auch anders gelebt haben. Gratza gehört zum Leitungsteam der Diakonie-Sozialstation und leitet das Haus Regenbogen, eine WG, die ins Portfolio der Rheinischen Gesellschaft für Diakonie gehört. Sie nennt neben Demenz Burnout, Long Covid sowie Alkohol- und Drogen-Problematiken. „Wir haben gerade im Team darüber gesprochen, wie das zukünftig sein könnte“, sagt Gratza und kann sich das schon sehr plastisch vorstellen: „Der ein oder die andere ist tätowiert. Abends wollen sie vielleicht länger zusammensitzen. Fernseher gibt es nicht mehr, stattdessen hat jeder Computer und Spielekonsole. Statt Mensch ärgere dich nicht zu spielen, wird ein bisschen gezockt und an der Shisha-Pfeife gezogen.“ Auch der Sprachjargon könnte sich ändern: „Ich glaube nicht, dass diese Generation gesiezt werden will“, sagt Melanie Gratza.

Und die Themen werden neue sein: „Die jetzigen Senioren erzählen noch vom Krieg. Das wird es nicht mehr geben.“ Auch mit mehr ausländischen Bewohnern rechnet Gratza.

„Das Beschäftigungsangebot wird dann ein anderes sein müssen“, sagt sie. Sie vermutet aber auch, dass sich der Zusammenhalt intensivieren könnte. „Es wird mehr WGs geben“, ist sie überzeugt. „Die sind ja jetzt gerade erst im Anmarsch.“ Und ein Thema werden auch für jüngere Senioren, die sich ab Ende 60, Anfang 70 einmieten: „Sie wollen dann noch etwas mitgestalten.“ Wie in einer Jugend-WG eben: „Bloß jetzt für Senioren“, sagt Gratza.

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