Burscheid

Ein lebendiges Denkmal: Strutz Settchen

Das Settchen, wie sie die Burscheider kannten: ein Original, das stets in Burscheid präsent war. Eine typische Szene: Am Verkaufsstand auf dem Sportplatz Griesberg. Rechts daneben steht ihr Sohn. Foto/Repro: Herta Hilbrandt/Stephan Sawusch
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Das Settchen, wie sie die Burscheider kannten: ein Original, das stets in Burscheid präsent war. Eine typische Szene: Am Verkaufsstand auf dem Sportplatz Griesberg. Rechts daneben steht ihr Sohn.

Die „Frage-Frau“ ist vielen Burscheidern in Erinnerung geblieben.

Von Sabine Wurmbach

Wer in den 1950er-, 1960er-Jahren in die Stadt ging, sah sie bei Wind und Wetter zwischen dem „Deutschen Haus“ und der Metzgerei Zerwes stehen: Strutz Settchen. Gekleidet in der für sie typischen weißen, gestärkten Schürze stand sie dort tagein und tagaus. In ihrem großen Korb bot sie allerlei Leckereien und Verführungen an: von Brötchen und Kaugummi über Lakritz bis hin zu Streichhölzern und Zigaretten.

Sie hatte sie zuvor meistens bei Riemscheid besorgt und rechnete sie nach dem Verkauf dort auch ab. Neben der Metzgerei Zerwes war ihr Stammplatz, sie wechselte aber auch die Örtlichkeiten. Vor allem im Sommer bei Schichtschluss wartete sie bei Goetze vor dem Pförtner auf die dortigen Mitarbeiter, um ihnen Eis als Erfrischung anzubieten.

Viele sportliche Burscheider erinnern sich bestimmt noch an Strutz Settchen, wie sie – meist am Wochenende – auf dem Sportplatz am Griesberg ihre Ware feilbot. Sie kannte fast alle und wen sie noch nicht näher kennengelernt hatte, dem stellte sie viele Fragen. Denn sie war eine „Frage-Frau“, erinnert sich Sigrid Linden.

„Wem hörst du? Wie heißt dinge Vatter?“

Strutz Settchen

So stellte sie jedem, mit dem sie das erste Mal ins Gespräch kam, zuallererst die Frage: „Wem hörst du? Wie heißt dinge Vatter?“ Denn sie wollte zuerst Klarheit über die Herkunft der Person gegenüber: Zu welcher Familie gehörte sie/er? Wer waren die Eltern? Wenn der Betroffene alles ausführlich und wahrheitsgemäß beantwortet hatte, war sie zunächst einmal zufrieden. Damit aber letzte Zweifel beseitigt werden konnten, schloss sich die Frage an: „Wie heißt dinge Oppa?“

Über ihre eigene Abstammung lässt sich Folgendes festhalten: Sie wurde als Lisette Nonnenbruch und Tochter von Wilhelm und Lisette Nonnenbruch am 22. April 1874 in Lützenkirchen geboren. Ihr Vater gab als Beruf Lumpensammler an. Schon bald zogen die Nonnenbruchs nach Burscheid. Lisette wuchs hier auf, ging zur Schule, absolvierte danach aber keine Ausbildung.

Dann lernte sie ihren späteren Ehemann Adolf Strutz (geboren im Jahr 1871 in Elbinghausen, Kreis Lennep) kennen. In den hiesigen Standesamtunterlagen ist ihre Hochzeit am 25. März 1896 – dort wird die Braut unter dem Namen Lisetta geführt – eingetragen worden. Es pressierte wohl, denn bereits am 18. April 1896 wurde die Geburt des Sohnes Ernst Paul beurkundet. Er selbst war wiederum später zwei Mal verheiratet, bevor er am 4. Oktober 1967 in Burscheid die Augen für immer schloss. Soviel zur Chronik – nun zum Settchen, wie sie jeder in Burscheid nannte.

Sie verkaufte Waren, weil ihr Mann früh verstarb und sie keinen Beruf hatte. Deshalb begann sie mit dem unkonventionellen Verkauf mitten in Burscheid. Stets trug sie die für sie so typische weiße Schürze – gebügelt, gestärkt und porentief rein. In Bezug auf ihre äußere Erscheinung legte sie auch großen Wert auf ihre Haare und Frisur.

Als Toilettenfrau verdiente sie ein paar Groschen nebenbei

Als sie in der Luisenstraße wohnte, besuchte sie jeden Morgen den Friseur in der Nachbarschaft, der ihr Haar nicht nur wusch und trocknete, sondern korrekt die Locken legte. Wenn sie einmal nicht alle Waren an ihrem Standplatz verkaufen konnte, ging sie anschließend an den Häusern und Türen vorbei und klingelte dort. „Kooft me doch jet aff“, sagte sie und wurde meist ihre Restware auf diese Weise quitt.

Trotz all dieser Aktivitäten wird ihr Einkommen nicht immer auskömmlich gewesen sein. Deshalb verdiente sich das Settchen ein paar Groschen nebenbei als Toilettenfrau in manch’ einer Lokalität in Burscheid. Aber auch dabei verlor sie nie ihren Humor und vorwitzige Art.

So ging es über viele Jahre, bis auch ihr das Alter zusetzte. Zuletzt hatte sie großen Kummer wegen ihrer Augen, bis sie fast ganz erblindete. Ihr Sohn war bereits gestorben, da kam sie in das Altenheim Budde-Stiftung, wo sie am 27. September 1969 verstarb.

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