Lebendige Erinnerungen an das Raderhaus

Das Raderhaus hat eine lange Tradition. Hier eine Aufnahme von August 2007. Foto: Heinz Kramer
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Das Raderhaus hat eine lange Tradition. Hier eine Aufnahme von August 2007. Foto: Heinz Kramer

Ur-Enkel Henning Rader (80) sprach über die Firmengeschichte – In der Nachbarschaft gab es viel Handwerk

Von Ursula Hellmann

Das Raderhaus. Ein Begriff für Burscheid und besonders für die Anwohner der unteren Hauptstraße. Ein kleiner Hinweis auf dem Namensschild Raderweg sagt es mit wenigen Worten: Färberei und Bleicherei-Unternehmen Rader, gegründet 1830, abgebrochen 1989. Nur das Eckwohnhaus Raderweg 2 zeugt noch von der ehemaligen Größe der Firma.

Auf alten Fotos sind sie noch zu sehen: Die für damalige Verhältnisse hochmodern arbeitenden Tuchtrockenanlagen, die Färbeabteilung und die Bügeleinrichtungen. Der Gründer J.W. Rader nannte seinen Betrieb eine Lohnfärberei, Baumwoll-Stück-Bleicherei und Appretur-Anstalt. Die Maschinenhallen entstanden gleich hinter dem verschieferten Wohnhaus und erstreckten sich bis über das Gelände des heutigen Supermarktes „Netto“.

Urgroßvater Rader und seine Ehefrau sind heute als Ölgemälde mit anderen wertvollen Erinnerungsstücken im ursprünglichen Wohntrakt vereint. Mit ihrem Ur-Enkel Henning Rader (80) und seiner Gattin konnten wir über die Firmengeschichte sprechen. Da wurden auch die Verbindungen zu den unmittelbaren Nachbarn des Raderhauses deutlich.

Henning Rader: „Der Färbevorgang mit allen Arbeitsgängen verlangte einen immensen Wasserverbrauch. Der Entschluss, das Werk hierher zu bauen, kam hauptsächlich, weil das Naturwasser-Reservoir in der Talsenke so günstig lag. Die Teiche etwa 100 Meter unterhalb des Geländes bekamen eine Pumpanlage speziell für unseren Wasserbedarf. Damit in den Nachtstunden kein ungenutztes Wasser anfiel, stellte zum täglichen Arbeitsende ein Angestellter die Pumpe ab und am Morgen früh genug wieder an. Diese Aufgabe erledigte Meister Lenzhäuser. Er wohnte seinerzeit in einer Betriebswohnung im Raderhaus.“

Färben, Bleichen und Weiterverarbeiten von Stoffen für eine breite Palette von Verwendungszwecken braucht einen internationalen Kundenkreis. Wurden in Afghanistan Spezialmengen zur Wundpflasterherstellung gebraucht, konnte die Firma Rader auch diese problemlos liefern.

„In der oberen Etage betrieb die Wirtin ein richtiges Kino.“

Heinz Kramer, Sohn

Der letzte Firmeninhaber Henning Rader war auch nach dem Ende des Unternehmens noch viele Jahre beruflich tätig als Wirtschaftsprüfer. Zum jüngeren Nachbarschafts- und Bekanntenkreis von Familie Rader gehörten auch die Verwandten des im Betrieb tätigen Heiz- und Wasserverantwortlichen Lenzhäuser.

Nicht weit vom Raderhaus, in dem Häuserblock, der sich an die evangelische Kirche anschließt, hatte sich 1929 ein junger Schuhmachermeister eine eigene Werkstatt eingerichtet. Dieser Fritz Kramer lernte sein Handwerk bei seinem Vater Arnold Kramer Im Durfeld und arbeitete anschließend zwei Jahre in der Schuhfabrik Louis Frankenstein. 1933 wurde aus Lenzhäusers Tochter die junge Frau Kramer. Für das Paar reichte der Wohnraum bei der Mutter der Braut im Raderhaus ebenso. Auch als 1936 ein kleiner Heinz Kramer in der Wiege lag, blieben sie dort zuhause.

Die Schusterwerkstatt von Fritz Kramer in der Hauptstraße 38 florierte sogar in den schwierigen Nachkriegsjahren. Sohn Heinz – heute 84 – weiß es noch sehr genau: „Mein Vater beschäftigte damals drei Gesellen. Einer von ihnen war Niederländer, der zweite war Franzose und der dritte stammte aus Russland. Wie diese besondere ,Völkerverständigung‘ zustande gekommen war? Keiner hat danach gefragt.“

Die Häuserzeile rechts der Kirche steht in ihrer Gänze ebenfalls unter Denkmalschutz. Außer dem Schuhreparatur-Geschäft Kramer gab es weitere Mieter im Haus Hauptstraße 38. Darunter auch ein sogenanntes Original im Kreis der Handeltreibenden.

Mit Pferdewagen und Anhänger zog Rudi Hufschmidt durchs Land und verkaufte Arbeitsbekleidung jeder Art an den Haustüren. Heinz Kramer, einziger Sohn des Schuhmachers Fritz, erinnert sich gerne an seine Kinderjahre. „Die Hausecke zur Kirche hin war damals die Gastwirtschaft ,Zur Linde‘. In deren oberer Etage betrieb die Wirtin ein richtiges Kino. Meine Spielkameraden und ich profitierten recht gut von ihrer Freundlichkeit. Wir genossen die Vorführungen sogar von der oberen Galerie aus.“

Zu der reinen Schusterwerkstatt richtete Fritz Kramer 1950 ein gut bestücktes Schuhgeschäft ein. Zehn Jahre später feierte sein Sohn Heinz Hochzeit mit Helga, geborene Maretsch. Die gebürtige Kölnerin nutzte ihre Begabung und schloss eine Ausbildung als Fußpflegerin ab. So gab es im Nebenraum vom Fußbekleidungsladen über zwanzig Jahre lang eine Fußgesundheitsstation.

In dem Zwischenteil der Häuserzeile Richtung Pastor-Löh-Straße wechselten öfter die Auslagen in den kleinen Schaufenstern. So gab es eines Tages den Friseurladen von „Tante“ Julchen nicht mehr. Sie verkaufte ihre Räume an den Uhrmacher Lenzhäuser, einen Onkel von Heinz Kramer, hatte aber lebenslanges Wohnrecht. Einige Zeit gab es dort auch ein Eisenwarengeschäft.

Die Gebäudetrakt-Ecke zur Pastor-Löh-Straße hin war bis in den Anfang der 80er Jahre als Farben- und Tapetengeschäft Matzig bekannt. Ein Kaufinteressent erwog Anfang der 80er Jahre den Abriss eines Großteils der Häuserzeile. Das Denkmalamt stellte zum Glück den kompletten Block als historisches Gesamtbild unter Denkmalschutz und verhinderte diesen Fehler rechtzeitig. Es dauerte noch bis ins Jahr 1989, bis in die umgebauten und modernisierten Räume die Stadtbücherei einziehen konnte.

Das Schuhgeschäft Kramer existiert seit 2007 nicht mehr. Was aus ihrer einstigen Wirkungsstätte werden wird? Es gibt Pläne, Wünsche und verlangt noch viel Entscheidungen. Heinz und Helga Kramer zogen sich in ihr komfortables Heim im Raderweg zurück. Auch ihr großes Hobby – Extremwandern durch ganz Europa – liegt nur noch als Fotos in den Alben. Sie sind aber beide noch stets sehr interessiert, was sich in „ihrem“ Burscheid tut.

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