Musikstadt

„Kultur wird wie ein Stiefkind behandelt“

Jeder Burscheider kennt diese Skulptur: Die musizierenden Kinder sind am Rathauseingang an der Höhestraße postiert – als Symbol für die inoffizielle Musikstadt. Archivfoto: Nadja Lehmann
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Jeder Burscheider kennt diese Skulptur: Die musizierenden Kinder sind am Rathauseingang an der Höhestraße postiert – als Symbol für die inoffizielle Musikstadt.

Sorge um den Fortbestand der Musikschule.

Von Nadja Lehmann

Marie-Luise Mettlach findet deutliche Worte: „Es wäre eine Schande, wenn die Musikschule aus Geldmangel eingehen würde.“ Und das, wo Burscheid als Musikstadt firmiere. Mettlach fühlt sich der Musikschule verbunden, betrachtet sie als Basis der Musicalischen Academie von 1812 zu Burscheid, bei der ihr Mann bis 2002 Vorsitzender war und für die Mettlach die Festschrift zum 175-jährigen Bestehen schrieb. In ihrem Entsetzen über ein drohendes Aus der Musikschule weiß sich die Historikerin und Autorin nicht allein.

Auch die aktuelle Vorsitzende der Musicalischen Academie, Anke Wischer, bekennt, dass sie „in fürchterlicher Sorge“ um die Musikschule ist. „Ich kann nicht nachvollziehen, warum die Stadt so zögert.“ Durch ihren Vorsitz bei der Musicalischen Academie ist Wischer automatisch bei der Musikschule eingebunden: Diese ist ein eingetragener Verein, Wischer ist mit im Vorstand – und kennt die Diskussionen. „Wir haben vonseiten der Stadt gehört, dass sie befürchtet, dass, wenn sie uns hilft, auch alle anderen Burscheider Vereine Begehrlichkeiten äußern“, sagt sie.

Ebenso wie der Vorsitzende des Musikschulvereins, Michael Baggeler, hält Wischer das nicht für vergleichbar: „Als Musikschule haben wir einen ganz anderen Bildungsauftrag“, sind sich beide einig.

„Es gibt vonseiten der Stadt kein großes Interesse an der Musikschule.“
Anke Wischer, Vorsitzende Musicalische Academie

Beide kennen auch die Vorbehalte, die aus dem Umfeld der Politik zu hören waren: Dass die Musikschule ihre Verwaltungskräfte zu aufwendig entlohne – und es gelte, zunächst dort zu sparen. „Einsparpotenziale loten wir zur Genüge aus“, sagt Baggeler. So habe es seit 2013 keine Erhöhung der Personalkosten gegeben: „Niemand bei uns hat eine Vollzeitstelle, auch nicht der Leiter, Herr Kinzel.“ Früher habe es sogar zwei volle Teilzeitstellen gegeben, heute eine plus eine Kraft auf 450-Euro-Basis. „Es gibt ja auch den Vorschlag, die Musikschule sollte im Ehrenamt geführt werden“, sagt Baggeler. Das ist aus seiner Sicht ein Ding der Unmöglichkeit: „Wir haben 500 Schüler, wir haben freiberufliche Dozenten, es geht um Anmeldungen und Honorare – alle diese Dinge müssen professionell geschehen.“

Denn die Musikschule sei Dienstleister: „Es gibt vonseiten der Schüler und Eltern keine gefühlsmäßige Bindung an die Musikschule. Diesen ideellen Unterbau von einst, mit Mitgliedern aus Musicalischer Academie und Orchesterverein Hilgen, die sich mit einbringen und etwas übernehmen, den gibt es nicht mehr. Heute wird von den Eltern und Schülern erwartet, dass es klappt.“ Man werde keine Musikschule in vergleichbarer Größenordnung finden, in der die Arbeit ehrenamtlich gestemmt werde. „Das funktioniert nicht.“ Auch die finanziellen Dinge gebe man bewusst an ein Steuerbüro, gerade hinsichtlich der komplizierten Abrechnungen der freiberuflichen Dozenten.

„Es gibt vonseiten der Stadt kein großes Interesse an der Musikschule“, bedauert Anke Wischer. Das sei früher anders gewesen, das habe in den damals existierenden Beirat auch die Stadt einen Vertreter entsandt. „Sollte sich die Stadt jetzt finanziell engagieren wollen, würden wir sie gern im Gremium haben.“ Schon, um Gerüchte, man zahle seinen Verwaltungskräften zu viel, zu widerlegen.

Derlei Mutmaßungen gibt es um die Orchesterschule nicht: Sie ist die Musikschule des Orchestervereins Hilgen – und arbeitet ausschließlich ehrenamtlich. „Wir kommen plus-minus-null heraus“, sagt Vorstandsmitglied Dr. Axel Plutte. Man sei aber mit der Musikschule nicht vergleichbar, weil man ausschließlich Instrumentalunterricht für Bläser anbiete und so Nachwuchs fürs eigene Orchester rekrutiere. „Wir könnten die Musikschule mit ihrem Angebot nicht ersetzen. Das würde auf eine Verengung hinauslaufen“, stellt Plutte klar. Streichinstrumente blieben auf der Strecke: „Übernehmen könnten wir nur Bläser.“ Der Verlust der Musikschule wäre nicht aufzufangen.

Positioniert haben sich bereits die Fraktionen. SPD und Bündnis für Burscheid fordern, eine finanzielle Unterstützung der Musikschule in den Haushalt einzustellen: Dieser soll Mitte Februar verabschiedet werden. „Wir werden nicht zustimmen, wenn die Musikschule dort nicht auftaucht“, hatte SPD-Fraktionsvorsitzender Klaus Becker bei der Einbringung des Haushalts am Rand der Hauptausschusssitzung bereits angekündigt.

Bei der Gründung der Musikschule 1972 habe die Stadt sogar Pate gestanden, sagt Michael Baggeler. Man habe über die Rechtsform diskutiert und sich für einen Verein entschieden: „Man glaubte, man sei dann freier.“ Bis Mitte der Achtziger seien Unterstützungen geflossen, bis zum Finanzcrash der Stadt 1989.

Die prekäre Lage sei schon lange bekannt, betont Baggeler: Bereits 2016 habe der Verein umfangreich informiert, im Schulterschluss mit dem Verband Deutscher Musikschulen und dem Leichlinger Musikschulleiter.

„Wir wollen Verständnis dafür wecken, was Musikschule bedeutet“, sagt Baggeler. Die Lobby für Kultur, insbesondere die Musik, sei jedoch in Stadt und Politik sehr klein geworden: Ein Eindruck, den auch Marie-Luise Mettlach teilt: „Viele würde eher für den Sport etwas locker machen.“ Dabei gehöre die Kultur mindestens ebenso zum Leben und zur Stadtgesellschaft wie der Sport: „Kultur wird wie ein Stiefkind behandelt. Da reagiere ich allergisch darauf. Und gleichzeitig schmückt man sich vor dem Rathaus mit dem Sinnbild der musizierenden Kinder.“

Burscheid ohne Musikschule? Das mögen sich Anke Wischer, Marie-Luise Mettlach, Michael Baggeler und Dr. Axel Plutte nicht vorstellen. „Der Februar ist der Monat der Wahrheit“, sagt Baggeler mit Blick auf die Haushaltsberatungen der Fraktionen und die geplante Verabschiedung am 18. Februar. „Sonst gehen 2022 die Lichter aus.“

Hintergrund

Die Musikschule Burscheid wurde 1972 als gemeinnütziger Verein mit Unterstützung der Stadt Burscheid gegründet - mit dem Ziel, der Musicalischen Academie und dem Orchesterverein Hilgen gut ausgebildeten Nachwuchs zuzuführen. Bereits im vergangenen Frühjahr hatte das Musikschulteam auf seine prekäre Finanzsituation aufmerksam gemacht. Bis dahin hatte eine private Erbschaft ein Polster gebildet. Diese jedoch ist bald aufgebraucht. Weil sich die Kommune nicht finanziell beteiligt, sind inzwischen auch Landeszuschüsse gefährdet. Der Musikschule droht 2022 ihr Ende, wenn sie eigentlich ihr 50-jähriges Bestehen feiern würde. Jüngst überreichte Musikschulleiter Thomas Kinzel Bürgermeister Stefan Caplan eine Liste: 1212 Unterzeichner baten darin die Stadt, die Musikschule nicht hängenzulassen und schlossen sich deren Bitte um finanzielle Unterstützung an.

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