Interview

„Die Kultur hat ihren Wert nicht verloren“

Im vergangenen Jahr hat Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos mit seiner Band Tri State Corner im Megafon in der Montanusstraße gespielt. Archivfoto: Doro Siewert
+
Im vergangenen Jahr hat Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos mit seiner Band Tri State Corner im Megafon in der Montanusstraße gespielt.

Interview mit dem Burscheider Musiker Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos.

Von Stephan Eppinger

Wie erleben Sie gerade die Situation im zweiten Lockdown?

Vassilios „Lucky“ Maniatopoulos: Privat bin ich sehr gespannt, was werden wird und wie lange das Ganze noch dauert. Negativ ist für mich, das Menschen schwer erkranken, das ist furchtbar. Schwierig ist auch, dass man seine Kontakte und Begegnungen mit der Familie und Freunden einschränken muss. Positiv finde ich, dass wir gerade eine Entschleunigung durchleben. Alles fährt herunter und konzentriert sich auf das Wesentliche. Das gibt einem Zeit und Raum, sich zu sortieren und alles ins Lot zu bringen. Da wird auch viel renoviert und endlich mal der Papierkram erledigt.

Wie sieht es beruflich aus?

Nicht auf der Bühne sein zu können, fehlt ihm.

Maniatopoulos: Das berufliche Leben steht bei mir auf drei Säulen: Ich bin Musiker und als Sänger bei Tri State Corner sowie als Schlagzeuger bei Rage. Da hat man bis zu 100 Konzerte im Jahr, die 70 Prozent des Einkommens ausmachen. Das war alles auf einen Schlag weg. Das hat finanzielle Folgen, ist aber auch schwer für die Psyche und die Seele. Bei Konzerten kann ich mich ausleben, das fehlt mir jetzt und ist kaum zu ertragen. Man fühlt sich wie in einem Gefängnis.

Was sind die anderen beiden Säulen?

Maniatopoulos: Da ist zum einen die Booking-Agentur, die von Veranstaltungen wie Konzerten lebt, die es aktuell nicht gibt. Alleine im März sind so drei Viertel unseres Umsatzes weggebrochen. Wir haben aber versucht, uns trotzdem neu zu erfinden und konnten in verschiedenen Bereichen in unsere Zukunft investieren, um uns neu aufzustellen. So werden wir als Agentur bis Ende des kommenden Jahres überleben können, ohne dass wir Kündigungen aussprechen müssen. Das ist eine große Sache für eine kleine Firma mit acht Leuten. Man kann auch froh sein, in Deutschland zu leben. Da wurde uns mit den Zuschüssen und dem Kurzarbeitergeld wirklich geholfen.

Sie arbeiten auch als Dozent an der Uni.

Maniatopoulos: Das ist meine dritte Säule. Ich bin an der Akademie Deutschen Pop, einer Musikuni, die zur University of London gehört, Dozent für Event- und Projektmanagement. Normalerweise hätte ich jetzt Vorlesungen in Köln und Bochum. Aber seit gut einem halben Jahr läuft das alles online und so kann der Job weitergehen. Mein Fazit ist, es gibt Sachen die funktionieren und andere, die gerade nicht möglich sind. Das Wichtigste ist aber, dass man sich für die Zukunft weiterentwickelt. Darin muss man investieren.

„Man kann froh sein, in Deutschland zu leben.“

Vassilios Maniatopoulos, Musiker

Wie war der Sommer für den Musiker?

Maniatopoulos: Wir haben mit Rage auf zwei Corona-Festivals gespielt. Beim einen waren auf einer Fläche, wo sonst 2000 Zuschauer hinpassen, nur 200. Beim anderen gab es eine Kombination von Liegestühlen, Bierbänken und Leuten, die im Auto saßen. Dazu kam das Waken Worldwide – ein Streamingkonzert ohne Publikum. Unser Video dazu haben wir in der Balver Höhle im Sauerland aufgenommen. Da haben anderthalb Millionen Leute zugeschaut. Dazu kam noch ein Kirchenkonzert in Essen vor 300 Leute und mit unserem Metalsound.

Was war mit Tri State Corner?

Maniatopoulos: Da gab es keine Liveauftritte. Wir arbeiten gerade an unserem neuen Album, das am 21. Mai veröffentlicht wird. Wir hatten in den vergangenen Jahren sehr viele Konzerte und das bei einer Band, bei der drei Leute noch anderweitig berufstätig sind. Jetzt war die Zeit für das nächste Album gekommen und im Mai wollen wir damit auf Tour gehen – natürlich auch coronakonform.

Wie hat die Unterstützung durch den Bund und das Land geklappt?

Maniatopoulos: Beim Unternehmen, unsere GmbH, hat das gut funktioniert mit den Überbrückungshilfen und dem Kurzarbeitergeld. Wir haben auch Fördermittel für die Ausbildung bekommen und konnten so im September einen zweiten Auszubildenden einstellen. Als Soloselbstständiger und Musiker war das alles etwas schwieriger. Die erste Einmalzahlung hat gut funktioniert, aber bei der nächsten ging es nur noch um die Betriebskosten und von denen hat man als Musiker kaum welche. Dazu kam das Programm „Neustart Kultur“ der Bundesregierung, bei dem Stipendien vergeben wurden. Wichtig ist bei allem, dass man sich ständig damit beschäftigt.

Wie sehen Sie die Rolle der Kultur aktuell?

Maniatpoloulos: Die Situation der Kultur sehe ich heute nicht mehr so schwarz wie noch im April. Wir haben nicht die Lobby, wie sie andere Industriezweige haben und die Politik hat sich auch schwergetan, die Bedürfnisse der Kulturschaffenden zu verstehen. Aber es gab auch sehr viel Aktionismus, der geholfen hat, dass die Kultur besser wahrgenommen wird. Jetzt ist die Stellung der Kultur besser, weil man die Politik unter Druck gesetzt hat. Für die Zukunft müssen neue Wege gegangen und neue Strukturen geschaffen werden. Das gilt zum Beispiel für die Sozialversicherung und das Arbeitslosengeld. Da brauchte es innovative Strukturen, die die Kultur zum Teil des Systems werden lassen.

Welche Bedeutung hat Kultur für Menschen in der Krise?

Maniatopoulos: Die Kultur spielt eine riesengroße Rolle. Viele haben geunkt, dass es viele Teile der Kultur nicht mehr geben wird und dass die Menschen nicht mehr zu Kulturveranstaltungen gehen werden. Das sehe ich nicht so. Die Kultur hat ihren Wert nicht verloren. Die Menschen haben in einer Zeit, in der ihnen viel Freizeit und darunter auch Kultur verwehrt worden ist, gemerkt, wie wichtig Kultur für sie ist und wie sie sich danach sehnen. Ich glaube, die Kultur wird in der Krise an Wert gewinnen und sie wird gestärkt daraus hervorgehen.

Was macht Ihnen im Moment die meiste Hoffnung – und was die größten Sorgen?

Maniatopoulos: Hoffnung macht mir die Kombination aus Impfstoffen und Schnelltests. Wir haben drei Impfstoffe, die kurz vor der Zulassung sind, und weitere acht, die noch in der Entwicklung sind. Und mit Schnelltests könnten Veranstaltungen wieder möglich werden, weil man in der Lage ist, infizierte Menschen herauszufiltern. Die Welt hat in der Krise wirklich etwas geschafft. Menschen haben in kürzester Zeit Unglaubliches geleistet, wie man an den Impfstoffen sieht. Sorgen macht mir der wirtschaftliche Schaden durch die Krise und dass es so Menschen, die schon jetzt schlecht dran sind, noch schlechter gehen wird. Sorgen macht mir auch, wenn ich sehe, wie viele Menschen jeden Tag sterben. Ich hoffe, dass wir das bald eindämmen können.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

„Ich genieße die Zeit zu Hause mit der Familie“
„Ich genieße die Zeit zu Hause mit der Familie“
„Ich genieße die Zeit zu Hause mit der Familie“
Gastronom blickt optimistisch nach vorn
Gastronom blickt optimistisch nach vorn
Gastronom blickt optimistisch nach vorn
Geplagte Kobolde finden bei der Rasselbande Unterschlupf
Geplagte Kobolde finden bei der Rasselbande Unterschlupf
Geplagte Kobolde finden bei der Rasselbande Unterschlupf
Vortrag zum Studium bei der Polizei
Vortrag zum Studium bei der Polizei

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare