Verkaufswagen

Kopfsalat wird zum Retter des Abends

In der Vorweihnachtszeit wurde es eng im Verkaufswagen, denn zahlreiche Delikatessen und Frische-Artikel kamen dazu.
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In der Vorweihnachtszeit wurde es eng im Verkaufswagen, denn zahlreiche Delikatessen und Frische-Artikel kamen dazu.

Mit ihrem Verkaufswagen versorgte Familie Rusch die Kunden in Burscheid, natürlich auch zu Weihnachten.

Von Sabine Wurmbach

Burscheid. Seit den 1960er Jahren versorgte die Familie Rusch mit ihrem Verkaufswagen zahlreiche Kunden in Burscheid mit Waren aller Art. Es war ein anstrengendes, aber auch abwechslungsreiches Unternehmen. Im Frühling, Sommer und Herbst ließen sich die Touren oft problemlos abfahren. Aber im Winter konnte es schon mal heikel werden. Doch die Kunden warteten immer schon auf die Ware, und besonders vor den Feiertagen stieg Herr Rusch oft zum „Retter in höchster Not“ auf.

Der Verkaufswagen der Familie Rusch.

„Die Tour begann morgens früh in Witzhelden vom Haus meiner Eltern aus“, erinnert sich Sabine Rusch-Witthohn, die bereits als Kind ihren Vater bei den Runden im Verkaufswagen begleitete. „Nicht immer konnten wir die Fahrt problemlos starten. Schon mal bremste uns das ein oder andere Malheur aus. So erinnere ich mich an eine Begebenheit, die sich an einem eisig kalten Morgen ereignete: Besonders in der Adventszeit hatte mein Vater immer eine große Menge an zusätzlichen Waren dabei, denn die Nachfrage nach süßer Sahne, Kaffee und vor allem an frischen Eiern, war groß. Sie waren in Paletten zu 30 Stück zum Turm aufgestapelt. Mein Vater startete den Motor und trat kraftvoll in das Gaspedal. Es ging mit Schwung rückwärts um die Ecke. Der Turm mit den Eiern schwankte bedenklich und dann – platsch, platsch, platsch – fielen sie aus den Paletten hinunter auf den Boden. Und zu unserer Verwunderung glitschten sie nicht darauf herum, vielmehr froren sie direkt am Boden fest. Denn der Wagen hatte über Nacht draußen gestanden, und es konnte die Kälte einziehen. So mussten wir sie mit Schaufeln abkratzen, um den Wagen zu reinigen.

Nun konnte es aber endlich losgehen.Von Witzhelden führte der Weg nach Burscheid in die Innenstadt. Als eine der ersten Stationen steuerten wir den Alten Friedhof in der Bürgermeister-Schmidt-Straße an. Im Gegensatz zu Linienbussen fuhren wir nicht nach Fahrplan, es gab keine feste Ankunftszeit. Denn die Länge des Aufenthalts variierte, da wir ja nicht nur feste Produkte anboten, sondern auch mündlich Waren ausgetauscht wurden, auf die die Kunden mindestens genauso sehnsüchtig warteten.

Danach ging es weiter zur Realschule. Kamen wir zufällig zur Pausenzeit, strömten viele Schülerinnen und Schüler an unseren Wagen, denn sie wollten ihren Hunger stillen. Dafür gab es Brötchen (die die Schüler mit Mayonnaise bestrichen), Obst und natürlich Süßigkeiten, vor allem Mohrenköpfe oder kleine Novaisia-Schokoladen“, berichtet Sabine Rusch-Witthohn aus jener Zeit.

Nach einigen Stationen in der Innenstadt lenkte Kurt Rusch sein Fahrzeug mit dem bunten Sortiment stadtauswärts in Richtung Lützenkirchen. In den Erinnerungen der Tochter tauchen wieder zahlreiche Namen, Gesichter und Begebenheiten auf. So wohnte in Kämersheide eine Oma, die aus Ostpreußen stammte. Sie orderte zu Weihnachten immer einen Karton mit sechs Flaschen Weizenkorn. Wenn zu den Festtagen sich Verwandte und Bekannte aus der Heimat versammelten, war es Brauch, auf die Gesundheit das ein oder andere Gläschen zu heben.

Von kleinen und großen Katastrophen

„Im Winter spürte man trotz Heizung die Kälte bald vom kleinen Zeh bis in die Ohrenspitzen. Ich hatte zwar warme Kleidung an, aber nach Stunden im Wagen half das nicht mehr so richtig. Was half, waren die netten Menschen, die uns mit warmen Kaffee oder mich mit Kakao versorgten. Manchmal durfte ich auch ins Haus mitgehen, zum Aufwärmen oder für eine kurze Toilettenpause“, so die ehemalige Verkaufskraft. Die vielen Produkte mussten in dem fahrbaren Verkaufsraum sicher untergebracht werden.

Aufgrund der vielen zusätzlichen Festtagsleckereien war es in der Adventszeit aber noch viel dramatischer. Zusätzliche Stapel von Kisten mit Südfrüchten und Gemüsen, Fischkonserven, Dosen, Schachteln und Backwaren ließen gerade noch einen schmalen Tritt zu den Lebensmitteln zu.

Hoch in der Gunst bei den Backwaren standen Gebäck und Kuchen von einer Bäckerei in Dünweg. Der Renner war Königskuchen, verpackt in Cellophan. „Dafür fuhr mein Vater vor Tourenstart extra bei der Bäckerei vorbei. Er ging durch die Hintertür in die Backstube.“ Da in der Familie nicht immer Heiterkeit herrschte und die Auseinandersetzungen mit Temperament geführt wurden, war dabei Vorsicht geboten. Denn es flogen auch schon mal Gegenstände durch die Luft, wie etwa ein Apfelkuchen.

Half als Kind gerne mit: Sabine Rusch-Witthohn.

„An eine dramatische Geschichte habe ich immer noch lebhafte Erinnerungen“, so erzählt Sabine Rusch-Witthohn mit einem Lächeln, „Es war ein kalter 24. Dezember, ein Freitag. Wir mussten noch vor der Tour nach Opladen zum Gemüse- und Obsthändler Wittenberg fahren, denn mein Vater hatte eine schier endlose Liste mit Vorbestellungen.

Dort herrschte schon Hochbetrieb. Es schienen zwar Berge mit Kisten von Obst und Gemüse aufgestapelt, aber der erfahrene Händler ging schon dazu über, die zu verkaufende Ware zu rationieren. So erging es auch meinem Vater. Er orderte drei bis vier Kisten mit frischem Kopfsalat, damals ein Luxusgut. 'Nein, auf keinen Fall, Rusch. Jetzt ist nur noch eine Kiste drin', stellte der Händler kategorisch fest.

Da war wohl nichts zu machen. Wir packten unsere Waren ein und fuhren nach Burscheid, wo wir unsere Route starteten. Als Kind schien mir die Tour geradezu endlos und natürlich an so einem Tag konnte ich das Ende gar nicht erwarten. Aber die Einkaufslisten der Kundinnen nahmen kein Ende. Endlich erreichten wir Heddinghofen. Unten bei Oma Betti drehte mein Vater den Wagen und fuhr vorsichtig den Berg hinauf. Als ich jedoch am halben Berg in ein hell erleuchtetes Wohnzimmer sah und feststellte, dass die Familie mit ihren vielen Kindern bereits die Weihnachtsweisen aus vollen Kehlen sang, war ich am Boden zerstört. Würden wir heute überhaupt noch nach Hause kommen? Was ist die Welt doch ungerecht!

Doch es half alles nichts. Mein Vater gab Gas. Inzwischen war es bereits 20.10 Uhr geworden. Immer mehr Kerzen brannten in den Wohnungen. Als wir hielten, drängten noch einzelne Frauen an den Wagen. Da stürzte eine Frau aus einem der Häuser und näherte sich mit verweintem Gesicht und großem Taschentuch dem Wagen. 'Aber was ist denn bloß mit Ihnen?', fragten die anderen Frauen voller Entsetzen, 'Es ist doch wohl keine furchtbare Nachricht an solch einem Tag!' 'Es ist schlimm, ganz schlimm! Mein Mann hat mir doch zum Geburtstag das neue Rezeptbuch geschenkt.

Ich habe mir für morgen, wenn die ganze Familie kommt, ein ganz festliches Rezept ausgewählt. Die Hauptzutat ist ein ganz frischer Kopfsalat – ohne ihn geht es nicht. Ich habe in der ganzen Stadt keinen bekommen, noch nicht einmal bei Buschs Matta. Woher soll ich da noch einen bekommen? Von Ihnen hat wohl auch niemand mehr ein Exemplar im Kühlschrank oder Keller?' Die Nachbarinnen: 'Das ist uns viel zu teuer. Wir dachten, es sei etwas Schlimmes!' ' Für mich ist es eine Katastrophe! Ich gäbe ein Königreich für einen Kopfsalat! Mir ist das ganze Fest verdorben!!“

Da drehte sich mein Vater um und holte einen frisch glänzenden Kopfsalat aus der Pappschachtel, worin die Salatköpfe in festlich glitzerndem Seidenpapier eingepackt lagen. Feierlich überreichte er ihn an die Frau. „Ich wusste gar nicht, dass Sie ein Königreich besitzen.

Aber wahrscheinlich liegt es ganz weit hinten, am Ende der Königsallee. Diesmal reicht einfaches Geld und der Salat gehört Ihnen.“ Da kam die Frau an die Theke gestürmt, umarmte meinen Vater und gab ihm einen Kuss auf die Wange. „Danke, danke meinem Engel. Das war Rettung in letzter Minute!“

Rusch-Witthohn: „Sie bezahlte und zog, den Salat triumphierend in den Händen, dem frohen Fest entgegen. Ich aber wollte nur noch nach Hause!“

Hintergrund

Ein Mal im Jahr greift Sabine Wurmbach, die sich neben der Politik bei den Bündnisgrünen auch im Bergischen Geschichtsverein (BGV), Ortsverein Burscheid, engagiert, für den Bergischen Volksboten zur Feder und erzählt von vergangenen Zeiten in und um Burscheid.

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