Brauchtum

Kleine Pausen vom Alltag in der dunklen Zeit

Auch die Frauen in Burscheid feiern Karneval – wie im März der Elferrat mit einer Tanzeinlage im Pfarrheim St. Laurentius.
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Auch die Frauen in Burscheid feiern Karneval – wie im März der Elferrat mit einer Tanzeinlage im Pfarrheim St. Laurentius.

Unsere Autorin blickt auf die Ursprünge der Feste und Umzüge im Herbst und Winter.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. November – ein dunkler Monat? Wenn es auf die Monatsmitte zugeht, schauen auch viele Burscheider erwartungsvoll auf den Kalender und zählen die Tage, bis das Datum die Elf in doppelter Ausführung anzeigt. Der Elfte im Elften läutet eine Zeit ein, die den grau-nassen Tagen kurze Zeit kräftige Farben beimischt.

Seriöse Alltagsmenschen nehmen eine kleine Pause von ihrem Alltag und wechseln ihr Äußeres und Inneres in eine kindlich-fröhliche Natur. Wer weiß aber wirklich, warum es ausgerechnet dieses kuriose Datum sein muss? Aus den kulturellen Hintergründen lassen sich interessante Fakten zusammenstellen.

Besonders im rheinischen Raum, rechts und links vom Strom, war die Elf seit dem 18. Jahrhundert allen Bewohnern als deutliches Symbol für die damalige politische Situation sehr präsent. Auf den Podien ihrer parodistischen Sitzungen befindet sich der Elferrat. Es mussten elf Herren sein. So wurde auf rheinisch-hintersinnige Art der politische Widerstand gegen die französische Besatzung öffentlich gemacht und enttarnten damit die Anfangsbuchstaben E L F der französischen Schlagwörter von 1789 Egalité, Liberté, Fraternité (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit). Da sind zum Beispiel die kräftigen Slogans Alaaf und Helau. So schrieb ein regionaler Fürst vor etwa 200 Jahren einen Brief und setzte als Gruß unter den Text: „Köllen all aff!“ Das bedeutete: Köln – über alles in der Welt!

Das „Helau“ ist ein verstümmeltes „Halleluja“

Die begeisterten Rufer reduzieren also mit jedem „Alaaf“ die verpönte Strophe der deutschen Nationalhymne allein auf ihre schöne Stadt. Das „Helau“ ist ein verstümmeltes „Halleluja“. In dem etwas weniger gebräuchlichen „Ajuja“ klingt es noch deutlicher an. Die „Tollitäten“ an Rhein und Main regieren erst seit dem 18. Jahrhundert. Sie sind ebenfalls eine hintersinnige Revolte gegen Fremdherrschaft und Ausbeutung. Der „Prinz“ wurde vom Volk gewählt als volksnaher und freundlicher Herrscher – und ganz bewusst nur auf Zeit – im Gegensatz zu den Despoten, die durch Erbfolge ihre Macht für Generationen festlegten.

Die „Jungfrau“ stand für die unbefleckte Ehre der geknechteten Bevölkerung. Darum auch im Kölner Raum ein Mann als „Jungfrau“. Die Figur des Bauern vertrat nicht etwa die Landbewohner, sondern karikierte die Person des ursprünglichen Er-Bauers, den Gründer der römischen Colonia (Kolonie) am Rhein. Die roten und blauen „Funken“ mit ihren rasanten Tänzen erinnern an die großen Feuer der „Funken-Sonntage“. Sie wurden zum Ende der Session und an den Sonntagen zwischen den Fastenwochen entzündet.

Im Hessischen wird zu Beginn der Fassenacht der „Karneval“ aufgeweckt. Ein Karren, darauf ein Bett und darin eine Strohpuppe. Im frühen Morgen zieht der Karren durch die Straßen und ein Herold ruft laut: „Wach auf, wach auf, Herr Endegries!“ (auf Hochdeutsch: Herr Antichrist)

Führen die ersten Anfänge dieser Februar-Festivität zurück auf ein lustiges Fest? Im Gegenteil! Im Jahr 1153 beklagte sich ein Abt in Ostbelgien sehr, dass die Volksgebräuche zu Ehren der germanischen Götter immer noch gepflegt würden. Da spielte das Datum keine Rolle, aber es ging ähnlich ausgelassen zu. Im 15. Jahrhundert hatte die damalige Kirche dann die Hauptstücke dieser Fruchtbarkeits- und Winteraustreibungs-Riten in ihre eigenen Strategien integriert. Seitdem hieß das lateinische „carne vale“ - also Fleisch ade – in Deutsch einfach Karneval – und wurde auch hier als Beginn einer siebenwöchigen Fastenzeit akzeptiert.

Die Ursprünge der „tollen“ Zeit liegen noch drei Jahrtausende vor unserer Zeit. Im antiken Babylon gab es ein Fest zu Ehren des Gottes Marduk. Ein reich geschmücktes Schiff auf Rädern – also das Carro Navalis – wurde von einem Ende der Stadt bis zu Marduks Tempel gezogen. Es heißt, dort wurden auch Menschenopfer dargebracht. Das Schiff war voll geladen mit halb berauschten, unbelehrbaren Schuldigen. So rollte es auf das ewige Verderben zu. Es hatte keine Lenkung, keine Bremse, wurde nur von anderen Mitläufern gezogen. Die Menschen auf ihm trugen die entsprechende Maske: den Kopf eines Esels, rechts und links zwei Zipfel als Ohren mit Glocken an den Enden als Warnsignal: Geht uns Narren aus dem Weg!

Die Feste und Umzüge am Ausgang des Winters haben sich mehrfach verlagert. Auf dem Land als reine Volksfeste beliebt, feierte im 15. Jahrhundert die Oberschicht glanzvolle Bälle mit großem Pomp, später leistete sich auch das Bürgertum diese Schlemmertage.

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