Sommerferien

Kinder finden über alle Grenzen zusammen

Lebhaftes Treiben, Action und viel Bewegung: Eine Woche lang tobten um die 60 Kinder durch die Halle der Johannes-Löh-Gesamtschule und tauchten in die Welt des Sports ein. Viele erwiesen sich als Naturtalente.
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Lebhaftes Treiben, Action und viel Bewegung: Eine Woche lang tobten um die 60 Kinder durch die Halle der Johannes-Löh-Gesamtschule und tauchten in die Welt des Sports ein. Viele erwiesen sich als Naturtalente.
  • VonNadja Lehmann
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Ferienfreizeit mit dem Tischtennisclub: Trainer arbeiten ehrenamtlich – 60 bis 130 Kinder toben sich aus.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Till hat die Zeit genossen. „Ich habe Basketball und Fußball gespielt“, erzählt der Elfjährige. Auf seiner liebsten Position im Mittelfeld. „Trampolin bin ich auch gesprungen.“ Till hat bisher alle Sommerferien-Freizeiten des Tischtennisclubs 1948 Grünweiß Burscheid (TTC) mitgemacht. Die vierte ist es mittlerweile, die sich am gestrigen Freitag in der Sporthalle der Johannes-Löh-Gesamtschule dem Ende entgegen neigt. „Bei der nächsten bin ich wieder mit dabei“, ist sich Till sicher.

Caira ist zwar das erste Mal dabei. Sportlich aber ein alter Hase. Und eine Könnerin, wie ihr Celine Schroers bescheinigt. „Rückwärtssalto aus dem Stand ist kein Problem“, sagt die Trainerin. „Habe ich mir selbst beigebracht“, lächelt Caira.

Der TV Blecher hat auch dazu beigetragen: Dort gehört die 12-Jährige zu den Trampolinspringerinnen. Zur Ferienfreizeit hat sie durch eine Freundin gefunden. Diese habe sie gefragt, ob sie nicht mitkommen wolle. Dem Sport-Ass gefällt´s. „Die anderen hier fragen mich schon mal, wie etwas geht. Dann helfe ich“, sagt Caira.

Und genau darum geht es den Organisatoren rund um Bernhard Pautsch vom TTC. Der 73-Jährige hat die Ferienfreizeit auf die Beine gestellt. Und will damit verbinden und verknüpfen, Kinder zusammenbringen. Auch diejenigen, die es sich finanziell nie leisten könnten. „Wichtig war immer, dass die Kinder keine Teilnahmegebühr entrichten müssen“, sagt Pautsch. Ein steiniger Weg, der 2015 begann. Angefangen hat alles als Projekt des Olympischen Sportbunds. Schon da hatte Pautsch die immer noch gültige Richtung vorgegeben: „Sport als Integrationsmaßnahme für Menschen mit und ohne Migrationserfahrung“.

Vor allem auf die Schulen wollte Pautsch damals zugehen und kam in Kontakt mit dem Offenen Ganztag der Montanus- sowie der damaligen Hauptschule. „Das war aber gar nicht so leicht. Wir Trainer sind es gewöhnt, dass die Kinder, die in den Verein kommen, das ja machen wollen, was wir anbieten.“ Und das sei damals an den Schulen in keinster Weise so gewesen. „Viele wollten nur in Ruhe gelassen werden“, erinnert sich Pautsch. „Für uns war das eine völlig neue Erkenntnis, auf die wir nicht vorbereitet und für die wir nicht ausgebildet waren.“

Zu Wochenanfang haben sich die Kinder mit sich selbst beschäftigt. Das Soziale hatten sie verlernt.

Celine Schroers

Unterkriegen ließ er sich nicht. Dank des EU-Förderprogramms Leader setzte Bernhard Pautsch ab 2017 neue Akzente und ging mit den Kids auf Tour. Es ging nach Lindlar ins Bergische Freilichtmuseum oder nach Hückeswagen ins Hallenbad. 2019 endete die Förderung, und der umtriebige Pautsch setzte die jetzige Ferienfreizeit auf, nachdem er das Kommunale Integrationszentrum als Förderer gewinnen konnte, neben dem Kreis, dem Kreissportbund, der Kreissparkasse Köln. Auch die großen Burscheider Firmen legten schon mal eine Schippe obendrauf: „Dem verstorbenen Bürgermeister Caplan verdanken wir da sehr viel“, sagt Pautsch. Sein Nachfolger Dirk Runge hat die Schirmherrschaft übernommen.

2022 ist so manches anders. Viele ukrainische Kinder sind dabei. Und Nadiia Volchak, Marina Atamanenko und Yulia Piaskivska stehen in der Halle: Vier junge Frauen und Mütter, deren Kinder in der Halle mitrennen, mitspielen: Drei Mädchen und ein Junge, alle zehn Jahre alt, die Jüngste sieben. „Wir helfen“, sagt Nadiia Volchak und packt gleich bei den eben gelieferten Pizzen mit an. Spaß mache es und sei lustig und interessant. Seit zwei bzw. fünf Monaten leben sie schon in Burscheid, unten im Luisental. Und sind glücklich über etwas Ablenkung in schweren Zeiten: Der Mann von Yulia Piaskivska kämpft beispielsweise im Donbass in Donezk. Einmal in der Woche können sie telefonieren. „Ich habe Angst“, sagt die junge Frau leise.

Bernhard Pautsch freut sich besonders über diese ukrainischen Kinder. Xenia Heß vom benachbarten Tennisverein Grün-Weiß habe den Kontakt vermittelt: „Nur dadurch konnten wir die Kinder überhaupt erreichen.“ Mehr Engagement gerade in solchen Fragen mahnt auch Trainer Dietmar Weber an, der sonst in der Burscheider Turngemeinde aktiv ist: „Wir brauchen mehr Unterstützung von Ämtern und Institutionen. Die Zielgruppe zu erreichen, ist nämlich mühselig. Da ist es mit Mails und Online-Aufrufen nicht getan.“

Aus 60 Kindern wurden zwischendurch sogar 130

Ukrainische Mütter: Marina Atamanenko, Yulia Piaskivska und Nadiia Volchak halfen bei der Freizeit gerne mit.

Als eine solche zupackende „gute Fee“, wie Celine Schroers sagt, erwies sich Helga Paas. „Sie hat Kuchen und Waffeln gebacken und die Brötchen geschmiert“, erzählt Schroers, die jeden Morgen loslief, um für die Kinder frisches Obst und ein paar Naschereien einzukaufen.

Rund 60 Kinder sind in der Woche durch die Halle getobt, wuchsen zeitweise sogar auf 130 an, als die Zöglinge eines Heims und Kinder aus dem Megafon dazustießen. Über alle Sprachgrenzen hinweg haben sie zusammengefunden (denn Kinder aus Angola und Brasilien sind auch dabei).

Dabei hat Corona durchaus Folgen gehabt, wie Celine Schroers berichtet. „Zu Wochenanfang haben sich die Kinder mit sich selbst beschäftigt. Das Soziale hatten sie verlernt.“ Und wieder ge-lernt. Nämlich, dass es lohnt, miteinander zu reden. Dass man nicht mobben muss, sondern Konflikte im Gespräch lösen kann. Dass Schimpfwörter nichts bringen.

Kein selbstverständlicher Weg, denn um eine wohlfeile Idylle handelt es sich nicht. „Wir haben auch verhaltensauffällige Kinder“, sagt Schroers. Die 20-Jährige gehört zu dem Team aus fünf Trainern - neben Dietmar Weber sind das Hajrush Islami, Jason Simonides und Nico Schwanke - und bietet sonst im Dabringhausener Turnverein Mutter-Kind-Turnen an. Möglich wird die Freizeit ohnehin nur, weil die Trainer auf Bezahlung verzichten und der ein oder die andere dafür Urlaub nimmt.

Unverzichtbar für die Freizeit sind solche Helfer wie Lian. Der 15-Jährige war einst selbst Teilnehmer und hilft nun bereits im zweiten Jahr. „Ich spiele gern mit kleinen Kindern“, verrät er. „Er hat einen guten Draht zu den Kids, besonders zu den Jungs“, findet auch Celine Schroers.

Hintergrund

Weiteres Programm: Die Ferienwoche ist zu Ende, das Programm aber geht weiter: Im Oktober geht es zum Schwimmen ins Hallenbad. Anmeldungen dafür nimmt Bernhard Pautsch per E-Email entgegen: bernhard.pautsch@gmx.de

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