Kein Besuch und kein Kaffeetrinken mehr seit März

Manche Rentner sind sehr vorsichtig. Sie verzichten auf fast alle Kontakte, leiden aber unter der Abstinenz der Geselligkeit.Symbolfoto:Christian Beier
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Manche Rentner sind sehr vorsichtig. Sie verzichten auf fast alle Kontakte, leiden aber unter der Abstinenz der Geselligkeit.Symbolfoto:Christian Beier

Senioren trifft die Krise mitunter schwer – Drei von ihnen berichten über ihren neuen Alltag

Von Ursula Hellmann

„Vater, heute müssten wir Verschiedenes einkaufen. Mit dem Fahrrad schaff ich das nicht.“ Eike Voss aus Hölverscheid macht es zum Glück nichts aus, seine Tochter zum Supermarkt zu fahren und selbst im Auto sitzenzubleiben, solange die Abfertigung an den Kassen dauert. Die Sonnenstunden der letzten Tage waren für den Senior ein richtiges Geschenk. So konnte er mit dem Hund seines Nachbarn lange Spaziergänge auf den Waldwegen unternehmen. Es war dem bejahrten Vierbeiner gerade recht, dass sein Begleiter selbst öfter eine Atempause einlegen muss. Die notwendigen Regeln dieser „abgebremsten“ Zeit einzuhalten, fallen dem Witwer nicht sonderlich schwer.

„Unser Haus steht in angenehmer Nähe von Wald und Feldern. Ich vermisse die Stadtatmosphäre und ihren hektischen Betrieb überhaupt nicht. Mein Tag ist meist ausgefüllt mit Lesen und ruhigen Arbeiten im Garten. Da es zum Glück wieder möglich ist, gönne ich mir ab und zu einen Gang durch das von mir gepachtete Jagdgebiet in der Umgebung. Im Übrigen genieße ich die Anwesenheit meiner im Haus lebenden Tochter. Ihrem Beruf kann sie seit Monaten nicht nachgehen. Manchmal würde ich gerne öfter meine kleinen Enkel um mich haben, aber da sind wir alle vernünftig und vorsichtig und beschränken die Kontakte auf die wichtigsten Termine. Leider muss ich auch auf die regelmäßigen Gottesdienstbesuche in meiner baptistischen Wahlgemeinde verzichten – da mir keine Möglichkeit einer Online-Teilnahme zur Verfügung steht.“ Es bleibt ein kleiner Trost: Einmal monatlich ist Eike Voss an ein evangelistisches Treffen per Telefon angeschlossen.

Im hübschen Villenviertel von Krähwinkel wohnt die seit drei Jahren verwitwete Renate Ewert allein in ihrem Haus. Sie freut sich über jede Abwechslung, die ihre Tage aufhellt. Wie sieht ihre Woche von Montag bis Sonntag aus? „Was soll ich dazu sagen? Morgens aufstehen, in Ruhe frühstücken und froh sein, wenn es vor den Fenstern hell und sonnig ist. Dann hält sich meine depressive Stimmung in erträglichen Grenzen. Ich schaue meine Blumen an und gebe einer jeden das, was sie an Feuchtigkeit braucht – eventuell gibt es auch in meinem relativ großen Garten hinterm Haus noch hier und da etwas zu ordnen. Auch als Einzelperson ergeben sich in den Vorratsecken Lücken. Dann nutze ich die Gelegenheit, mit dem Auto in die nächste Ortschaft zu fahren und einzukaufen. Gerne würde ich noch einmal zwischen den Verkaufsständen von Wochen- oder Trödelmärkten herumspazieren. Das würde mich aber im Augenblick um des allgemeinen Risikos willen zu nervös machen. Leider ist auch bereits wieder der Besuch im Vitalbad nicht mehr möglich – das finde ich äußerst schade.“

„Morgens aufstehen, frühstücken und froh sein, wenn es vor den Fenstern sonnig ist. Dann hält sich meine depressive Stimmung in Grenzen.“

Renate Ewert

Weiter berichtet sie: „Mit meiner Schwester telefoniere ich zwar jetzt öfter – eine persönliche Begegnung würde ihr zu großen Stress machen.“ Gibt es denn keine netten Stunden in den sieben Wochentagen? Renate: „An einem Tag bin ich als Hundesitterin engagiert! Dann führt mich der quicklebendige Rüde meiner Tochter die Straßen entlang, und wir begegnen auch vielen Herrchen und Frauchen, die ihre Freizeit mehr als früher ihren Lieblingen widmen. Auf Abstand ergeben sich auch freundliche Gespräche auf Small-Talk-Basis“. An den Sonntagvormittagen nimmt Renate regelmäßig an den Gottesdiensten der freikirchlichen evangelischen Gemeinde Weiherstraße teil und freut sich an den Nachmittagen über jeden freundlichen Telefonanruf. Sie überbrückte bis jetzt besonders erinnerungsträchtigen Zeiten durch Kurzurlaube mit Seniorengruppen. Auch dies ist nicht mehr uneingeschränkt möglich.

Seit März hatte die 84-jährige Ingrid keinen Besuch mehr in ihrer Wohnung und saß auch bei keinem ihrer Bekannten an dessen Kaffeetisch. An das Witwen-Dasein waren ja bereits in „normalen“ Zeiten viele Lebensveränderungen gebunden – nun hat sich ihr Tagesablauf ein weiteres Mal reduziert. Wer mit ihr spricht, stellt trotzdem keinerlei Anzeichen einer depressiven Haltung fest. Was füllt ihren Tag aus? „Auch in einer Wohnung, in der nur eine Person lebt, gibt es täglich etwas zu säubern, zu ergänzen, zu planen. Zum Glück bin ich noch relativ gut zu Fuß und kann meine kleineren Einkäufe auch ohne Auto ganz in der Nähe tätigen. Sie löse sehr gerne Kreuzworträtsel und höre Radio. Regelmäßige Kaffeekränzchen mit einem größeren Damenkreis waren eigentlich nie mein bevorzugtes Freizeitereignis. Wenn es im Kreis meiner Familie einen Geburtstag zu feiern gibt, freue ich mich natürlich, wenn wir – wenn auch mit wenigen Gästen – zusammen sein können. Ansonsten erledigt mein Sohn meine hauptsächlichen Einkäufe und rät mir, nur die notwendigsten Kontakte zu pflegen. Es wäre mir ein schlimmer Gedanke, sollte ich mich aus Unvorsichtigkeit in einem Krankenhaus wiederfinden. Da hat mir meine große OP im vergangenen Jahr schon ausreichend genug Sorge gemacht.“

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