Karnevalstradition reicht Jahrhunderte zurück

Der Karneval hat eine lange Tradition. Archivfoto: Doro Siewert
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Der Karneval hat eine lange Tradition. Archivfoto: Doro Siewert

Ein Sprung durch die Zeit – Zur Historie der tollen Tage

Von Ursula Hellmann

Eine Woche im Zeichen des Karnevals 2021? Dieses Jahr völlige Fehlanzeige! Genau wie in allen Ländern und Städten, so auch in Burscheid, gilt: Die lustigen bunten Masken bleiben im Schrank, die ernsten weißen Masken tun ihre Pflicht.

Von den Fans dieser Riesen-Volksfeier wissen vielleicht nur wenige etwas über die historischen Hintergründe. Im Jahr 1133 beklagte sich ein Abt in Ostbelgien sehr, dass die Volksgebräuche zu Ehren der germanischen Götter noch immer gepflegt würden. Aber erst im 15. Jahrhundert zog die damalige Kirche die Hauptstücke dieser Fruchtbarkeits- und Winteraustreibungs-Riten in ihre Strategien voll ein.

Nach den „tollen“ Tagen sollten die Menschen sich den geistigen und geistlichen Werten zuwenden. Eine ehrenwerte Absicht!

Sie versprachen sich davon eine positive Nachwirkung auf die Einwohner. Sie sollten selbst einsehen, wie schädlich sich die Schlemmerorgien und die körperliche Freizügigkeit auswirkten. Nach den „tollen“ Tagen sollten die Menschen sich bewusst und freiwillig den geistigen und geistlichen Werten zuwenden und für alle Zeit auf solche trügerischen und zerstörerischen Genüsse verzichten. Eine ehrenwerte Absicht!

Zu den Traditionen des „Fastelovend“ gehören Alaaf und Helau. Woher die „La Ola“-ähnlichen Rufe der Karnevalisten und die Bedeutung ihrer Galionsfiguren insbesondere im Rheinland entstanden sind, hat eine interessante, dokumentarisch belegte Geschichte.

Im 18. Jahrhundert schrieb ein regionaler Fürst einen Brief. Als abschließenden Gruß setzte er unter den Text: Köllen all aff. Das bedeutete: Köln über alles in der Welt! Der begeisterte Kölner Regent reduzierte also mit seinem „Alaaf“ die zu Recht gestrichene Strophe der deutschen Nationalhymne auf ihre schöne Stadt und startete damit einen unverwüstlichen Gemeinschaftsruf. Das ebenfalls gängige „Helau“ ist ein verstümmeltes „Halleluja“! In dem etwas weniger gebräuchlichen „Ajuja“ klingt es noch deutlicher an.

Die „Tollitäten“, das närrische Dreigestirn, an Rhein und Main regiert erst seit dem 18. Jahrhundert. Es war eine hintersinnige Revolte gegen Fremdherrschaft und Ausbeutung. Der „Prinz“ wurde von den Bürgern gewählt als volksnaher und freundlicher Herrscher – wenn auch nur auf Zeit – im Gegensatz zu den Despoten, die durch Erbfolge ihre Macht für Generationen festlegten.

Die Jungfrau oder Prinzessin stand als Symbol für die unbefleckte Ehre der geknechteten Bevölkerung. Aus diesem Grund tritt im Kölner Raum eben ein Mann als „Jungfrau“ auf. Der Bauer galt nicht etwa als Vertreter der Landbewohner, sondern karikierte die Person des ursprünglichen Er-Bauers von Köln, des Gründers der römischen Colonia (Kolonie) am Rhein.

Die roten und blauen „Funken“ mit ihren rasanten Tänzen erinnern noch an die großen Feuer der „Funken-Sonntage“, die zum Ende der Karnevals-Session sowie an den Sonntagen zwischen den Fastenwochen entzündet wurden. Selbst der prächtige Kopfputz aus Pfauenfedern, der den Hut des „Bauern“ im bergischen Odenthal schmückt, ist von einem spektakulären Sieg in der Schlacht von Worringen übriggeblieben.

Auf den Podien der großen Karnevalssitzungen befindet sich der Elferrat. Dass es ausgerechnet elf Herren sein müssen, wurde auch als politischen Widerstand auf rheinische Art verstanden. Das Wort ELF besteht aus den Buchstaben E, L und F – wie Egalité, Liberté und Fraternité (Französische Revolution 1789).

Karneval gab es aber bereits im antiken Babylon. Dort läutete er in vorchristlicher Zeit allerdings nicht die besinnlichen Fastenwochen vor Ostern ein. Die Wortteile Carne und Vale würden zu deutsch „Karre“ oder Wagen heißen mit dem Zusatz Navalis „Schiff“. (Zu lesen in der Dokumentation „Das Narrenschiff“ von Historiker und Dichter Sebastian Brant, erschienen 1494).

Das Carro Navalis fuhr zu Ehren des Gottes Marduk (2. Jahrtausend vor Christus) von einem Ende der babylonischen Hauptstadt zur anderen, auf den großen Tempel zu. Das Schiff mit Rädern hatte weder Steuer noch Lenkung, es wurde an Seilen durch die Straßen gezogen.

Auf ihm saßen die Gläubigen des Marduk, auf dem Kopf eine Mütze mit Zipfeln rechts und links (Eselsohren) und mit Glöckchen an den Enden. Das verstand damals jeder sofort: Aussätzige mussten eine Glocke an sich tragen, damit jeder, der es klingeln hörte, sich rechtzeitig in Sicherheit bringen konnte, um nicht angesteckt zu werden. Ob da ein ganz leiser Ton auch zur heutigen Zeit herüber schwebt?

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