Ballett

Junger Burscheider tanzt sich nach vorn

Für die Geschmeidigkeit: Vor dem Tanz ist das Aufwärm- und Dehnungstraining Pflicht. Tibor Perthel hat in seinem Heimaturlaub dafür das Wohnzimmer im Elternhaus umfunktioniert.
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Für die Geschmeidigkeit: Vor dem Tanz ist das Aufwärm- und Dehnungstraining Pflicht. Tibor Perthel hat in seinem Heimaturlaub dafür das Wohnzimmer im Elternhaus umfunktioniert.
  • VonNadja Lehmann
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Tibor Perthel besucht die Ballettschule des Hamburg Ballett und wurde durch die Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Burscheid. Seine Mutter erinnert sich genau an den Moment, an dem eigentlich alles entschieden war: Die Aufführung „Hänsel und Gretel“ in der Montanusschule, bei der sich die Kinder im Kreise drehten und die Augen ihres Sohnes Tibor immer größer wurden. „Tanzen!“, sagte der noch nicht Vierjährige anschließend ehrfürchtig. „Tanzen! Das will ich auch.“

Jetzt ist Tibor Perthel, der im Januar seinen 17. Geburtstag feierte, in der Ausbildungsklasse VI der Ballettschule des Hamburg Ballett und hat ein Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung erhalten. Und zum ersten Mal sagt nun auch der Vater, der ihn zwar immer unterstützt hat, aber skeptisch war: „Das könnte etwas werden.“

Kaum ein Beruf ist aber solchen Unwägbarkeiten unterworfen wie der des Tänzers. Ein umgeknickter Knöchel kann das Aus aller Träume bedeuten. Körperliche und mentale Fitness ist Grundvoraussetzung. Und so macht Tibor Perthel im Gespräch vor allem eines klar: Dass er noch einen weiten Weg zu gehen hat, so glücklich ihn die Auszeichnung auch macht. „Ich verdanke sie dem Ballett, meinen Lehrern, John Neumeier“, sagt er. Glücklich sei er, dass er trotz Pandemie weiter tanzen könne, unter strengen Auflagen natürlich. „Es ist für mich eine große Ehre, an einer solchen Schule sein zu dürfen.“

Es ist eine Schule von Renommee, ein Sehnsuchtsziel von jungen Tänzern aus der ganzen Welt: Dort formt und unterrichtet das Hamburg Ballett den Nachwuchs. Der heute 82-jährige Ballettchef John Neumeier, seit 1973 am Haus, ist seit Jahrzehnten einer der führenden Choreographen: eine Ikone. Und Tibor Perthel aus Burscheid? Ist mittendrin.

„An ein Leben vor dem Tanz kann ich mich gar nicht erinnern“, sagt er. Das Glück, die Freude an der Bewegung waren immer schon da. „Ich habe im Wohnzimmer getanzt, mir einen Schal genommen, mich kostümiert.“ „Und du hast Tschaikowsky dirigiert“, ergänzt Vater Klaus Perthel. „Mit einem chinesischen Essstäbchen.“ Sie seien immer viel mit ihren vier Kindern ins Theater, ins Konzert, in Ausstellungen gegangen, sagt Magali Perthel.

In die Familie „hineingeschwappt“ sei sicher aber auch ihr früherer Beruf: Die gebürtige Französin hat in Luxemburg bei einem Unternehmen gearbeitet, das spezielle Tanzböden anbot. In Luxemburg ist Tibor auch zur Welt gekommen und dort mit seinem älteren Bruder Aurel aufgewachsen, bis die Familie 2006 ins Bergische zurückkehrte – der Heimat von Klaus Perthel Er ist Konstruktionstechniker, Geschäftsführer der Pressure Technology GmbH mit Sitz in Linde und nicht zuletzt begeistertes Mitglied des Orchestervereins Hilgen. Die Liebe zur Musik verbindet Vater und Sohn: „Ich höre sehr viel und schöpfe ganz viel Inspiration daraus“, sagt Tibor. Dass er klassischer Musik schon als Einjähriger mit besonderer Aufmerksamkeit lauschte, fiel wiederum Mutter Magali Perthel auf: „Er legte den Kopf auf die Seite und ließ das Spielzeug unbeachtet.“

„An ein Leben vor dem Tanz kann ich mich gar nicht erinnern.“

Tibor Perthel

In Leichlingen in der Tanzwerkstatt von Trixi Schüttler sowie in der Ballettschule der Deutschen Oper am Rhein machte er die ersten Ballettschritte. Doch Tibor wollte mehr, das spürten seine Eltern. Als Zehnjähriger entschied er: „Das ist mein Beruf“ und zog nach Essen-Werden, um die Tanzabteilung des dortigen Gymnasiums zu besuchen. Nur noch am Wochenende kam er ins Burscheider Zuhause und wohnte sonst bei Gastfamilien: „Bei guten und nicht so tollen“, sagt er und lacht. Doch Essen sei eine hervorragende Schnittstelle zwischen dem Amateur- und dem Profitanz gewesen, findet er, und: „Er ist dort sehr gereift“, sagt seine Mutter. Alle hätten sie vertrauen müssen: Tibor seinen Fähigkeiten, seine Eltern ihm. Sie habe ihn ziehen lassen müssen, sagt Magali Perthel: „Tanzen ist alles für ihn.“

Eine Bedingung gab es aber, betont Klaus Perthel. Den Plan B nämlich. Abitur. „Das war der Deal.“ Und so stehen in den nächsten Monaten wegweisende Entscheidungen an: Tibor wird die 6. Klasse der Ballettschule beenden und für die Aufnahme in die Theaterklasse vortanzen, quasi den krönenden Abschluss seiner Ausbildung. Und er wird Abitur machen, an einem ganz normalen Gymnasium in Hamburg. „Da bin ich einfach Tibor, und wir reden nicht übers Ballett.“

Ein solcher Alltag (frühes Aufstehen, Schule, Lernen, Warm-up und Tanztraining) ist nur in festem Rahmen zu organisieren: Tibor lebt im Internat der Ballettschule, die im Ballettzentrum Hamburg-John Neumeier untergebracht ist. In dem mächtigen vierstöckigen Backsteingebäude befinden sich die Ballettsäle, proben die Compagnien des Hamburg Ballett, das Bundesjugendballett und die Schüler.

Ein Gebäude für den Tanz – und im 3. Stock ist das Internat, mit Platz für 35 Schüler. Dort teilt sich Tibor das Zimmer mit einem jungen Italiener, der ein guter Freund geworden ist. „Man ist immer im Austausch. Nie allein“, sagt Tibor. Dass das nicht immer leicht ist, verschweigt er nicht: „Manchmal möchte man sich zurückziehen. In schwachen Momenten, wenn man meint, man wäre nicht gut genug gewesen.“

Das Betrachtet-, das Beurteilt-Werden ist für den jungen Tänzer fast tägliches Brot. Als er sich in Hamburg bewarb, taten 300 andere das ebenso. Eingeladen wurden 50, die im Ballettsaal unter den wachsamen Augen von John Neumeier beweisen mussten, wie schnell sie die Intention eines Choreographen erfassen, wie zügig sie Schritte und Bewegungen lernen und abspeichern.

Freude und Stolz über die Auszeichnung der Konrad-Adenauer-Stiftung: Tibor Perthel mit der Urkunde.

Manches kann erlernt werden, manches muss einfach da sein: wie die richtige Anatomie. Der Körper will gehegt und gepflegt sein; er ist das Instrument des Tänzers. Sich gesund und ausgewogen zu ernähren ist Pflicht, der Blick auf die Waage aber auch. „Ballett ist eine visuelle Kunst“, sagt Tibor. Talent ist das eine, Disziplin ist das andere: Ohne geht es nicht, ist der Sprung unter die Besten nicht möglich, das macht der junge Burscheider deutlich.

Eine Tänzerkarriere ist kurz und kostbar

Er kennt den Verzicht, er kennt auch die Sorge um den Körper, die Angst vor Verletzungen: „Ein Schmerz an der Schulter? Lieber ruhigstellen. Nichts machen“, beschreibt er – und fühlt vorsichtshalber gleich nach. Eine Tänzerkarriere ist kurz und kostbar, nicht für die Ewigkeit gemacht. Sorgsames Dehnen und Aufwärmen, damit der Körper bereit ist zur Höchstleistung im Training, in dem Konzentration und Lernbereitschaft gefragt sind. „Auf der Bühne aber ist es wie ein Rausch. Eine Symbiose mit Partner oder Partnerin, mit der Musik. Man nimmt nichts mehr wahr außer dem Tanz“, sagt Tibor Perthel.

Um das Stipendium hat er sich übrigens nicht beworben. Die Ballettschule hat ihn vorgeschlagen. „Wir waren platt“, sagen seine Eltern. Stolz, ja, das sind sie, ist auch Tibor. Für den Moment. Nichts ist sicher für einen Nachwuchs-Tänzer, außer dass die nächste Prüfung wartet. „Ein gutes Zeichen“, dass es mit der Theaterklasse „klappen könnte“, nennt es Tibor.

Musisch seien alle ihre Kinder, doch von ihren Ausbildungen her wohl an Deutschland gebunden, sagt Magali Perthel. Bei Tibor sei das anders: „Er kann sich als Tänzer in der ganzen Welt bewerben.“

Hintergrund

In der 1978 gegründeten Ballettschule des Hamburg Ballett werden Jugendliche aus aller Welt im Alter von 10 bis 18 Jahren ausgebildet. Schwerpunkt der Ausbildung ist der klassisch-akademische Tanz. Seit 1973 ist der US-Amerikaner John Neumeier Künstlerischer Leiter der Compagnie, seit 1996 ist er zudem Ballettintendant. Er gehört zu den führenden Choreographen in der Welt.

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