Interview

„Jugendhilfe soll ein Netz mit engen Maschen sein“

Erika Gewehr gehört dem Jugendhilfeausschuss seit vielen Jahren an. Nun ist die Burscheiderin zu seiner Vorsitzenden gewählt worden. Archivfoto: Anja Wollschlaeger
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Erika Gewehr gehört dem Jugendhilfeausschuss seit vielen Jahren an. Nun ist die Burscheiderin zu seiner Vorsitzenden gewählt worden.
  • VonNadja Lehmann
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Burscheids CDU-Chefin Erika Gewehr hat den Vorsitz des Jugendhilfeausschusses übernommen

Frau Gewehr, Sie sind frisch gebackene Vorsitzende des Jugendhilfeausschusses. Was ändert sich für Sie?

Gewehr: Man ist schon als normales Mitglied dieses Ausschusses sehr involviert. Jetzt, als Vorsitzende, werde ich mich noch intensiver in die Thematik einarbeiten. Die Tragweite und das Aufgabengebiet dieses Ausschusses sind mir nochmals richtig bewusst geworden. Mit dem Jugendhilfeausschuss verbindet man erstmal Tagesmütter und Kindergartenplätze – aber das ist ja nur ein Aspekt. Ich bin mir der damit einhergehenden Verantwortung jetzt ganz besonders bewusst geworden.

Was ist das Besondere am Jugendhilfeausschuss?

Gewehr: Es ist kein rein politisches Gremium. Der Kreis hat ja die Aufgaben eines Jugendamts für die drei Kommunen Burscheid, Odenthal und Kürten übernommen. Und das Jugendamt besteht aus der Verwaltung und eben dem Ausschuss. Deshalb sind dort auch alle Träger vertreten, alle, die mit Jugendarbeit zu tun haben. Der Ausschuss fasst weitreichende Beschlüsse. Es werden hochbrisante Themen behandelt, und man muss zielorientiert arbeiten. Wir wollen „gute“ Beschlüsse fassen, hinter denen wir einvernehmlich stehen.

Sie sprechen von der Verantwortung, die man trägt . . .

Gewehr: Ja, allein schon im finanziellen Bereich. Wir haben für die drei Kommunen einen Finanzspielraum von rund 26 Millionen Euro. Wobei eine dem entsprechende Planung immer durcheinandergewirbelt werden kann. Wenn es zu einer Gefährdung des Kindeswohls kommt, zu Inobhutnahmen, dann können wir nicht sagen, dass dafür kein Geld mehr im Topf ist. Deshalb gibt es immer eine Unwägbarkeit, eine Unbekannte im Hintergrund, die schwer zu kalkulieren ist.

Wie sieht es jetzt zu Corona-Zeiten aus? Gerade beim Thema Kindeswohl?

Gewehr: Man fragt sich natürlich, ob man wirklich alles mitbekommt. Gerade, als Kitas und Schulen ausschließlich auf Distanz funktionierten, fiel die soziale Kontrolle weg. Wir dürfen uns nicht in einer Sicherheit wiegen, dass schon alles gut geht.

Die Mitglieder des Jugendhilfeausschusses hören von schlimmen Dingen . . .

Gewehr: Ja. Es geht einem schlecht danach. Eine Odenthalerin sagte mir einmal, so etwas wie Kindeswohlgefährdung gebe es nicht, doch nicht im beschaulichen Odenthal. Aber dieses Schlimme lauert überall. Auch in beschaulichen Kommunen. Der Wohlstand, in dem wir leben, schützt nicht davor. Da weiß ich mich einig mit Ratsfrau Barbara Düchting, die in der Montanusschule unterrichtet. Die Verbindung Jugendhilfe – Schule ist wichtig. Gerade jetzt in Corona-Zeiten bewegen wir uns beim Thema der häuslichen Gewalt in einem dunklen Raum.

Sie haben die Jugendhilfe immer wieder als Ihr ureigenes Thema bezeichnet . . .

Gewehr: Ich habe selbst zwei Kinder und vier Enkel. Ich habe auch die Schwierigkeiten erlebt, die das mit sich bringen kann. Ich bin berufstätig, und mir war immer wichtig, zu vermitteln, dass Frauen auf eigenen Beinen stehen und unabhängig sein sollten. Auch, was die Altersversorgung angeht. Das hat mich immer umgetrieben. Ich bin seit 2004 im Kreistag und seitdem im Jugendhilfeausschuss, zuerst als sachkundige Bürgerin. Ich habe den Ausschuss nie gewechselt. Die Aufgaben sind komplex; man muss sie sich erarbeiten, muss hineinwachsen. Wir als Politiker und Nicht-Fachleute beraten mit Fachleuten und der Verwaltung. Das ist das Außergewöhnliche an diesem Ausschuss und nicht leicht.

Was treibt Sie an?

Gewehr: Kinder werden in eine Familie hineingeboren. Sie können sie sich nicht aussuchen. Ich wünsche mir, dass alle die gleichen Chancen bekommen – auch, wenn das wohl illusorisch ist. Ich habe mir die Jugendhilfe immer wie ein Netz vorgestellt, dessen Maschen so eng sind, dass keiner durchfällt. Es ist eine pflegende und beschützende Sache. Gerade, weil wir Schlimmes hören. Man glaubt nicht, was Kindern alles passiert. Das sollte eine stete Ermahnung an uns alle in der Gesellschaft sein, dass wir aufmerksam sind, dass wir aufpassen. Und alle diejenigen, die mit Kindern und Jugendlichen zu tun haben, sei es Kita, Schule, Verein, sind ein Kontrollfaktor, wenn es Auffälligkeiten gibt.

Wie groß ist der Jugendhilfeausschuss?

Gewehr: Er zählt rund 40 Mitglieder. Stimmberechtigt sind ungefähr 15. Im Jugendhilfeausschuss sitzen alle, die sich mit Jugendarbeit befassen. Der Sportbund. Das Deutsche Rote Kreuz. Verbände. Kirchen. Jugendrichter.

Warum hat Burscheid kein eigenes Jugendamt? Gibt es dadurch Nachteile?

Gewehr: Burscheid ist nicht groß genug für ein eigenes Jugendamt. Wir haben als Ansprechpartner vor Ort im Rathaus das Jugendhilfebüro, das in allen drei Kommunen vertreten ist. Von Seiten der Stadtverwaltung ist Amtsleiter Dirk Runge ein wichtiges Bindeglied. Er ist ebenso in allen Ausschusssitzungen dabei wie Thomas Kaps vom Bündnis für Burscheid als beratendes Mitglied - eine Aufgabe, die zuvor Kirsten Kühn von der Burscheider SPD inne hatte. Auch Inge Wirths, die Leiterin der Johanniter-Kita Schützeneich, ist bei den Sitzungen in Bergisch Gladbach dabei. Die Rückkoppelung an Burscheid ist da und damit auch eine Kontinuität. Mit dem Jugendbüro, es ist in Trägerschaft der Katholischen Jugendagentur, hat seinen Sitz in der Villa Biz und macht einen sehr guten Job, und dem Jugendzentrum Megafon haben wir in Burscheid sehr gute Ansprechpartner. Es ist wichtig, solche Anlaufstellen vor Ort zu haben. Ich finde auch, dass das Thema Integration gut umgesetzt worden ist. Und wir haben einen hohen Migrationsanteil.

Welchen Themen stehen in Burscheid aktuell im Vordergrund?

Gewehr: Es ist eng mit den Kindergartenplätzen. Aber wir erfüllen den Rechtsanspruch, auch wenn vielleicht nicht jeder seinen Wunschplatz bekommt. 40 Prozent der unter-Dreijährigen brauchen einen Platz. Das haben wir erfüllt. Was wir beobachtet haben, ist eine Zunahme des Volumens. Heißt: Wo zuvor 25 Stunden Betreuung reichten, sind es nun 35. Das macht das Ganze teurer.

Es wird auch gebaut . . .

Gewehr: Ja, in Sträßchen entsteht ein DRK-Kindergarten. Geplant sind fünf Gruppen, von denen zwei Odenthal zugute kommen sollen. Auch dort gibt es viele Zuzüge und Bedarf. Aber das ist keine starre Regel. Wir sind flexibel.

Zur Person

Erika Gewehr, Jahrgang 1953, ist die Vorsitzende der Burscheider CDU. Dem Kreistag gehört sie seit 2004 als Abgeordnete an, war aber zuvor schon als sachkundige Bürgerin in Bergisch Gladbach tätig – auch im Jugendhilfeausschuss. Den Wahlbezirk Hilgen holte sie als direkt gewählte Abgeordnete mit 34,4 Prozent.

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