Konzert

Jazzmusiker sorgt für magischen Abend

Maria Baptist und Jan von Klewitz sind bereits ein eingespieltes Duo. Foto: Doro Siewert
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Maria Baptist und Jan von Klewitz sind bereits ein eingespieltes Duo.

Maria Baptist und Jan Klewitz erzählten mit ihren Instrumenten aus der Geschichte des musikalischen Genres.

Von Peter Klohs

Freitagabend im Kulturbadehaus in Burscheid. Langsam füllt sich der Saal, der coronabedingt für 35 Gäste Platz bietet. Auf dem Flügel stehen fünf Notenblätter. Das lässt komplexe Musik vermuten. Maria Baptist ist heute Abend zu Gast, Pianistin und Komponistin im weiten Feld des Modern Jazz. Sie hat als Duo-Partner den Altsaxofonisten Jan von Klewitz mitgebracht.

Wie Jelle Dryander vom Kulturverein weiß, war die Musikerin im Jahr 2018 zum letzten Mal im Kulturbadehaus, damals mit einem Solo-Programm. Das Publikum heißt das Duo herzlich willkommen. Eine lange, lyrische, rhythmuslose Einleitung ist der Beginn der kommenden 100 musikalischen Minuten. Doch dann gibt Baptist einen Latin-Rhythmus vor, den von Klewitz gerne aufnimmt und in einem ersten formidablen Solo seine Klasse beweist.

Aber das ist nur der Anfang. Im Laufe des Konzertes werden sich die Eindrücke mehren und am Ende so zahlreich sein, dass selbst eingefleischte Jazzkenner verzückt nach Hause gehen.

Wie zum Beispiel im Stück „Sea of Blackness“: Ein rhythmisches Monster, das gnadenlos groovt, in dem der Saxofonist ein musikdienliches Solo spielt, ohne seine Virtuosität in den Vordergrund zu stellen. Ein Paradebeispiel von Dynamik innerhalb eines Stückes, ja innerhalb eines einzigen Akkords. Wie etwa in „Minotaurus“: Eine Komposition, die von den lebendigen, durchaus ungewöhnlichen, aber logisch zusammenhängenden Akkordprogressionen lebt, über die das Duo exzellente Geschichten zu erzählen weiß.

Wieder ein südamerikanischer Rhythmus, diesmal eher im moderaten Tempo, sorgt für dezentes Fußwippen. „Stillness speaks“ ist einer davon: Eine von zwei Balladen im Konzert, in deren Verlauf beide Musiker zur gleichen Zeit, aber unabhängig solieren, so dass eine sehr von Emotionen geprägte Musik entsteht, in der sich Kaskaden aufbauen – und wieder in sich zusammenfallen.

Diese Musik darf und kann man nicht modernen Jazz nennen. Sie ist schlicht zeitlos. Beispiel „Run“: Das letzte Stück vor der Pause hat es in sich. „Es geht um Schnelligkeit“, hat Baptist die Komposition angekündigt, und das bestätigt sich jetzt. Und der Runner am Saxofon rennt in seinem Solo um 176 Ecken, Berge hinauf, durch enge und verzwickte Straßen, durch Menschenmengen, stößt an Ecken an, holt sich blaue Flecke, stolpert kurz und bleibt in Bewegung. Baptist begleitet ihn ein Stück, bevor sie einen eigenen, nicht minder spektakulären Weg findet. Atemraubend. Auch für das Publikum. Nach der Pause, die nach dieser Tour de Force dankbar angenommen wird, erklingt „Travel in Possibilities“, eine lauwarme Sommerbrise im November.

Künstlerin gedenkt ihrem Wohnsitz in New York

Anschließend eine lange Saxofon-Ouverture, in der von Klewitz gar growlt und kurz den Blues hervorholt, bevor sich die Schönheit von „Gratitude“ entfaltet. „Natural Escape“ überrascht mit einer Lyle-Mays-Attitüde, die dem langjährigen Pianisten von Pat Metheny gut zu Gesicht gestanden hätte, und eine bitemporäre Spielweise, die manchmal einen Dreiviertel-, dann wieder einen Vierviertel-Rhythmus zähl- und hörbar macht. „Cloud 9“ folgt, die zweite und letzte Ballade des Abends, die auf einem Quartett-Album Keith Jarretts in den 70er-Jahren gut aufgehoben gewesen wäre, bevor Maria Baptist in einer fulminanten Komposition ihres gelegentlichen Wohnsitzes in New York gedenkt und die dann auch, hektisch und atemlos wie sie ist, stark in Richtung Bebop tendiert. Und mit „Midnight Rain“ endet der offizielle Part des Konzertes, ein Stück, dass sich aus einem 5/8tel Rhythmus entwickelt und Baptist ihr Solo am Ende zerfasert, es wird frei, strukturell, nicht harmonisch.

Der Applaus klingt, als seien wie sonst gute 60 Gäste im Burscheider Kulturbadehaus anwesend – und nicht bloß die Häfte, und das Duo spielt gerne noch eine Zugabe, in der von Klewitz das Mundstück seines Instruments von Korpus löst und nur darauf spielt, was leicht orientalisch klingt.

Auch im allerletzten Stück des Abends hören die rhythmischen Feinheiten nicht auf: Es steht in Elfviertel. Ein magischer Abend.

Hintergrund

Maria Baptist wurde 1971 in Berlin geboren, wo sie heute lebt. In vielen Projekten spielt sie mit dem 1964 in Zagreb geborenen Jan von Klewitz zusammen. Im Kulturbadehaus geht es am 19. September (18 Uhr) weiter dem Konzert der griechischen Pianistin Agapi Triantafyllidi, die mit ihrem Trio Beethoven spielen wird.

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