Flucht aus der Ukraine

Ihre Kinder geben der Familie jetzt Kraft

Gisela Prägler-Hoth und Ehemann Manfred (links) haben eine ukrainische Familie aufgenommen: Andrii und Yulia Tomchuk mit Nikol auf dem Arm leben bei ihnen. Anja Vitko (rechts) mit ihrer Mutter Sofia (2.v.r.) haben ein paar Häuser weiter Unterschlupf gefunden. Die 1. stellvertretende Bürgermeisterin Stella Ignatz (3.v.r.) hatte durch rumänische Verwandtschaft Kontakt zu der Familie geknüpft. Foto: Nadja Lehmann
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Gisela Prägler-Hoth und Ehemann Manfred (links) haben eine ukrainische Familie aufgenommen: Andrii und Yulia Tomchuk mit Nikol auf dem Arm leben bei ihnen. Anja Vitko (rechts) mit ihrer Mutter Sofia (2.v.r.) haben ein paar Häuser weiter Unterschlupf gefunden. Die 1. stellvertretende Bürgermeisterin Stella Ignatz (3.v.r.) hatte durch rumänische Verwandtschaft Kontakt zu der Familie geknüpft.
  • VonNadja Lehmann
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Von Cherkassy nach Burscheid: Zu siebt und mit ihren Haustieren ist die Familie Tomchuk-Vitiko aus der Ukraine geflohen.

Burscheid. Der Kaffeetisch im Wohnzimmer des Einfamilienhauses in Hilgen ist liebevoll gedeckt. Kaffee, Kekse und Kuchen – es fehlt an nichts. Es könnte ein ganz normaler Nachmittag unter Nachbarn oder Freunden sein.

Wären da nicht drei freundlich lächelnde Mitbewohner, deren Zuhause noch bis vor ein paar Wochen knapp 100 Kilometer südöstlich von Kiew lag. Nun sitzen Andrii und Yulia Tomchuk sowie deren Schwester Anja Vitko im Wohnzimmer von Gisela Prägler-Hoth und ihrem Mann Manfred Hoth. Später wird noch Sofia Vitko, die Mutter der beiden Schwestern dazustoßen: Sie hat im Obergeschoss den Schlaf ihrer 17 Monate alten Enkelin Nikol bewacht. Zlata und Valeriia, die beiden achtjährigen Mädchen, sind schon ins Hilgener Leben eingetaucht: Sie besuchen gerade die Freizeit der Evangelischen Gemeinde Hilgen-Neuenhaus. Oben im Obergeschoss bellt der kleine Rüde Lime – er ist mit seiner Familie ebenso mitgeflüchtet wie Katze Basiia und Sofia Vitkos Hund Tima. Während Familie Tomchuk bei Hoths lebt, wohnen Sofia und Anja Vitko mit Valeriia einige Häuser weiter bei Joëlle und Ben Heider.

Ihre Heimatstadt war Cherkassy. „Eine große Stadt mit rund 250 000 Einwohnern“, sagt Andrii Tomchuk. Der 36-Jährige spricht ebenso gut englisch wie seine Schwägerin Anja – und ebenso lebhaft. Sie erzählen vom großen Fluss Dnepr, der in Cherkassy zu riesiger Wasserfläche aufgestaut ist. „Burscheid ist ein kleines Dorf“, sagt Andrii Tomchuk. Und das gefällt ihm sehr: „In der Stadt ist es immer so hektisch. So viele Menschen. Weite Wege. Man geht zur Arbeit, kommt abends zurück, schläft.“ In der vierten Woche ist er nun im „kleinen Dorf“ Burscheid. „Wir sind bei guten Leuten. Wir fühlen uns wohl. Es ist perfekt für uns und die Kinder“, dankt er Gisela Prägler-Hoth, die nicht lange zögerte, die Familie aufzunehmen. Denn ihre eigene Tochter hat selbst ein Jahr in der Ukraine für das Goethe-Institut gearbeitet, spricht unter anderem Russisch und Tschechisch. „Ich fühle mich verbunden“, sagt Prägler-Hoth einfach. „Wir erfahren aber auch großartige Unterstützung von vielen Freunden, Nachbarn und Bekannten, wenn etwas fehlt, und es werden Ausflugsangebote für die Gäste gemacht.“

In zwei Autos erreichte die Familie Burscheid: sieben Personen, zwei Hunde, eine Katze. Am Ende ihrer Kräfte nach wochenlanger Odyssee. Im Siegerland hatte die 1. stellvertretende Bürgermeisterin Stella Ignatz sie erwartet. Bis zur ukrainischen Grenze waren die sechs jungen Leute und drei Haustiere immer weiter gefahren, um auf der anderen Grenzseite Sofia Vitko wiederzutreffen. In einem Bus einer freikirchlich-evangelischen Gemeinde ging es für drei Familienmitglieder von dort aus weiter; die anderen folgten dem Bus in ihrem kleinen Auto. „Wir sind mit 80 Stundenkilometern über die Autobahn geschlichen. Die konnten nicht mehr“, sagt Stella Ignatz.

Zu diesem Zeitpunkt lagen bereits Wochen der Flucht hinter der Familie. „Wir wollten die Ukraine zuerst gar nicht verlassen“, erzählt die 33-jährige Anja Vitko. „Wir hatten gehofft, dass wir westlich von Kiew bleiben können.“ Zuvor hatten sie die Bombardierung ihrer Heimatstadt erlebt. Das Sirren der Raketen gehört, die Einschläge. „Wir haben in unseren Sachen geschlafen und uns abgewechselt“, sagt Anja. „Viele gingen raus und kamen nie mehr zurück“, sagt Andrii Tomchuk über die Verstecke. Vier seiner Freunde seien tot.

Der 36-Jährige ist wehrdienstuntauglich; er gehört nicht zu jenen, die an die Waffen gerufen wurden. „Wäre ich allein, wäre ich geblieben und hätte gekämpft. Aber ich bin doch verantwortlich für die Mädchen“, sagt er und bezieht Schwägerin und Schwiegermutter mit ein. Seine eigene Mutter ist immer noch in der Ukraine; ebenso sein Schwager mit Familie. „Wir sind fast täglich in Kontakt. Das ist sehr wichtig.“ Sie selbst, das betonen die jungen Mittdreißiger immer wieder, seien es nicht, die Hilfe bräuchten: „ Uns geht es gut. Hilfe brauchen die, die zurückgeblieben sind.“ Die Flucht werde zudem immer gefährlicher: „Die Korridore sind nicht wirkliche Korridore. Die Russen wissen, wann die Menschen kommen“, sagt Stella Ignatz. Sie habe gerade zwei geflüchtete Frauen begrüßt, die nur das hatten, was sie am Leibe trugen, und einen kleinen Rucksack.

„Wir hatten ein ganz normales Leben“, sagt Andrii Tomchuk. Er ist Ingenieur, Schwägerin Anja Hotelkauffrau, Ehefrau Yulia war im Finanzwesen tätig, Schwiegermutter Sofia (61) in der Sozialarbeit. „Wir hätten nie erwartet, dass so etwas passiert“, sagt Anja Vitko über den russischen Angriffskrieg. „Wir alle sprechen Russisch, wir alle haben Verbindung zu Russland.“ Mehrfache Anläufe haben sie unternommen, die Grenze zu überwinden, nachdem klar war, dass es auch westlich von Kiew nicht friedlich bleiben wird. Über Rumänien, die Heimat von Stella Ignatz, und Ungarn erreichte das Septett Deutschland. „An der ungarischen Grenze haben wir zwölf Stunden gewartet“, erzählt Andrii Tomchuk. Da wusste Stella Ignatz schon von ihnen: Rumänische Verwandte hatten sie kontaktiert.

Nun blicken die Sieben voraus: Nach den Osterferien beginnt die Schule. Um ihre Zeugnisse und Zertifikate übersetzen und beglaubigen zu lassen, sind Anja Vitko, Yulia und Andrii Tomchuk mit dem Bus nach Bergisch Gladbach gefahren: „Wir haben eine neue Stadt gesehen“, sagt der 36-Jährige. Schon bald soll es eine Arbeitsgenehmigung geben; sie wollen sich Jobs suchen. Sein Traum? Sein Gesicht strahlt auf: „Bei Tesla arbeiten!“ – und er lacht.

„Das hier ist die Zukunft für unsere Kinder.“

Andrii Tomchuk

„Wir müssen eine neue Sprache lernen“, sagt Andreii Tomchuk. „Aber das hier ist die Zukunft für unsere Kinder.“ Aus Nikol, Zlata und Valeriia ziehen die Erwachsenen ihre Kraft. Für sie wollen sie den Neuanfang wagen, ihre Zukunft sehen sie außerhalb der Ukraine. „Wir danken den Menschen hier, für ihre Großherzigkeit. Wir fühlen uns umgeben von Liebe und Hoffnung“, sagt Anja Vitko. Sie blicken voraus.

Wie unbarmherzig, wie grausam eine Flucht ist, wie menschenverachtend ein Krieg, davon erzählt an diesem Nachmittag eindringlich nur das stille und erschöpfte Gesicht von Sofia Vitko. Töchter und Schwiegersohn wissen darum: „Alles, ihr Leben und ihre Freunde, ist in der Ukraine.“

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