Musicalische Academie von 1812

„Ich habe schon gehört, was möglich sein kann“

Hat schon mal auf der Bühne des Hauses der Kunst Platz genommen: Nicolai Dembowski, der nun die Musicalische Academie leitet.Foto: Nadja Lehmann
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Hat schon mal auf der Bühne des Hauses der Kunst Platz genommen: Nicolai Dembowski, der nun die Musicalische Academie leitet.
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Nicolai Dembowski übernimmt die Leitung der Musicalischen Academie von 1812 zu Burscheid

Burscheid. Er ist jung, ehrgeizig und hat eine ganze Menge vor mit der altehrwürdigen Musicalischen Academie: Aber zunächst freut sich Nicolai Dembowski als neuer Leiter des Burscheider Ensembles einfach. „Das ist eine spannende Aufgabe, eine große Herausforderung.“ Bereits das nun von Dezember auf Januar verschobene Konzert wird er dirigieren.

Für die Musicalische Academie geht damit eine lange Vakanz zu Ende (| Infokasten). Tempi passati. In einer Übergangsphase war Wolfgang Georg eingesprungen, der die Musicalische Academie bereits zuvor geleitet hatte. „Wir haben trotz Lockdown damals sofort eine Ausschreibung gemacht“, erzählt Tilman Werner, der 1. Vorsitzende. Die Resonanz war groß, schließlich handelt es sich hier um Deutschlands ältestes Laienorchester, gegründet 1812. „20 Bewerbungen haben wir bekommen“, sagt Werner. Daraus wurde dann eine Auswahl getroffen: Drei Kandidaten standen in der engeren Wahl. Dabei blieb es dann allerdings zunächst auch. Corona verhinderte Einladungen und Probedirigate. Diese konnten erst im August 2021 stattfinden.

„Als Dirigent lernt man nur in der Arbeit mit einem Orchester.“

Nicolai Dembowski

Schlappmachen in der Zwischenzeit? Nicht mehr üben im Lockdown? Keine Option für die Musicalische Academie. „Unser Konzertmeister Alexej Silbert hat tolle Tutorials gemacht, wo wir nach Anleitung per Video üben konnten. Wolfgang Georg hat immer wieder Durchhalte-Mails geschrieben“, erinnert sich Barbara Sauer. Es habe aber auch geholfen, zu wissen, dass es allen so ging: „Wir waren nicht allein mit dieser Lage.“ Geübt und geprobt wurde wieder, sobald es nur möglich war, auf weitem Abstand im Haus der Kunst. „Wir wussten immer: Es geht weiter. Das stand bei dieser langen Tradition außer Frage“, sagt Sauer.

Die drei Kandidaten reisten also an, stellten sich vor. Einer von ihnen: Nicolai Dembowski. „Eine Kollegin hatte mich auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht“, sagt er. Das Burscheider Ensemble kannte er zuvor nicht: „Vielleicht, weil ich ursprünglich nicht von hier bin.“ Ins Rheinland kam der junge Niedersachse aus Rothenburg/Wümme erst durch sein Studium an der Musikhochschule Köln. Dort studiert er Dirigieren und Klavier.

„Als Dirigent hat man ja kein Instrument. Das heißt, man lernt nur in der Arbeit mit einem Orchester“, so seine Motivation, sich hier zu bewerben. „Und es hat mich gereizt, weil es ein Laienorchester mit so langer Tradition ist.“

60 Minuten lang hatte Nicolai Dembowski Zeit, das Orchester von sich und seinen Qualitäten beim Probedirigat zu überzeugen. Stücke von Rameau und Respighi hatte er sich dafür ausgesucht. „Da haben wir dann prima vista vom Blatt gespielt. Das war am Anfang schwer“, erinnert sich Werner. Wichtiger als Perfektion war der Musicalischen Academie zunächst aber ohnehin anderes. „Was mutet er uns zu? Was traut er uns zu?“, so Tilman Werner. „Wie spricht er uns an? Welches künstlerische Konzept hat er?“ Es waren Schwerpunkte, die die Mitglieder des Orchesters im eigens entwickelten Fragebogen setzten. „Wir haben in den 60 Minuten etwas erarbeitet und sogar abgeschlossen“, sagt Barbara Sauer. Das Ensemble fand: Der ist der Richtige. Basisdemokratie.

Ein Laienorchester ist etwas anderes als ein Profiorchester. Das weiß auch Nicolai Dembowski. „Hier spielt man freiwillig und aus Freude“, sagt er. Deshalb will er bei aller Ernsthaftigkeit den Spaß am Spielen und am eigenen Dirigieren nicht zu kurz kommen lassen, aber auch bereits erste „Etappenziele“ formulieren: „Das Haus der Kunst wird umgebaut. Wir werden einen neuen Probenraum brauchen. Und wir wollen das Orchester stärker in die Stadt bringen, wollen Open Air wagen, Kooperationen suchen, wie beispielsweise mit dem Jugendorchester der Musikschule.“

Dann gelte es, das richtige Repertoire zu finden. Nicolai Dembowski setzt auf Vielfalt. „Durch die Wieder-Einweihung des Flügels ist Beethovens Klavierkonzert beim Konzert im Januar ja schon gesetzt. Das Konzert im Sommer wird in eine ganz andere Richtung gehen, und das Konzert im Winter 2022 wieder anders sein.“ Das Orchester in Bewegung zu halten, vieles auszuprobieren – das ist dem jungen Dirigenten wichtig. Es passt zum Selbstverständnis der Musiker: „Das Orchester hat, von 1812 an, immer Zeitgenössisches gespielt“, sagt Barbara Sauer. So stand Beethoven schon früh auf dem Programm.

„Das hier ist auch eine menschliche Herausforderung“, findet Nicolai Dembowski. Das jüngste Mitglied ist 16, das älteste über 80: „Man muss alle Stimmungen, alle Voraussetzungen und alle Wünsche zusammenbringen und zu einem Ergebnis führen.“ Bei seinem Probedirigat habe er aber bereits gehört, „was möglich sein kann“.

Er selbst sei nicht den geraden Weg gegangen, habe viele Erfahrungen gesammelt, sagt Dembowski über sich. Das könne ihm angesichts der Vielfalt und Diversität im Orchester helfen. „Ich komme aus keinem ausgesprochen musischen Elternhaus, habe aber schon als Kind komponiert und das Horn gespielt“, erzählt Dembowski. Die Musikhochschule Hannover nahm ihn als Jungstudenten mit seinem Horn auf: „Dann bekam ich Probleme mit meinem Ansatz.“ Sprich: mit dem Bindeglied des Musikers zu seinem Instrument. Dembowski schwenkte um aufs Klavier, der Dirigentenstab kam irgendwann folgerichtig dazu. „Man ist als Dirigent am nächsten am Klang dran, kann ihn gestalten und formen“, schwärmt er über seine Profession. Und die Musicalische Academie folgt ihm – schon jetzt beflügelt im neuen Konzertplakat-Layout: Das Gelb hat Flieder und Rottönen Platz gemacht. Frischer und moderner sei das, findet Barbara Sauer. Bewegung also auch hier.

Rückblick

Rückzug: Mit Beginn des ersten Lockdowns im März 2020 hatte sich David Boakye-Ansah vom Orchester zurückgezogen, dessen Leitung er gerade erst übernommen hatte. „Ich glaube, er hatte etwas anderes erwartet“, sagt Barbara Sauer, die seit 40 Jahren im Orchester Geige spielt. „Wir haben direkt mit ihm auch nicht mehr darüber gesprochen“, ergänzt Tilman Werner.

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