Einzigartig

Hier wird die Faltschachtel zur Kunst

Freuen sich über den neuen Edelmann-Standort: CEO Dr. Frank Hornung (links) und Dominik Bea (Plant Management Burscheid).
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Freuen sich über den neuen Edelmann-Standort: CEO Dr. Frank Hornung (links) und Dominik Bea (Plant Management Burscheid).
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Die aus dem schwäbischen Heidenheim stammende Edelmann Group hat einen weiteren Standort in Burscheid eröffnet.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. In Faltschachteln kann man Pizza stecken. Das T-Shirt, das man bestellt hat. Aber diese Behältnisse sind hier nicht gemeint. In Straßerhof entstehen Faltschachteln der Oberklasse, Transportboxen de luxe gewissermaßen, in kleiner, feiner Auflage: Im neuen Gewerbegebiet südlich der Innenstadt hat sich die Edelmann Group angesiedelt. In Burscheid produziert und bedruckt das Unternehmen, das seinen Sitz im schwäbischen Heidenheim hat, Faltschachteln und dazugehörige Beipackzettel für die Pharmaindustrie. „In dieser Kombination passiert das nur an drei, vier Standorten in der Welt“, sagt CEO Dr. Frank Hornung.

Man könne sich alle großen Namen der Pharmaindustrie betrachten: „Es sind alle unsere Kunden.“ Und Gleiches gilt für die Parfüms, die an anderen Edelmann-Standorten ihre passende luxuriöse Umhüllung erhalten. Rund fünf Milliarden Verpackungen produziert das Unternehmen weltweit pro Jahr.

In Burscheid haben die Schwaben Neuland betreten. Sie waren mit die ersten, die sich in Straßerhof ansiedelten; 2021 war Spatenstich. Hier haben sie ihre beiden früheren NRW-Niederlassungen in Leverkusen und Wuppertal zusammengelegt. „Erste Überlegungen begannen 2018“, erinnert sich Hornung. Denn der Standort Leverkusen sei zu klein geworden: „Außerdem haben wir dort auf zwei Stockwerken produziert. Das war sehr umständlich“, sagt Hornung. Hoffnungen auf einen neuen Bau in Leverkusen zerschlugen sich. Man habe dann etwas zwischen den beiden bisherigen Standorten gesucht: „Wir haben bei allen Wirtschaftsförderungen angerufen und sind schließlich bei der des Rheinisch-Bergischen Kreises gelandet“, erzählt Dominik Bea vom Plant Management Burscheid.

Faltschachteln und Beipackzettel – in dieser Kombination passiert das nur an drei, vier Standorten in der Welt.

Dr. Frank Hornung, CEO

Die Wirtschaftsförderung brachte Straßerhof ins Spiel: Das Gelände, das ursprünglich der Remscheider Firma Dohrmann gehört habe, sollte umgewandelt werden. „Die Frage ist dann, ob man selber baut und Eigentümer ist oder bauen lässt und anmietet“, sagt Bea. Man entschied sich für Letzteres. Gemeinsam mit Investor Garbe Industrial Real Estate entwickelte Edelmann sein Gebäude. „Es ist ein Kompromiss, weil der Vermieter es theoretisch ja auch weitervermieten können muss. Aber es ist schon so gebaut, dass es für uns passt“, sagt Hornung. So gibt es Abfallkanäle im Boden, eine Klimatisierung, bei der die Luft durch Wassernebel gepumpt wird und sich so die Temperatur um rund 12 Grad Celsius absenkt und Photovoltaik auf dem Dach. „Das hat allerdings Garbe an einen Dienstleister vermietet“, sagt Bea.

Entstanden ist ein imposanter langgestreckter Gebäuderiegel, den man sich mit Nachbar BGS, Werkzeughersteller aus Wermelskirchen, teilt. Insgesamt 20 000 Quadratmeter, von denen 12 000 zu Edelmann gehören. Wachstum wäre möglich. „Wir verbrauchen viel Energie“, sagt Bea, „aber draußen steht unser Trafohäuschen, mit dem wir uns um 40 Prozent vergrößern könnten.“

Edelmann Group fürchtet totalen Gasausfall

Derzeit aber gehen die Blicke, wie bei so vielen Unternehmen, stärker auf Gasknappheit und gefährdete Lieferketten. „Ein Gasausfall wäre ein Alptraum“, sagt der CEO offen. Denn das nötige Papier beziehe man von zwei Märkten: einmal vom waldreichen Skandinavien, das auf Wasserkraft setze, zum zweiten aus Deutschland/Österreich/Italien, das im Bereich Altkarton und Recycling unterwegs sei und vielerorts eigene Gaskraftwerke betreibe.

Natürlich verfolgt das Unternehmen auch den Ukraine-Krieg. „Wir haben weder in Russland noch in der Ukraine Werke“, sagt Bea. „Aber für unsere Druckplatten brauchen wir Aluminium. Und das kommt aus Russland.“

Edelmann Group: Burscheid ist ein guter Standort für das Unternehmen

Die Zukunft ist ungewiss. Die Gegenwart in Burscheid aber passt. Die „gute Anbindung an die Autobahn“ hebt Dominik Bea hervor. Einen Wermutstropfen aber gibt es aus seiner Sicht: den öffentlichen Nahverkehr aus Richtung Köln. „Wir arbeiten in drei Schichten, und die erste beginnt um 6 Uhr. Der erste Bus erreicht Straßerhof aber erst gegen 6.45 Uhr.“ Eine Stunde früher wäre wünschenswert, sagt Bea; einige benachbarte Unternehmen sähen das ähnlich.

Rund 250 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt Edelmann in Burscheid, Fachkräfte ebenso wie Ungelernte. Die Mitarbeitenden aus Wuppertal und Leverkusen sind an den neuen Standort gefolgt; ungefähr 98 Prozent der Leverkusener und 90 Prozent der Wuppertaler, schätzt Bea. Die Fahrten werden subventioniert, es gibt einen Shuttle-Bus und Zulagen. „Und wir suchen ja noch mehr Leute, mindestens 20 weitere.“ Ziemlich multikulti sei man in Burscheid, sagt Bea, der selbst Leverkusener ist. „Das finde ich super.“ Hilfskräfte zu finden, sei derzeit extrem schwer, berichten beide. „Bei Facharbeitern ist es auch schwierig, aber machbar.“

Der Blick hinunter in die Halle.

Genau diese kundigen Köpfe aber braucht es auch. Denn Präzision ist im Health-Care-Sektor Pflicht. „Kein Medikament darf in der falschen Schachtel landen, das Präparat für den Senior darf nicht mit dem für das Kleinkind verwechselt werden. Die Beipackzettel müssen stimmen“, sagt Hornung. Datensicherheit und Zugangskontrolle werden groß geschrieben: „Wir werden ständig auditiert und zertifiziert.“

Und auch technisch müsse alles stimmen. Standorte, die beispielsweise im Verpackungssegment für Haarcolorationen unterwegs seien, bewegten sich „in der hohen Kunst des Drucks“, wie Hornung betont. „Die Haarfarbe auf der Verpackung muss stimmen, weil es ja einen Anreiz bieten soll, das Blond muss so aussehen wie beim ersten Druck.“ Dominik Bea, der selbst einst eine Ausbildung zum Drucker absolviert hat, erzählt von einer Parfümverpackung eines großen französischen Kunden, deren silbriges Äußeres ein Hologramm vorgaukelt. Die perfekte Illusion.

Die erfahrenen Drucker verstünden sich als Künstler, sagt Hornung, und in seiner Stimme liegt Respekt. Gleiches gelte für die Entwicklungsabteilung in Heidenheim: „Gerade hat sie wieder einen Preis gewonnen.“ Für ein namhaftes Unternehmen schuf sie nach dem Motto „Weniger ist mehr“ eine Kartonage für Seife und Substrat, das der Endverbraucher selbst mischt.

Edelmann Group investiert 25 Millionen Euro in den Standort in Burscheid

25 Millionen Euro hat Edelmann in den Burscheider Standort investiert und sieht sich dabei auf dem richtigen Weg. „Viele haben uns belächelt, weil wir weiter in Deutschland produzieren“, sagt Hornung. Doch angesichts des Klimawandels gelte es, Transportwege neu zu überdenken. Ebenso wie die Energiereduktion: Die Halle in Burscheid wurde mit LED ausgestattet, die Kabel für das Andocken von E-Autos sind bereits gelegt. „Man muss nur noch die Ladesäule hinsetzen“, sagt Dominik Bea.

Das Heidenheimer Unternehmen spielt in der 1. Liga ganz vorne mit. „Wir sind ein Familienunternehmen und konkurrieren erfolgreich mit großen Konzernen. Darauf sind wir stolz“, bekennt Frank Hornung. Und stolz auf Faltschachtel und Packungsbeilage ist man auch. „Ich gucke jede an. Auch die von den anderen“, sagt Dominik Bea mit einem Lächeln.

Firmendaten

Die Edelmann Group hat weltweit Standorte – von Südamerika, Mexiko und Brasilien über Deutschland, Frankreich, Polen und Ungarn bis nach Indien und China. Stammsitz ist im schwäbischen Heidenheim, wo das Familienunternehmen 1913 gegründet wurde. Heute arbeiten rund 3000 Menschen weltweit für das Unternehmen, das seinen Umsatz auf rund 300 Millionen Euro beziffert. Rund fünf Milliarden Faltschachteln werden jährlich produziert sowie mehr als eine Milliarde Packungsbeilagen.

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