Erinnerungen

Großösinghausen hatte die beste Rodelstrecke

Unterhalb der A 1 wird gearbeitet. Der Verkehr auf der Ösinghausener Straße wird per Ampel geregelt. Archivfoto: Doro Siewert
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Unterhalb der A 1 wird gearbeitet. Der Verkehr auf der Ösinghausener Straße wird per Ampel geregelt.

Volksbote-Bericht über die Brücke der A 1 weckt bei Horst Prange Erinnerungen an seine Kindheit

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Horst Prange betrachtet das Foto im Lokalteil von der Unterführung in Großösinghausen. So also wird der stabile, breite Bogen über die Straße nach Kotten und zum Müllersbaum bald aussehen. Der 87-Jährige sieht in Gedanken ein völlig anderes Bild vor sich.

Die Spaziergänge mit seinem Vater führten meist vom Lingestump in Kleinösinghausen durch das Tal, vorbei an Pott‘s Teich, Richtung Dünweg. In den ersten Erinnerungen des jungen Horst Prange gab es noch keine Unterführung auf diesem Weg durch die Wiesen zwischen den Ösinghauser Ortsteilen. Die darüberliegende moderne A 1 als Verbindung von Norddeutschland bis ins Saarland entstand erst Ende der 1930er Jahre. Auch diese Strecke war ein Teil des Prestigeprojekts Autobahn im Dritten Reich.

Die Ösinghauser Kinder im Alter von bis zu elf Jahren kümmerte es wenig, was sich außerhalb ihrer kleinen Welt tat. Für sie waren die Versorgungswege für die Landwirtschaft ein ideales Gelände für ihre Spiele und halbsportlichen Aktivitäten. Ganz besonders in den schneereichen Wintern boten sie ein regelrechtes Kinderparadies.

Horst Prange besaß einen stabilen Schlitten. Auf dem ließ er aber auch gerne seine Freunde aus der Nachbarschaft mitfahren. Je mehr Kinder die Familien hatten, desto weniger Spielgeräte nannten diese ihr Eigen. Eine gute Kameradschaft unter den Kindern der Hofschaften half ihnen, dazuzugehören.

Wo starteten denn die Rodler ihre rasante Fahrt? Horst Prange erzählt es gerne: „Kleinösinghausen hatte zwar auch einige abschüssige Wege für unsere Abfahrten – aber sie wurden von der Super-Strecke durch Großösinghausen bei weitem übertroffen. Ab der Gaststätte Jungmann ging es in die berühmte Kötteskurve. Die Schlitten folgten den Windungen des breiten Wegs, ließen ihren Lenker laut juchzen, wenn sie über Schneehubbel flogen und nahmen bis zur Unterführung noch mal richtig Tempo auf.“

„Raus, raus“, gingen Rufe hinunter ins Tal. Hintereinander, nebeneinander, einige schlingernd und in riskanten Kurven durch geschickten Einsatz der Stiefelabsätze wieder fest in den Griff gebracht. Auf jedem Schlitten hockten ein oder zwei Kinder, die Backen gerötet trotz Winterkälte. Eiskristalle an den von Omas und Müttern selbst gestrickten Handschuhen, Schneereste an den Rändern der halbhohen Gummistiefel und meist sogar Schnee zwischen Stiefelrand und der langen, innen angerauten Sporthose, meist bis hinunter zu den nicht mehr warmen Strümpfen. Das störte aber die naturgewohnten Kinder wenig. Wenn es hieß „Lasst uns Dreierzug fahren“ wurden drei Rodel hintereinander gebunden. Auf dem zweiten saß der geschickteste Lenker und führte den ersten Schlitten sicher über die Bahn.

Sogar die kleinsten Geschwister genossen diese Winterstunden, bis ihre Händchen steif waren vor Kälte.

Um genügend Schnee brauchten die Kinder sich nicht zu sorgen. Nach vielen milden Wintern kamen von 1939 bis 1942 Schnee und Kälte wie seit 100 Jahren nicht mehr. Auf der abschüssigen, knapp einen Kilometer langen Stre bis zur Unterführung in der Talsohle sausten sie der Unterführung zu.

„Sie wurden von der Super-Strecke in Großösinghausen bei weitem übertroffen.“
Horst Prange über die Rodelstrecken in Kleinösinghausen

Horst Prange erinnert sich an die Rodelstrecken seiner Jugend.

Der Boden unter der Brücke blieb logischerweise vom Schneefall unbeleckt. Der gefrorene Schotter tat den Kufen nicht gut. Diese natürliche Bremse verhinderte aber zum Leidwesen der Kinder eine auslaufende Fahrt bis zur ansteigenden Kurve. Was war zu tun? Horst Prange schmunzelt: „Fischers Herbert hatte als erster die Idee. Er war zwei Jahre älter als wir und hatte kräftige Arme. Er holte eine Schippe und fing an, die weiße Masse von den Rändern neben der Unterführung auf den Schotter zu werfen. Der schneefreie Platz war damals nur wenige Meter lang. Die Autobahn darüber bestand nur aus zwei Fahrspuren. Aller Schnee, der sich am Hang und am Waldweg türmte, wurde nach und nach zu einem respektablen Belag am gewünschten Platz.“ Nach fast zwei Stunden war es soweit. Wie würde die erste Testfahrt klappen? Tatsächlich ging es nun mitten durch die Unterführung bis weit hinein in den Schnee dahinter – ein voller Erfolg.

Autos, die den Kindern die Durchfahrt hätten streitig machen können, gab es in ganz Ösinghausen nur insgesamt drei. Um ihre tolle Rodelstrecke wurden die Ösinghauser Kinder von Schulfreunden anderer Ortsteiles beneidet. Dieses Kinder-Abenteuer bedeutete auch ein Stück Gegengewicht zu den schlimmen Ereignissen der Kriegsjahre.

Bauarbeiten

Der Volksbote-Bericht über die Sanierung des Brückenbauwerks an der Ösinghausener Straße weckte Erinnerungen bei Horst Prange. Oberhalb und unterhalb der Autobahn A 1 wird gearbeitet. Ein Baukran setzt Betonfertigteile für den Überbau ein. Im Anschluss folgen Betonschicht, die Abdeckung und abschließend die Asphaltdecke. Der Landesbetrieb Straßen NRW rechnet damit, dass die Arbeiten noch bis Ende Juni dauern. Wegen der Baustelle werden die Fahrstreifen der A 1 in Richtung Leverkusen, kurz vor der Ausfahrt Burscheid, auf die Gegenfahrbahn umgeleitet. Wegen der Geschwindigkeitsbegrenzung auf 60 Kilometer pro Stunde kann es zu Staus kommen. Unter der Brücke regelt eine Baustellenampel den Verkehr.

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