Großeltern dachten, es gibt wieder Krieg

Der Verlauf der ehemaligen Berliner Mauer ist mit Kopfsteinpflaster vor dem Brandenburger Tor nachgezeichnet. Foto: Jörg Carstensen/dpa
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Der Verlauf der ehemaligen Berliner Mauer ist mit Kopfsteinpflaster vor dem Brandenburger Tor nachgezeichnet.

Gestern jährte sich der Tag des Mauerbaus zum 60. Mal – Ältere Burscheider erinnern sich

Von Ursula Hellmann

Am 12. August 1961 trat der Beschluss seitens der Regierung der Deutschen Demokratischen Republik in Kraft: Wie darin verzeichnet, blieben von allen Straßen zwischen West-Berlin und der DDR nur 13 Übergänge passierbar. Besuche von hüben nach drüben standen unter strengen Kontrollen. In der Nacht zu Sonntag, 13. August 1961, erteilte SED-Chef Walter Ulbricht den Befehl zur endgültigen Abriegelung der Sektorengrenze.

Noch am 15. Juni 1961 war es im „Neuen Deutschland“ groß zu lesen: „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Doch seit Sonntagmorgen gaben Barrikaden aus Asphaltstücken, Pflastersteinen und Betonpfählen den Stacheldrahtverhauen quer durch die Häuserzeilen festen Halt. An den Rändern der zerstörten Straßen standen die Anwohner. Fassungslos. 7000 Volkssoldaten bildeten eine lückenlose Kette, um Durchbrüche zu verhindern.

Hilfspakete gingen von Burscheid aus nach Thüringen

Welche Erinnerungen blieben speziell bei Burscheider Bürgern an den Tag, als ein massiver, dicker Trennstrich mitten durch Deutschland die Hoffnung auf Rückkehr zum Normalen endgültig zunichte machte?

Esther Heider sieht noch heute ihre Großeltern vor sich. In den Nachrichten wurden die aufgerissenen Berliner Fahrbahnen gezeigt und die kampfbereiten bewaffneten Volkssoldaten hinter den sprachlosen Zuschauern. Da gerieten Oma und Opa in helle Aufregung: „Jetzt gibt es bestimmt wieder Krieg!“ Direkte Familienangehörige hatte Familie Heider nicht in der nun abgeschotteten Zone. Esther Heider: „Trotzdem gab es bereits seit mehreren Jahren einen herzlichen Kontakt zu einem Kriegskameraden des Großvaters. So gingen Hilfspakete nach Thüringen, und als Retoure kamen Dresdner Stollen und Erzgebirgs-Dekofiguren als Dank zurück. Diese angenehme Post tröpfelte danach immer seltener – um der stets strengeren Kontrollen willen.“

Was er speziell an dem verschandelten Sonntag im August empfunden hat, steht dem betagten Senioren Otto Claas (102) nicht mehr deutlich vor Augen. Er erinnert sich vage: „Sicher wurden auch im Bergischen die Leute durch Zeitungen und Radio in große Aufregung versetzt. Dennoch gab es auch, kurz nachdem die Mauer stand, zum 50-jährigen Jubiläum der VW-Organisation, der unsere Firma angehörte, eine große Feier im Hotel Adlon, zusammen mit der DDR-Niederlassung von VW.“

Trauthild Engels (87) weiß nur wenig über diese weltbewegenden Tage zu erzählen. „Damals gab es eine Cousine im brandenburgischen Luckenbach. Die haben wir vielleicht ein- oder zweimal besucht. Was mir hängen blieb, ist das jammernde Zittern der Mitreisenden, wenn es auf Helmstedt zuging. Es hieß: ‚Hoffentlich werden die versteckten Mitbringsel am Zoll nicht entdeckt!’ Der genaue Zeitpunkt vom Mauerbau-Anfang? Da bin ich mir nicht ganz sicher. Ja, es muss wohl der 13. August 1961 gewesen sein.“

Der Bergische Volksbote interessiert sich auch dafür, ob der gravierende Tag bei Jüngeren noch präsent sei. Für Tim Schütt (22 Jahre) ist die Mauer ein bekannter Fakt – sein Lehrer legte Wert auf eine gute Allgemeinbildung. „Nur was genaue Daten betrifft - da bin ich nicht so gut drauf.“

Hintergrund

Bis 1964 bestand die Absperrung vor allem aus Stacheldraht. Abschnittweise wurde sie aber zu einem „Meisterwerk“ der DDR-Grenztechnik ausgebaut. Von 1981 bis 1989 machten Sensortechnik und Elektronik sie noch unüberwindbarer. Trotz weltweiter Proteste standen die 302 Wehrtürme entlang der Dauerbaustelle und verbreiteten Schrecken. 327 Menschen starben an der innerdeutschen Grenze.

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