Gläubige wiegen das Christuskind

Die Kindelwiegenfeiern gelten als Vorläufer der Krippen – hier ist in Sankt Laurentius eine heutige Krippe zu sehen, um die sich Johanna und Günter Dreyer kümmern. Archivfoto: Doro Siewert
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Die Kindelwiegenfeiern gelten als Vorläufer der Krippen – hier ist in Sankt Laurentius eine heutige Krippe zu sehen, um die sich Johanna und Günter Dreyer kümmern. Archivfoto: Doro Siewert

Liturgische Feier war einst wie ein Schauspiel in Kirchen und Klöstern

Von Ursula Hellmann

Dormi, dormi, bel bambin’, ré divine. . . Dieses wunderschöne Schlaflied bekommt zur Weihnachtszeit eine besondere Bedeutung. Auf deutsch gesungen wiegte so manche Mutter ihr Neugeborenes damit in den Schlaf. Schlafe, schlafe, schönes Kind, Himmelslicht! Schlafe, schlafe, Knäblein fein! Selig schlaf mein Liebchen ein! Ré del ciel! Königssohn! Wirst die schönste Lilie sein!

Das uralte Wiegenlied aus dem Piemont spricht in seinen Strophen von der Bedeutung dessen, der neugeboren in einem provisorischen Kinderbett lag. Wann diese romantische Melodie zum ersten Mal ein Baby zur Ruhe brachte, ist nicht genau bekannt. Es gehört aber in die Reihe der Wiegenlieder, die speziell dem Krippenkind in Bethlehem gewidmet waren.

Das erste Zeugnis einer Kindelwiegenfeier findet sich in einer Schrift des Gerhoch von Reichersberg (Propst des oberösterreichischen Augustiner Chorherrenstiftes Reichersberg, 1093 bis 1169). Er schilderte den Ablauf der weihnachtlichen Zeremonie wie folgt: „In Klosterkirchen wurde eine Art Schauspiel aufgeführt. Die Akteure waren Mönche oder Kleriker. Die Kindelwiegenfeier rund um eine Krippe bestand aus einer Reihe geistlicher Gesänge. Dazu kam ein Stundengebet und frei hinzugefügte, liturgisch nicht festgelegte Lieder aus mittelalterlichen Sammlungen. Sie wurden a cappella gesungen und wurden durch einzelne Darstellungen dramatisch angereichert.“

Einen Hauch vom Bild unserer heutigen Krippenvorstellung brachte aber auch bereits der Aufbau durch den Eremiten Franziskus. Es ist verbrieft, dass er 1223 um Weihnachten herum die erste Figurengruppe um eine Krippe in origineller Naturkulisse im Wald aufstellte. Die Kindelwiegenfeiern als Vorläufer der Krippen blieben aber vorherrschend.

Bereits 1162 hatten diese Bräuche in vielen europäischen Gegenden Fuß gefasst. Zuerst ohne die Personen Maria und Josef stand nur eine stabile Wiege im Kirchraum. In ihr eine passende Puppe. Zwei Ministrantinnen schaukelten das „Christkind“, und um diese Wiege herum führten andere einen historischen Schreittanz auf. In der Kirche St. Gertrud, Klosterneuburg, gibt es darüber Originaldokumente. 850 Jahre danach, im Jahr 2013, lebte diese Kindelwiegenfeier wieder auf.

Die Puppe aus Holz oder Wachs war das wichtigste Requisit

Sehr publikumswirksam wurde die Szenerie bis ins 20. Jahrhundert in vielen Variationen beibehalten. Die Aufführungsorte waren Dome, Klöster, auch kleine Kirchen. Auch die ausführenden Personen wurden nach Publikumsgeschmack eingesetzt. Das wichtigste Requisit war natürlich die Christkindpuppe aus Holz oder Wachs. Kinder schaukelten die in der Wiege liegende Figur des Jesuskindes. Überliefert ist auch, dass Mädchen in einer Reihe sitzend an langen Seidenbändern das Christkindlwiegen praktizierten.

Eine etwas andere Form bestand darin, dass jedes Mädchen eine eigene Wiege mit einem Kind aus Wachs mitbrachte und beim Wiegen alte Wiegenlieder gesungen wurden. Im 16. Jahrhundert berichtete der evangelische Theologe und Reformator Thomas Naogeorg (auch Thomas Kirchmeier genannt, 1508 bis 1563): „Sowohl Mädchen als Jungen tanzten vor einem auf den Altar gelegten hölzernen Christkind. Die Erwachsenen klatschten dazu.“ Auch war es üblich, dass die Christkindfigur in der Kirche durch die Bankreihen weitergegeben wurde.

Offiziell wird die 1562 in Prag aufgebaute Weihnachtsszene als die erste Krippe in heutigen Sinn bezeichnet. Die Hauptfiguren um das ungewöhnliche Bett des Jesuskindes sind seine Mutter und sein Pflegevater. Alle anderen haben zwar ihre symbolische Berechtigung, zeigen aber nicht die realen Verhältnisse der betreffenden Zeit. Kaiser Augustus in Rom forderte von jedem Einwohner Israels einen Eigentumsnachweis für einen Besitz im Gebiet Juda. Das junge Ehepaar aus Nazareth war in einer Jahreszeit unterwegs, in der keine Schafe, Ziegen und Rinder in den Ställen untergebracht wurden. Rund um die Uhr blieben die Tiere auf den Weideflächen, von Hirten Tag und Nacht beaufsichtigt. So gab es in den bäuerlichen Anwesen reichlich Auswahl an freien, größenmäßig passenden Futtertrögen. Mit Decken ausgekleidet, waren sie als Säuglingsbett durchaus nutzbar.

Als die Heiligen drei Könige aus dem Osten das Kind fanden, betraten sie ein Haus, keinen zerfallenen windschiefen Stall. Was sie erzählt und gefragt hatten, führte zu dem grausigen Entschluss des Königs, alle männlichen Kinder in Bethlehem bis zu einem Alter von zwei Jahren zu töten. Also wurde deutlich: Maria, Josef und ihr Sohn hielten sich bereits seit weit über einem Jahr in der Nähe seines wütenden Widersachers auf.

Die Orte des Geschehens tragen noch heute ihre bedeutungsvollen Namen. Für die 9,6 Kilometer von Jerusalem bis Bethlehem braucht ein Pkw im Normalfall 31 Minuten.

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