„Es gibt mehr Dankbarkeit für kleine Dinge“

Engelbert Wrobel. Archivfoto: Kulturverein
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Engelbert Wrobel. Archivfoto: Kulturverein

Wir haben sechs Burscheider gefragt: Was macht Ihnen in Corona-Zeiten Mut?

Von Nadja Lehmann

Corona bestimmt das Jahr 2020. Und es ist kein Ende in Sicht. Viele Menschen zermürbt diese Ungewissheit. Die Pandemie schlägt auch wirtschaftlich zu: Arbeitsplätze stehen auf der Kippe oder sind schon weggefallen. Viele Menschen waren in Kurzarbeit oder arbeiten von zuhause aus. Wir schützen uns, indem wir uns aus dem Weg gehen. Weniger Nähe, weniger Berührung – das ist schwer zu ertragen. Besonders für die Älteren und Kranken unter uns. In Burscheid gibt es nun den ersten Todesfall. Die steigenden Fallzahlen registrieren wir jeden Tag. Weil aber niemand weiß, wie lange Covid-19 bleibt und wie sich unser Leben möglicherweise ändert, ist klar: Es braucht Mut. Und genau danach haben wir sechs Burscheider gefragt: Woraus sie Kraft schöpfen und was ihnen Mut macht.

Stefan Caplan, Bürgermeister: Ganz spontan: Dass die Menschen hier in Burscheid zum überwiegenden Teil die notwendigen Corona-Maßnahmen und die damit verbundenen Einschränkungen mittragen und sich hierbei sehr diszipliniert verhalten. Dass das so ist, zeigen auch die offiziellen Zahlen zu den aktuell infizierten Personen in unserer Stadt.

Was mir aber auch Mut macht, ist, zu beobachten, wie Vertrauen einen neuen Stellenwert erlangt. Ich spreche hier von einem gestärkten Vertrauen in sich selbst, die Mitmenschen und die staatlichen Institutionen. Aber auch Begriffe wie „Zusammenhalt, Verbundenheit und Solidarität“ kommen gerade in Zeiten wie diesen wieder „in Mode“. Es tut gut zu sehen, wie die Menschen in unserer liebens- und lebenswerten Stadt noch näher zusammenrücken und sich gegenseitig helfen und unterstützen - ohne viel Aufhebens davon zu machen: Du brauchst Hilfe? Ich bin da! - Ein tolles Wir-Gefühl. Für Egoismus bleibt da wenig Raum. Das finde ich top.

Top ist auch, dass die Menschen wieder stärker ihr heimatliches Umfeld entdecken - zu Fuß oder per Rad - und feststellen, in welch schöner Umgebung sie wohnen. Natur und Umwelt rücken stärker in das Bewusstsein aller. Diesen positiven Trend sollten wir beibehalten. Sie sehen, es gibt vieles, was mir Mut macht, auch wenn wir momentan in einer unberechenbaren Zeit leben. Wichtig ist nur, dass wir alle weiterhin Rücksicht aufeinander nehmen, Vertrauen zueinander haben und uns an die Regeln halten.

Annerose Frickenschmidt, Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde: Mir macht die Kreativität Mut, mit der Menschen weltweit und auch hier in Burscheid seit März der Coronakrise trotzen. Not macht in der Tat erfinderisch. Das erleben wir seit Monaten auch in unserer Gemeinde sehr.

Mit Eifer haben Taufgesellschaften mit uns Stühle geschleppt, damit wir auf unserer Kirchenwiese Gottesdienst feiern und mit Abstand sogar singen konnten. Wir haben entdeckt, wie wunderschön Konfirmationen unter freiem Himmel sein können oder Erntedank von Kühen umringt. Wir probieren vieles aus und ich erlebe, wie bereitwillig sich viele Menschen auf Experimente einlassen und unser Bewusstsein sich gerade jetzt schärft, dass Perfektion im Leben nicht zu haben ist. Viel mehr als sonst gibt es eine spürbare und geteilte Dankbarkeit für kleine, gelingende Dinge. Ich empfinde, dass diese Krise uns gut darin übt, Wesentliches von Unwesentlichem zu unterscheiden. Das macht uns menschlicher und mir Mut.

Zu Beginn der Krise hat mich die weltumspannende Solidarität getröstet, die in vielen Beiträgen auch im Netz zu erleben war. Jetzt ist es gut, dass anderes wieder mehr in den Fokus rückt: der Klimawandel, die erschreckende Zunahme rechtsradikalen Terrors. Denn diese Aufmerksamkeit brauchen wir, brauche ich auch, um Mut für die Zukunft zu haben.

Beate Heß, Koordinatorin im Ökumenischen Hospiz Hausbetreuungsdienst Burscheid: Seit drei Jahren bin ich jetzt Koordinatorin in unserem Hospiz-Verein in Burscheid. Mit dem Schwung des weiteren Aufbaus sind fleißig geplante Projekte und Ideen tatkräftig umgesetzt, sind Vorhaben erarbeitet und - das lassen wir uns nicht nehmen - Visionen weiter gesponnen worden, obwohl die reguläre hospizliche Arbeit ehrenamtlich selbstverständlich weiterging.

Dabei sind natürlich die neuen Räumlichkeiten besonders wichtig. Dort können wir in naher Zukunft Beratung anbieten, einen geschützten Raum, wo Gespräche stattfinden können und einen Anlaufpunkt für unsere ehrenamtlichen Mitarbeiter. Natürlich auch Veranstaltungen/Fortbildungen für alle Interessierten. Geplant sind auch ein Trauercafé und Kochen für Trauernde.

Corona hat uns natürlich auch in der ganz konkreten hospizlichen Arbeit, der Sterbebegleitung und in der Angehörigenarbeit - wie jeden im Land - in gewisse Schranken verwiesen. Es sind notwendige, zwingende Hygieneregeln einzuhalten gewesen - und sind sie ja noch. Das war nicht immer ganz einfach, und doch wurde und wird auch mit diesen erschwerten Bedingungen unsere Arbeit, unsere ambulante Hospiz-Arbeit weiter angeboten.

Es macht Mut, wenn wir im ehrenamtlichen Mitarbeiterkreis zusammen sind und uns austauschen: Es macht Mut, weil ich als Koordinatorin die nicht nachlassende positive Stimmung der Ehrenamtlichen mitbekomme und dass sich in diesem mutigen Miteinander ein Gefühl regelrecht von innen her aufblüht: Miteinander haben wir Mut. Das lassen wir uns nicht nehmen.

Das macht Mut, auch in Corona-Zeiten. Vielleicht so ein bisschen wie die Bremer Stadtmusikanten, die in ihrem Miteinander mutig auch schwere Zeiten überstanden.

Ulrike Kreffter, Leiterin der Kita „Kleine Strolche“: Corona hat uns alle vor große Herausforderungen gestellt. Im März mussten wir unsere Einrichtung schließen, was für viele Familien erst einmal eine Katastrophe war. Durch tägliche E-Mails hielt ich den Kontakt zu den Familien. Das hat die Bindung zwischen der Einrichtung und den Familien vertieft und gestärkt. Es ist schön mitzuerleben, dass die Regelungen so strikt eingehalten werden, damit wir eine weitere Schließung unter allen Umständen vermeiden. Es macht Mut, dass der Zusammenhalt gelebt wird und dadurch Unterstützung und Nähe nicht nur vermittelt, sondern auch weitergetragen werden. Unsere kleine Gemeinschaft funktioniert und trägt sich durch die Zeit.

Ermutigend finde ich, wie die Kinder diese Zeit in ihrer Unbekümmertheit tragen. Es ist selbstverständlich, aufeinander zu achten, Verantwortung zu tragen. Das schaffen sogar schon die Kleinsten. Sie kommen im wahrsten Sinne des Wortes auf eigenen Beinen herein und stärken somit ihre Selbstständigkeit, die sie in anderen Bereichen aufgeben mussten. Sie wachsen an der Herausforderung, ohne sich zu beschweren. Kinder in Krisen behutsam zu begleiten, ist eine Aufgabe, der wir uns stellen, und wir stellen fest, dass es sich lohnt. Das macht Mut und große Freude.

Engelbert Wrobel, Musiker: Es war natürlich nicht einfach, als meine Frühjahrstournee nach 7 von 27 Konzerten, sowie eine geplante CD-Aufnahme wegen des Corona Ausbruchs vorzeitig beendet werden musste. Zwei Jahre Vorbereitung für die Katz. Neben den fehlenden Einnahmen hat besonders wehgetan, dass ich mit „meinen“ Musikern nicht mehr zusammen sein und gemeinsam spielen konnte. Die Erleichterung war aber erst einmal groß, als sie alle wieder gesund zuhause in den USA angekommen waren. Mut haben uns unsere regelmäßigen Video-Anrufe gemacht. Auch mit deutschen Kollegen und Freunden, die ich schon lange kenne, gab es zahlreiche Telefonate, in denen ich viel Mitgefühl und Unterstützung erfahren habe. Ich konnte die konzertfreien Monate nutzen, um unser gesamtes Haus zu renovieren, was unter normalen Umständen nie machbar gewesen wäre, das macht auch Mut. Außerdem gab es viel mehr Raum für die Familie und meine Frau, die mich die ganze Zeit sehr unterstützend begleitet hat. Als wir dann wieder ein paar Konzerte geben durften, stellten wir fest, dass unserem Publikum die Live-Auftritte genauso gefehlt hatten wie uns. Die Reaktionen waren unglaublich herzlich, was mich sehr berührt hat und mich positiv in die Zukunft blicken lässt: Es gibt weiterhin Bedarf nach guter Live-Musik, und irgendwann werden wir auch Corona überstanden haben.

Hannelore Haubl, Inhaberin der Gaststätte Massiefen: Ich kenne durchaus existenzielle Ängste, aber keine vor Krankheit. Es kommt, wie es kommt; da hilft dann kein Klagen. Ich glaube, man muss das, was kommt, annehmen und gucken, wie es weitergeht. Mir hilft derzeit meine Arbeit. Man kann etwas schaffen – und für mich ist sie auch eine Ablenkung.

Hintergrund

Die weltweite Ausbreitung der Lungenerkrankung Covid-19 wurde am 11. März von der Weltgesundheitsorganisation WHO zu einer Pandemie erklärt. Die Zahl der Infektionsfälle nimmt weiterhin zu; die Sorge vor einem zweiten möglichen Lockdown ist groß.

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