Politik

Frauen-Union wird immer noch gebraucht

Verköpern Frauenpower (von links): Erika Gewehr, Therese Rehn, Ute Wengenroth und Vera Rilke-Haerst.
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Verköpern Frauenpower (von links): Erika Gewehr, Therese Rehn, Ute Wengenroth und Vera Rilke-Haerst.
  • VonNadja Lehmann
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Gleichberechtigung: Da ist immer noch Luft nach oben, finden vier Politikerinnen aus Burscheid, Wermelskirchen und Rösrath.

Burscheid. Erika Gewehr ist strikt gegen die Frauenquote. „Ich möchte nicht gewählt werden oder in ein Amt gelangen, weil ich eine Frau bin“, sagt die Burscheider CDU-Vorsitzende. „Ich möchte mit meiner Leistung überzeugen.“ „Warum das denn?“, fragt Vera Rilke-Haerst trocken zurück. „Warum müssen wir immer Leistung bringen? Ein Mann ist einfach da.“

„Wir Frauen wägen immer ab“, sagt auch Therese Rehn. „Kann ich das, schaffe ich das? Ein Mann traut sich immer alles zu.“ „Ich bin für die Quote“, schließt Rilke-Haerst ab. „Weil es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass eine Frau beruflich aufsteigt und dieselben Chancen erhält.“

Unterschiedliche Positionen, doch die Frauen eint eines: Alle engagieren sie sich in der Frauen-Union der CDU. Rilke-Haerst ist Kreisvorsitzende in Rhein-Berg und gehört auch dem Landesvorstand an, Therese Rehn sitzt im Vorstand des Wermelskirchener Ortsverbands und im dortigen Stadtrat, Erika Gewehr leitet auf Kreisebene den Jugendhilfeausschuss, gehört dem Vorstand der Frauen-Union in Burscheid an – ebenso wie Ute Wengenroth, die 21 Jahre lang die Burscheider Frauen-Union geleitet hat und heute noch der aktuellen Vorsitzenden Susanne Lüssem helfend und beratend zur Seite steht.

Es sind Frauen mit unterschiedlichen Lebensläufen und Ansichten. Aber mit einer festen Überzeugung: Dass die Frauen-Union nicht etwas von gestern ist, sondern dass sie gebraucht wird und notwendig ist. Immer noch. „In der Pandemie waren es wieder die Frauen, die zurückgesteckt haben“, sagt Vera Rilke-Haerst. „Eine Rolle rückwärts“, ergänzt Therese Rehn. Und die Wermelskirchenerin (die aber einst in Burscheid zuhause war und sich der Stadt verbunden fühlt) hat noch ein Argument: „Solange eine Frau in einer Position gefragt wird, ob sie Beruf und Familie denn überhaupt unter einen Hut kriegt, ist die Frauen-Union wichtig. Denn diese Frage wird keinem Mann gestellt.“ „Die Frauen mussten kämpfen. Jetzt ist vieles einfacher geworden. Aber es reicht nicht“, sagt Ute Wengenroth.

Im Mai 1982 wurde der Burscheider Ableger der bundesweit agierenden Frauen-Union gegründet. Die Mutter von Ute Wengenroth, Hanni Florath, gehörte zu den Gründungsmitgliedern, ebenso wie Marie-Louise Mettlach, Autorin und Kunsthistorikerin aus Burscheid. 21 Jahre lang, bis zum vergangenen Jahr, lenkte dann Ute Wengenroth die Geschicke: „Ich habe es sehr gern gemacht“, sagt die 78-Jährige, die das Amt 2021 an Susanne Lüssem abgab.

47 Mitglieder zählt die Frauen-Union in Burscheid. Tendenz: abnehmend. Auch in Wermelskirchen sei das so, bestätigt Therese Rehn. Damit einher geht Überalterung. „Wir müssen uns anders aufstellen“, sagt Erika Gewehr. Ging man früher bei Veranstaltungen ins Museum oder besichtigte Kirchen, so geht man heute gezielt auf die Familien zu. Ein Umbruch, den Susanne Lüssem, selbst berufstätige Mutter, schon eingeleitet hat. Gefragt sind Veranstaltungen, bei denen die Frauen ihre Kinder mitbringen können. „Wir müssen die Familien mitnehmen. Sonst wird es schwierig“, sagt Therese Rehn.

Wurschtelte früher jeder Ortsverband isoliert vor sich hin, hat die Digitalisierung vieles verändert: „Wir kommunizieren mehr miteinander“, sagt Erika Gewehr. „Vernetzung ist wichtig“, sagt auch Vera Rilke-Haerst, für die das Netzwerken ein zentraler Schlüsselbegriff ist. „Männer tun das schon lange. Nun wir auch.“ Und das bitte, wie die Rösrather Ratsfrau findet, mit Leidenschaft. „Es muss brennen.“ Der immer noch geringe Anteil von Frauen in der Kommunalpolitik schmerzt alle vier: „Weil wir andere Themen sehen. Eine andere Wertigkeit haben.“ Kita, Schule, Familie – alle vier wissen, wovon sie da sprechen.

Aber sie wollen auch jene Frauen einbinden, die sich bewusst für die Karriere entscheiden, Familiäres hintenanstellen oder einzubinden versuchen. „Früher sprach man schnell von der Rabenmutter. Besonders die Frauen selbst“, sagt Therese Rehn. Dass Frauen sich gegenseitig misstrauisch beäugen und kritisieren, dem Klischee der viel zitierten Stutenbissigkeit entsprechen, müsse endgültig Vergangenheit sein: „Wir müssen das jeweils andere akzeptieren, ohne herab zu sehen“, sagt die 65-Jährige. „Wir begrenzen uns sonst selbst.“

Erika Gewehr freut sich über junge aufstrebende Frauen in ihrer Partei. „Das ist doch keine Konkurrenz, sondern Unterstützung. Damit kommen auch neue Ideen. Da muss man selbstbewusst genug sein, um zu fördern und den jungen Frauen den Einstieg zu erleichtern. Denn ich will doch nicht, dass sie wieder abspringen.“ Mehr Frauen im Stadtrat? „Ich würde mich freuen.“

Viele Themen sind nach wie vor knallhart: Gleicher Lohn für alle. Altersarmut bei Frauen, die Kinder groß gezogen und beruflich ausgesetzt oder reduziert haben. Zu wenige Frauen in Führungspositionen.

Gewehr, Wengenroth, Rilke-Haerst und Rehn würden sich für so manche Frau den Sprung ganz nach oben wünschen. Übereinstimmend nennt das Quartett da NRW-Ministerin Ina Scharrenbach: „Sie ist so präsent. Sie lebt Politik“, sagt Erika Gewehr. Friedrich Merz oder Hendrik Wüst hin oder her: „Die CDU lebt von der Power der Frauen“, sagt Vera Rilke-Haerst. Und deshalb wollen die Vier scheinbar erfolgverheißende Eigenschaften der Männer gar nicht übernehmen, sondern ihren ganz eigenen Blick auf Gesellschaft und Politik bewahren und nutzen: „Wir wollen nichts kopieren“, sagt Ute Wengenroth. „Das haben wir doch gar nicht nötig.“

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