Kritik

Flüchtlinge müssen stärker zusammenrücken

Brigitte Borsing zeigt das kleine Zimmer der Wohneinheit. „Es ist zu klein, gleichgültig, wer hier untergebracht ist“, sagt sie. Foto: Nadja Lehmann
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Brigitte Borsing zeigt das kleine Zimmer der Wohneinheit. „Es ist zu klein, gleichgültig, wer hier untergebracht ist“, sagt sie.

Brigitte Borsing kümmert sich in der städtischen Unterkunft um eine Iranerin und deren Tochter. Sie kritisiert die Stadt.

Von Nadja Lehmann

Diesen Vorwurf will Bürgermeister Dirk Runge nicht auf der Verwaltung sitzen lassen: „Das ist unfair, und das weise ich zurück“, entgegnet er einer Burscheiderin, die zur Einwohnerfragestunde auf der vergangenen Sitzung des Hauptausschusses das Wort ergriffen hat - zum Thema Ukraine-Flüchtlinge. Empört spricht Brigitte Borsing dabei von einer „Zwei-Klassen-Politik“ bei den Flüchtlingen.

Hintergrund: Brigitte Borsing kümmert sich um eine aus dem Iran geflohene Frau mitsamt deren 15-jähriger Tochter. Diese bewohnen (noch) in der städtischen Unterkunft in der Luisenstraße 67 ein 23 Quadratmeter großes Zimmer. Doch ihnen könnte ein Umzug drohen – in ein deutlich kleineres Zimmer. „Angesichts der steigenden Zahl von Ukraine-Flüchtlingen müssen wir zusammenrücken. Das liegt in der Natur der Sache“, sagt Dirk Runge im Hauptausschuss. Und das habe nichts mit einer Zweiklassen-Politik zu tun: „Wir behandeln alle gleich.“ Es sei schlicht sinnvoll, das kleinere Zimmer der Wohneinheit mit Mutter und Tochter zu belegen und im größeren vier Personen unterzubringen. „Das hat mit der Herkunft nichts zu tun. Wir haben aktuell den Raum nicht mehr, um anders verfahren zu können.“

Dass vieles nicht optimal ist - jede Wohneinheit teilt sich Bad und Küche, Telefon und Fernsehanschluss gibt es nur im großen Zimmer - gibt auch Dirk Runge zu. „Die Unterkünfte sind so gebaut, wie wir sie nun einmal haben. Wir erfüllen im Luisental die Vorgaben. Aber die Wohnverhältnisse können nicht mit unsrigen verglichen werden.“

Ein paar Tage später führt Brigitte Borsing die Schreiberin dieser Zeilen durch die Gänge der Luisenstraße 67 und zeigt die Wohnung, in der Shima Valiollahiasil mit Tochter Dina lebt. Den großen Raum mit ungefähr 23 Quadratmetern teilen sich die beiden; dort spielt sich alles ab, er ist Wohn- und Schlafzimmer zugleich. Es ist ihr Reich, das sie versucht haben, sich hell und freundlich zu gestalten. Daneben liegt die Küche, ein paar Schritte weiter das Bad. Dazwischen befindet sich das kleine Zimmer mit ungefähr 13 Quadratmetern. Zwei Bettenroste stehen darin, ein Schrank, ein Tisch. Zur Zeit steht es leer: Das kurdische Ehepaar, das darin untergebracht war, hat Bleiberecht bekommen und ist ausgezogen. Bis dahin hatten sich Shima Valiollahiasil und Dina mit dem Ehepaar Küche und Bad geteilt.

Brigitte Borsing steht in dem kleinen Zimmer, das durch ein Fenster nur mäßig beleuchtet wird, und sieht sich um: „Eigentlich ist es egal, wer hier wohnt. Zumutbar ist es für niemandem.“ Ein Problem könnte ein Umzug insbesondere für Dina sein, sagt Borsing: Die 15-Jährige sei durch die Flucht und den Tod des Vaters traumatisiert, fürchte sich im Dunklen und in engen Räumen. Bereits im Iran sei sie in psychischer Behandlung gewesen. „Deswegen waren wir so froh, dass wir in den großen Raum umziehen konnten“, sagt Shima Valiollahiasil, deren Mann noch in Teheran starb. „Nach der Tradition gehört ein Kind in die Familie des Vaters“, erzählt die 37-Jährige. Der Großvater erhob Anspruch auf die Enkelin – und wollte die 37-Jährige mit einem Bruder ihres Mannes zwangsverheiraten. „Das wollte ich nicht“, sagt Shima Valiollahiasil. Und ihre Tochter zurücklassen, das wollte sie erst recht nicht. Seit drei Jahren ist sie nun in Burscheid, seit eineinhalb Jahren in der Luisenstraße 67.

Der Wunsch, keine Hilfe mehr zu brauchen, ist sehr groß

Der Wunsch, sich zu integrieren: übermächtig. „Ich möchte ohne Hilfe leben“, sagt Shima Valiollahiasil, die bereits gut Deutsch spricht. In Teheran hatte sie Bauingenieurswesen studiert (bis es der Schwiegervater verbot); hier träumt sie von einer Ausbildung oder einem dualen Studium: „Ich muss Geld verdienen; ich bin ja nicht allein“, sagt sie mit Blick auf Tochter Dina. Für sie möchte sie gern in Burscheid und Umgebung bleiben, ist doch die 15-Jährige Schülerin der Johannes-Löh-Gesamtschule und soll dort ihren Abschluss machen können.

Es sind Themen, über die Brigitte Borsing, die als Coach arbeitet, nicht erst im Hauptausschuss mit Dirk Runge und Ordnungsamtsleiter Marco Fuss gesprochen hat. Per E-Mail und am Telefon war man schon in Kontakt. Marco Fuss hatte darauf hingewiesen, dass aufgrund der aktuellen Platzsituation die Stadt Burscheid eine private Raumanmietung mit 100 Euro pro Monat und Person bezuschussen könne.

Der Asylantrag läuft. „Laut Anwalt ist Zwangsverheiratung ein Grund für die Anerkennung“, sagt Borsing, die Valiollahiasil kennenlernte, als diese Hilfe suchte, um Bewerbungsunterlagen zusammenzustellen. Mit der Anerkennung wäre der Weg frei – für Wohnungs- und Ausbildungssuche.

„Eine-Zwei-Klassen-Politik gibt es nicht. Wir behandeln alle gleich.“

Bürgermeister Dirk Runge

Und in der Tat gibt es ein paar Tage später einen Hoffnungsschimmer. „Inzwischen ist bekannt, dass der Asylantrag positiv beschieden wurde“, teilt Stadtsprecherin Renate Bergfelder-Weiss auf Anfrage mit. Damit verbunden sei der Auszug aus der Flüchtlingsunterkunft und die Möglichkeit, auf dem freien Wohnungsmarkt eine Wohnung zu suchen. „Wir hoffen, dass für die Wohnungssuche ein Zeitraum von etwa sechs Wochen ausreichend ist - solange, im Notfall auch länger, kann die jetzige Unterkunft noch bewohnt werden. Sollten Wohnkapazitäten in der Unterkunft Luisenstraße zu Unterbringung weiterer Flüchtlinge benötigt werden, kann es allerdings immer noch dazu kommen, für die Restwohnzeit zusammenrücken zu müssen.“ Denn die städtischen Unterkünfte seien begrenzt und erforderten bei Bedarf ein schnelles Handeln. „Wir legen Wert auf die Feststellung, dass alle Flüchtlinge, egal welcher Herkunft, bei deren Unterbringung gleich behandelt werden“, betont Bergfelder-Weiss abschließend.

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