Vorläufige Bilanz: 120 Einsätze

Feuerwehr kämpft ohne Pause gegen die Fluten

Naturgewalten: Die Kreisstraße 2 bei Dohm ist abgesackt (links). Zwischen Lambertsmühle und Dürscheid musste die Straße gesperrt werden, die Wasserfluten machten sie unpassierbar (rechts). Mit Blick in die Nachbarschaft sagen Feuerwehr und Technische Werke: „Wir haben Glück gehabt.“ Fotos: Jens Knipper/Feuerwehr Burscheid
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Zwischen Lambertsmühle und Dürscheid musste die Straße gesperrt werden, die Wasserfluten machten sie unpassierbar. Mit Blick in die Nachbarschaft sagen Feuerwehr und Technische Werke: „Wir haben Glück gehabt.“

„Wir haben mehr als Glück gehabt“, sagt Burscheids Feuerwehrsprecher.

Von Nadja Lehmann

Naturgewalten: Die Kreisstraße 2 bei Dohm ist abgesackt.

Die wupsi musste ihren Betrieb einstellen, in Schlebusch wurde das Seniorenheim St. Andreas, in Leverkusen das komplette Klinikum evakuiert, und gestern Vormittag musste die A 1 zwischen Burscheid und Kreuz Leverkusen in beiden Richtungen voll gesperrt werden, was beispielsweise ab Remscheid kilometerlange Staus und zwei Stunden Fahrzeit bis Burscheid zur Folge hatte: Das Autobahnkreuz Leverkusen stand unter Wasser. Auch der Bahnverkehr brach weitgehend zusammen; viele Buslinien wurden in Burscheid und Wermelskirchen eingestellt. In Opladen wurde das Gymnasium zur Notunterkunft derjenigen, die ihr Zuhause verlassen mussten. Ausnahmezustand am Tag nach dem Starkregen.

In Burscheid kam es gestern zu Stromausfällen. Das meldete die Belkaw. „In Folge des Starkregens sind in verschiedenen Orten im gesamten Versorgungsgebiet der Belkaw zahlreiche Stromausfälle aufgetreten und dauern teilweise immer noch an“, hieß es aus dem Unternehmen. Alle verfügbaren Teams und Einsatzfahrzeuge des Mobilen Entstördiensts seien unterwegs, um die Störungen zu bearbeiten und alle Kunden und Kundinnen schnellstmöglich wieder zu versorgen. Betroffen seien große Teile von Burscheid, Odenthal und Bergisch Gladbach. Darüber hinaus müsse man in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr Häuser und Straßenzüge punktuell abschalten.

Nicht viel Schlaf abbekommen hatte Jens Knipper. Bis 4 Uhr morgens sei die Feuerwehr Burscheid im Einsatz gewesen, berichtete ihr Sprecher gestern Mittag: „Und um 6 Uhr sind wir erneut ausgerückt, um in Leichlingen zu helfen. Der Einsatz läuft noch.“

„Es gibt keinen Bach, der nicht über die Ufer getreten ist.“

Jens Knipper, Feuerwehr Burscheid

Begonnen hatte alles am Mittwochmorgen kurz vor 9 Uhr: Da ging es für Burscheids Löschzüge mit 60 bis 70 Köpfen Besatzung das erste Mal hinaus, um sich gegen die Wassermassen zu stemmen. Um kurz vor 13 Uhr rief die Leitstelle dann den Stadtalarm aus. Alle verfügbaren Einsatzkräfte hatten sich in die Gerätehäuser zu begeben. Im Sekundentakt liefen die Notrufe ein, über Facebook bat die Feuerwehr um Geduld. Die vorläufige Bilanz: 120 Einsätze im gesamten Stadtgebiet bei noch nie da gewesener Wetterlage. Überflutete Straßen, vollgelaufene Keller, Wasserschäden. „Ich glaube, es gibt keinen Bach, der nicht über die Ufer getreten ist“, sagt Knipper. Die Schäden würden jetzt erst richtig sichtbar.

Als „Knackpunkte“ hatte er schon am Mittwoch Großhamberg und Gut Landscheid bezeichnet; dies blieben auch am Tag nach dem Starkregen die neuralgischen Punkte.

Ruhepausen für die Burscheider Feuerwehr? So gut wie keine. „Wir hatten in der Wache 1 eine Anlaufstelle eingerichtet, an der es belegte Brötchen und Suppe gab“, berichtet Jens Knipper. Die jeweiligen Einheiten seien vorgefahren, hätten sich gestärkt: „Dann ging es weiter.“ Bis gestern Mittag sei das Gros der Burscheider Feuerwehrleute an Bord geblieben, so Jens Knipper. Ohne große Pausen, vom Schlaf ganz zu schweigen. „Nur diejenigen fehlen, die zur Arbeit mussten – weil es ein kleiner Betrieb ist, in dem jede Hand gebraucht wird, oder weil derjenige in wichtiger Position ist.“

Die Schäden kommen nun zum Vorschein: „Aber wenn ich jetzt so in der Nachbarschaft umherblicke, haben wir mehr als Glück gehabt“, betont Knipper. Als Beispiel zieht er Leichlingen heran: „Die sind abgesoffen. Es sieht aus wie im Kriegsgebiet.“ Häuser hätten unter Wasser gestanden, Menschen hätten per Schlauchboot evakuiert werden müssen. Über den Zustand der nahen Diepentalsperre war dem Wupperverband gestern nichts bekannt, so die Aussage auf einer Pressekonferenz. Fachleute, die dies untersuchen könnten, kamen auch gestern nicht bis zu dem Stausee durch. Darum ist auch nicht geklärt, ob die Überflutungen in Leichlingen auf Probleme an der Staumauer zurückzuführen seien.

Auch Sebastian Nocon war mit draußen vor Ort. „Ich musste zweimal meine nassen Hosen wechseln“: So beschreibt es bei allem Ungemach das Vorstandsmitglied der Technischen Werke Burscheid (TWB) mit einem Augenzwinkern. Denn auch er ist der Überzeugung: „Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen.“

Auch wenn es die Hotspots gibt: alle jene Ortslagen, die im Tal liegen. „Selbst ganz kleine Nebenflüsse sind über die Ufer getreten“, sagt Nocon. Wiembach, Murbach, Wersbach, aber auch Winzlinge wie der Bornheimer und Landscheider Bach – sie waren nicht mehr zu bändigen, wurden zu „reißenden Strömen“, so Nocon. „Das konnten auch Rückhaltebecken nicht verhindern, alles ist übergelaufen und in Bäche und Siefen geflossen“, so der Technische Vorstand weiter.

Gegen solche Urgewalt der Wassermassen kommen auch Pumpen nur noch bedingt an. „Wir müssen jetzt abwarten, bis sich das Wasser zurückzieht“, erklärt Sebastian Nocon. „Dann können wir aufräumen.“ Derzeit versuchten die TWB bereits, wieder den Kanalbetrieb umzusetzen.

Davongekommen, Glück gehabt, niemand wurde verletzt – anders als in Altena, wo bei einem Einsatz ein junger Feuerwehrmann starb. Jens Knipper hatte gestern Morgen im Radio davon gehört. „Wir kommen, um zu helfen. Und wir tun das mit dem Risiko, dass wir uns in Lebensgefahr begeben. Dessen sind wir uns bewusst“, sagt er hörbar erschüttert.

Es war ein Tag mit einer Wetterlage, der sich nachdrücklich Geltung verschaffte. „Nein, etwas Vergleichbares habe ich noch nie erlebt. Noch nicht einmal die erfahrenen Kameraden unter uns“, bekennt Jens Knipper. „Sonst sieht man so etwas im Fernsehen. Jetzt war es vor unserer eigenen Haustür.“

Kommentar: Das verdient Respekt

Von Nadja Lehmann

nadja.lehmann@rga.de

Es gibt viele Tage im Jahr, da hält man das Vorhandensein einer örtlichen Feuerwehr für etwas Selbstverständliches und ganz Normales. Und dann kommen Tage wie der vergangene Mittwoch, an dem so lange so viel Wasser vom Himmel fällt, wie es im indischen Monsun vielleicht normal, in unseren Breiten aber außergewöhnlich ist. Die Burscheider Feuerwehr ist am Mittwochmorgen ausgerückt und seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen. Ohne zu zögern, hat sie ihre Arbeit gemacht. Der Tod des jungen Feuerwehrmannes in Altena macht einmal mehr bewusst: Ihre Einsätze können die mutigen Helfer das Leben kosten. Sie sind im Einsatz zu unser aller Wohl und Schutz. Und das in so kleinen Städten wie Burscheid ehrenamtlich. Das verdient höchsten Respekt und Anerkennung.

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