Jugendhilfe

„Es geht mir um eine zweite Chance“

Lara Enners (25) sieht in ihrer Arbeit eine Chance nicht nur für die Jugendlichen, die straffällig geworden sind, sondern auch für die Gesellschaft, die das Abdriften dieser jungen Leute zugelassen habe. Foto:
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Lara Enners (25) sieht in ihrer Arbeit eine Chance nicht nur für die Jugendlichen, die straffällig geworden sind, sondern auch für die Gesellschaft, die das Abdriften dieser jungen Leute zugelassen habe.

Lara Enners arbeitet in der Jugendhilfe im Strafverfahren und begleitet junge Leute, die kriminell wurden

Von Theresa Demski

Burscheid. Manchmal, wenn Lara Enners die Akte eines Klienten liest, dann setzt sie kurz ab. Dann geht die 25-Jährige die Lebenswege ihres Klienten gedanklich noch mal durch – die schwierigen Voraussetzungen in der Familie, die frühe Suche nach Zusammenhalt, die in einer Gang endet oder das offensichtliche und verzweifelte Suchen nach Perspektiven. „Dann denke ich manchmal: Das tut mir wirklich leid. Da haben wir als Gesellschaft versagt“, erzählt Lara Enners. Und wenn sie ihren Klienten dann gegenübersitzt, dann lässt sie dieser Gedanke häufig nicht los. „Es geht mir dann um eine zweite Chance – für die Jugendlichen und für uns als Gesellschaft, um es besser zu machen“, sagt sie.

Wer mit Lara Enners ins Gespräch kommt, der erlebt vor allem erstmal eins: Mitgefühl und Interesse. Das „Warum?“ treibt sie an. „Menschen werden nicht gut oder böse geboren“, ist sie sicher.

„Ich kann eine Tat verurteilen, ohne den Menschen abzuwerten.“

Lara Enners

Wenn Kinder und Jugendliche straffällig würden, dann sei das der Ausdruck eines Defizits. Und dieses Defizit will sie finden – gemeinsam mit den Jugendlichen, die bei ihr am Tisch Platz nehmen. Seit August arbeitet Lara Enners in der Jugendhilfe im Strafverfahren – die übrigen 50 Prozent ihrer Stelle gelten der Jugendberufshilfe, in deren Rahmen sie Beratungen für Jugendliche vor und in der Ausbildung anbietet, und dem Kinder- und Jugendparlament. „Mir gefällt diese Abwechslung“, sagt sie, „aber ich brenne für die Jugendhilfe im Strafverfahren.“

Wenn sie sich erinnert, war das eigentlich fast schon immer so – seit sie damals im Pädagogikunterricht verstand, dass Menschen nicht ohne Grund straffällig werden. Während Mitschüler dafür oft kein Verständnis hatten, kam Lara Enners schon als 16-Jährige zu der Einsicht: „Ich kann eine Tat verurteilen, ohne den Menschen abzuwerten.“ Deswegen sei es ihr eigentlich schon immer klar gewesen, dass sie mit Menschen zusammenarbeiten wolle, die straffällig geworden seien. Zwölf Jahre später lebt sie diese Philosophie – nach einem Studium der Sozialen Arbeit in Mönchengladbach und Praktika in der Bewährungshilfe und der Justizvollzugsanstalt.

Unter anderem in der Nachbarstadt Wermelskirchen begleitet die 25-Jährige seit August Jugendliche, die straffällig geworden sind. Sie nimmt an den Vernehmungen teil und lädt sie zum Gespräch ein, um sie kennenzulernen und schließlich eine Beurteilung für das Gericht zu schreiben. Das Gespräch ist freiwillig, die meisten nehmen es an. Natürlich erlebe sie auch Jugendliche, die verschlossen, wütend und uneinsichtig in ihr Büro kämen. „Aber meistens finden wir doch einen Weg, um miteinander zu sprechen“, sagt Lara Enners.

Dieser Blick hinter die Kulissen hilft ihr, sich ein Bild zu machen – von dem „Warum“ und dem Menschen, der ihr gegenübersitzt. Umso klarer dieser Blick gelingt, desto passender werden die Empfehlungen für das Gericht: „Das schöne im Jugendgerichtsgesetz ist es, dass wir so viele Möglichkeiten haben“, sagt sie. Dann empfiehlt sie als Weisungen eine Therapieaufnahme oder ein Anti-Gewalt-Training, Erziehungsberatung, Sozialstunden oder den Kontaktabbruch zu Gruppen und Gangs.

Sie will die zweite Chance ergreifen – für die Jugendlichen und für die Gesellschaft.

Wer Lara Enners in diesen Tagen in ihrem neuen Büro besucht, entdeckt noch einen anderen Arbeitsstapel auf ihrem Schreibtisch. „Die Wahlen zum Kinder- und Jugendparlament in Wermelskirchen stehen an“, sagt sie, „ein ganz anderes Feld, aber auch spannend.“ Sie begleitet die Schülerinnen und Schüler, die ins Parlament gewählt werden. Sie freut sich über den Einsatz der Kinder und Jugendlichen für das große Ganze und die Interessen ihrer Generation.

„Und ich arbeite gerade noch an einem anderen Thema“, sagt sie, „ich wünsche mir eine Maßnahmenübersicht, für junge Menschen, die vor und während der Ausbildung Unterstützung suchen.“ Und weil zu ihrer Stelle auch dieser Arbeitsbereich gehört und sie in den vergangenen drei Jahren in diesem Feld tätig war, will sie das Netzwerk stärken. Im Sinne der Jugendlichen.

Hintergrund

Stelle: Lara Enners folgt auf Nina Tiekötter, die das Jugendreferat im Mai verlassen hat.

Statistik: 2020 gab es 39 Anklagen gegen Jugendliche - zwei weniger als im Vorjahr. Vor dem Schöffengericht, wo es um mögliche Haft- oder Bewährungsstrafen geht, wurden vier Verhandlungen gegen Jugendliche geführt. 14 Verfahren gegen Jugendliche wurden 2020 gegen Auflagen eingestellt. Dazu kommen die Verfahren, die wegen Geringfügigkeit eingestellt wurden oder bei denen Taten nicht nachweisbar waren.

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