Interview

Er setzt auf wütende Filme, die weh tun müssen

Der Burscheider Regisseur Dr. Uwe Boll (r.) bei einem Filmdreh. Foto: Bolu Filmproduktion und -verleih GmbH
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Der Burscheider Regisseur Dr. Uwe Boll (r.) bei einem Filmdreh.

Interview mit dem Burscheider Regisseur Dr. Uwe Boll, der für seinen „Hanau“-Film viel Kritik einstecken musste

Das Gespräch führte Stephan Eppinger

Sie haben lange in Burscheid gelebt. Welche Beziehung haben Sie zur Stadt?

Dr. Uwe Boll: Ich habe in Burscheid einen großen Teil meines Lebens verbracht und habe dort beim Arbeitersamariterbund auch meinen Zivildienst abgeleistet. In Leverkusen habe ich das Gymnasium besucht und später in Köln studiert. Auch später war ich regelmäßig in Burscheid zu Besuch, da meine Eltern, mein Bruder und viele Freunde noch in der Stadt leben. Während der Jahre in Kanada habe ich gespürt, dass ich ein eher schlechter Auswanderer bin, der so schnell nicht zum Kanadier wird. Ich habe immer, wenn ich im Ausland gelebt oder als Filmemacher gearbeitet haben, das politische Geschehen in Deutschland genau verfolgt. Ich bin hier zu Hause und fühle durchaus eine Verbundenheit zu meiner Heimat im Bergischen Land.

Die Ihnen auch Sorgen bereitet.

Boll: Ich bin im Juli 2020 aus Kanada zurückgekehrt und habe meinen Bruder in Burscheid besucht. Bei einem Spaziergang an der Sengbachtalsperre war ich entsetzt, wie viel Wald dort schon kaputt ist. Da hat man damals wohl für die heißen und trockenen Sommer die falschen Bäume gepflanzt. Das ist ein echtes Problem für die Natur.

Wie erleben Sie Deutschland im Moment der Corona-Krise?

Boll: Ich beobachte Deutschland mit großer Sorge, das drückt sich auch in meinem „Hanau“-Film aus. Nach vier Jahren Trump als US-Präsident hat sich ein weltweites Netzwerk von Nationalisten, Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern gebildet, das jetzt in der Corona-Krise seine volle Blüte erlebt. Es gibt nicht nur in Deutschland einen deutlichen Rechtsruck, sondern in ganz Europa versuchen Rechte, die Macht zu ergreifen. Da resultiert aus gravierenden Fehlern der Politik und der amtierenden Regierungen. Ich vermute, dass etwa die Hälfte der AfD-Wähler einfach Menschen sind, die mit der Regierung unzufrieden sind. Das sind keine Rechtsradikalen oder Verschwörungstheoretiker. Die Politik treibt da die Menschen weg von den demokratischen Parteien – eine sehr gefährliche Entwicklung.

Die durch Corona noch beschleunigt wird?

Boll: Seit dem November 2020 hat die Regierung sehr viel Unterstützung verloren. Da gab es gravierende Fehler bei der Beschaffung der Impfstoffe und der Schnelltests. Auch die Maskenaffäre hat Glaubwürdigkeit gekostet. Dann kommen da noch die Lügen beim Lockdown, der ungerechtfertigt auf dem Rücken der Bevölkerung ausgetragen wird. Einzelhändler, Gastronomen und Kultureinrichtungen müssen schließen, während große Konzerne unangetastet bleiben. Würde man diese für zwei Wochen komplett schließen, wäre man bei der Bekämpfung der Pandemie deutlich weiter. Das gilt auch für Kinder und Jugendliche. Die Schulen sind geschlossen, und man verbietet den jungen Leuten das Fußballspielen, während die Profis uneingeschränkt ihrem Sport nachgehen dürfen. Außerdem hat man es im vergangenen Sommer komplett verschlafen, geeignete Maßnahmen und Strategien gegen das Virus in die Wege zu leiten. Mit Luftfiltern in Schulen und Büros hätte man zum Beispiel viel erreichen können. Das war der Regierung aber wohl zu teuer. So verwundert es nicht, dass man Menschen in die Arme der AfD treibt.

Sie setzen beim Kampf gegen diese Entwicklung auf „wütende Filme, die weh tun müssen“.

Boll: Man hat bei der Verleihung der Oscars jüngst gesehen, wie beliebig die Filme dort waren. Das sind Filme, die keinen interessieren und die keiner sehen will. Mir fehlen die radikalen Stimmen im Kulturbereich. Filme wie „Der Pate“ oder „Apocalypse Now“ gibt es heute nicht mehr. Alles spielt sich zwischen harmlosem Arthouse-Kino und belanglosen Mainstream-Filmen für die Teenager ab.

Sie haben mit „Hanau“ einen Film über ein Attentat gedreht, bei dem neun Menschen mit Migrationshintergrund um Leben gekommen sind. Dafür gab es auch von den Angehörigen der Opfer viel Kritik.

Boll: Es war vor allem der Oberbürgermeister von Hanau, der drei Tage vor seiner Wiederwahl mit einem Feldzug gegen mich begonnen hat. Darauf haben sich dann auch die Medien gestürzt. Er hat mich und meinen Film verunglimpft, ohne nur eine Szene daraus gesehen zu haben. Das kommt einer haltlosen Vorverurteilung gleich. Außerdem hat er behauptet, ich hätte nie Kontakt zur Stadt und zu den Opferfamilien aufgenommen. Das stimmt so nicht. Ich habe den Kontakt zu Stadtverwaltung gesucht und auch angeboten, mich ohne Presse und Politik mit den Opferfamilien in Hanau zu treffen. Eine Antwort gab es darauf nie.

Im Film steht der Täter im Vordergrund.

Boll: Es ging mir um ein Psychogramm des Täters, nicht um die Perspektive der Opfer. Der Mann, der diesen rechtsradikalen Terroranschlag ausgeführt hat, war schizophren und durfte gleichzeitig als Sportschütze seine Waffen behalten. Da hat das Ordnungsamt im Main-Kinzig-Kreis massiv versagt. Er war total isoliert, lebte mit 42 noch zu Hause bei seiner Mutter und hatte noch nie eine Freundin. Der Täter war gleichzeitig auch ein Opfer, das an Verschwörungstheorien, wie sie in den sozialen Medien ständig verbreitet werden, geglaubt hat. So hat er sein Feindbild entwickelt und schließlich neun Menschen bei dem Terroranschlag ermordet. Der Film bleibt nahe beim Manifest des Täters und bei seinen Videobotschaften. Mir ist klar, dass die Angehörigen der Opfer diesen Film nicht sehen wollen oder auch können. Aber das Thema ist von erheblichem und weltweitem öffentlichen Interesse, so dass man es nicht einfach ausblenden kann. Er zeigt auch, dass die Polizei am Tag des Anschlags massiv unterbesetzt war. Der erste Tatort lag nur wenige Minuten von der Polizeiwache entfernt, und auch die Shishabar lag in der Nähe. Da fragt man sich, warum die Polizei den Anschlag nicht verhindern konnte. Wenn die Opferfamilien den Film und seine Intention, solche Anschläge künftig zu verhindern, kennen würden, hätten sie eine andere Meinung dazu. Da bin ich mir sicher.

Sie prangern massiv die sozialen Medien als Basis für Falschinformationen an.

Boll: Dass sich heute Menschen immer weniger aus Büchern und seriösen Zeitungen informieren, ist eine Katastrophe. Da ersetzt Wikipedia den Brockhaus und in den sozialen Medien werden Verschwörungstheorien ungeprüft in die Welt gesetzt. Das gilt auch für den massiven Shitstorm, der mir ständig entgegenschlägt. Da ist immer nur vom „schlechtesten Regisseur der Welt“ die Rede - eine Behauptung, die von drei Internetnerds vor 15 Jahren in die Welt gesetzt wurde. Das wurde leider auch von den Medien kritiklos übernommen und weiter verbreitet. Keiner hat sich die Mühe gemacht, Filme von mir anzusehen. Und keiner spricht über die Auszeichnungen, die ich erhalten haben, und die hohen weltweiten Verkaufszahlen meiner Filme, für die Weltstars bei mir vor der Kamera gestanden haben. Da wird im Internet inzwischen eine Parallelwelt erzeugt, die unseren Planeten nicht nur bei der Klimakrise in ernsthafte Gefahr bringt. Dem versuche ich mit meinen Filmen entgegenzutreten. Sie verstehen sich als Warnung, diese gefährlichen Entwicklungen endlich ernstzunehmen. Es geht mir darum, Skandale aufzuarbeiten. Daraus entstehen harte Filme, bei denen nicht wie beim Fernsehkrimi am Ende immer das Gute gewinnt. Es geht mir darum, die Realität zu rekonstruieren und damit Druck auszuüben. Mir ist klar, dass das nicht jedermanns Geschmack ist.

Filmografie

Auszug: „Barschel – Mord in Genf?“ (1992), „Amoklauf“ (1993), „Sanctimony – Auf mörderischem Kurs“ (2000), „Heart of America“ (2003), „House of the Dead“ (2003), „Alone in the Dark“ (2005), „1968 Tunnel Rats“ (2008), „Siegburg“ (2009), „Max Schmeling“ (2010), „Auschwitz“ (2011), „Blubberella“ (2011), „Assault on Wall Street“ (2013)

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