Pflanzen als Heilmittel

Einst tranken die Burscheider Muckefuck

Löwenzahn macht nicht nur auf der Wiese etwas her. Archivfoto: Christian Beier
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Löwenzahn macht nicht nur auf der Wiese etwas her.

Senioren erinnern sich an frühere Zeiten.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Gänseblümchen sind keine Mauerblümchen. Ganz im Gegenteil: Aus dem erdnahen Blätterfond ragt ein zierlicher Stängel und trägt rund um die goldene Mitte einen Doppelring aus 36 weißen Spitzen. Ihr niedliches Aussehen ist aber nur das Reklameschild für ihr reichhaltiges Angebot an nahrhaften Inhalten. Menschen und Tiere nutzten die Blüten bereits vor vielen hundert Jahren. Die jungen, grünen Blätter zum Beispiel schmecken als Salat. Blütenknospen und die erst halb geöffneten wurden früher sauer eingelegt und als Kapern-Ersatz verwendet.

Schon der Biologe Nikolaus Frauenlob von Hirschberg (1489) empfahl diese Mixtur sogar als Salbe gegen schuppige Gesichtshaut oder Sommersprossen, auch als Absud gegen Husten bei Kindern. In heiß gemachter oder zerstoßener Form gestand Frauenlob auch den Wurzeln immense Heilkräfte zu, zum Beispiel als Kompresse bei verrenkten Gliedern, sogar bei komplizierten Trümmerbrüchen.

Ob Hautkrankheiten, Kopfschmerzen oder Schlaflosigkeit – es gibt wenig Symptome, die in seiner Liste von erfolgreichen Anwendungen des unscheinbaren „Unkrautes“ nicht erwähnt sind. Sollten diese Kenntnisse in vielen chemischen Arzneimitteln noch physikalisch einfließen – private Zubereitungen aus den Un-Kräutern für Hausapotheken und ihre gezielte Anwendung ist kein allgemeiner Wissensstandard mehr. Vielleicht bahnt sich aber darin eine Wende an.

Zum Beispiel in Sachen Löwenzahn. Wie wäre es mit einem gesunden Kaffee aus Löwenzahn- oder Zichorienwurzeln? Die Seniorin Wanda Hensler (95) erinnert sich noch lebhaft an ihre Jugendzeit. Unsere Familie trank schon in meiner Heimat hauptsächlich Muckefuck. Ob heiß oder kalt – die große Kanne wurde den Tag über immer neu gefüllt. Auf welche Art Mutter das Pulver herstellte, dafür haben wir Kinder uns nicht interessiert. Mit einem Schuss Milch oder abgeschöpfter Sahne vom Buttermachen schmeckte uns allen dieser braune Kaffee-Ersatz sehr gut.“

Auch jüngere Leutenutzen Löwenzahnblätter

Muckefuck wurde dieses Getränk im damaligen Litzmannstadt ebenso genannt wie in Burscheid und im gesamten Westdeutschland. Als verballhornte Mischung von „holzfarbig“ und „aus lauter Faulheit erfunden“ kam es wohl mit hugenottischen Flüchtlingen vom Rheinland weit in den Osten. Junge Leute interessieren sich wenig für die sprachliche Herkunft. Sie haben einen unkomplizierten Weg entdeckt, das lange als giftig verschriene Un-Kraut zu nutzen. Sie werfen die frischen jungen Löwenzahnblätter als coole Zutat in den Mixer für ihre Vitamin-Smoothies. Dass die manchmal lästige, unverwüstliche Pflanze zudem ganz eng mit den Gemüsen Radicchio und Chicorée verwandt ist, überrascht zusätzlich.

Wenn auch diese Kenntnisse in viele chemische Arzneimittel noch physikalisch einfließen – private Zubereitungen aus den Un-Kräutern für Hausapotheken sind keine allgemeine Wissensquelle mehr.

Auch andere flächendeckende Pflanzen warten mit höchst positiven Bausteinen auf, deren wertvolle Stoffe wieder entdeckt werden sollten.

Wanda Hensler sind immerhin noch viele davon aus dem familiären Umfeld gut bekannt: „Wir wussten alles über Bärlauch, Sauerampfer oder Giersch – die waren immer Teil unserer Mahlzeiten. Sauerampfersuppe war bei uns beliebt.“ Ja, Bärlauch! Ohne Rücksicht auf andere Pflanzen füllt das Bärlauch einen Sommer lang große Flächen aus. Die breiten grünen Blätter und die filigrane, weiße Blüte sind einzeln wirklich attraktiv. Um eine beherrschbare Menge aus der Familie der Amaryllisgewächse im Zaum zu halten, braucht es aber Sachkenntnis und Arbeitseifer.

Leider leben in unseren bergischen Wäldern keine Bären. Sonst würden sich diese nach ihrem Winterschlaf mit Riesenappetit über den leckeren Energiespender hermachen. Aber auch den Menschen hat das Bärlauch viel Aufbauendes zu bieten. Als wirksamer Knoblauchzwilling hat es sogar den Vorteil, keinen typischen Geruch zu hinterlassen. Allicin, ätherische Öle, Eisen, Kalium, Kalzium, Magnesium, Mangan, Phosphor, Schleimstoffe, Selen, Senfölglykoside, Vitamin C - alle zwölf sind ausreichend vorhanden. Roh im Salat, gekocht als Knödelzutat, als grünes Pesto gemischt – Bärlauch tut Magen und Darm gut.

Petra Preußner freute sich. Sie hat eine freundliche Quelle gefunden, wo sie unbedenkliche Mengen Bärlauch ernten kann! Und die Besitzerin der Bärlauchflut freute sich, ebenso wie ihre Pfefferminzstauden, über das lang erwartete Luftholen im grün-weißen Urwald.

Hoffentlich entdeckt ein Nachbargewächs die Lücke nicht zu schnell. Ihren Ruf als lästiges Übel hat sie schon lange weg – die Klette.

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