Ein Feiertag mit fröhlichen Festen

Die bunten Bänder eines Maibaumes flattern vor dem blauen Himmel. Archivfoto: Federico Gambarini/dpa
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Die bunten Bänder eines Maibaumes flattern vor dem blauen Himmel. Archivfoto: Federico Gambarini/dpa

Der 1. Mai ist der Tag der Arbeiterbewegung, aber auch an die Liebste wird gerne gedacht

Von Ursula Hellmann

Am 1. Mai 1886 schlugen leider keine Bäume, sondern harte Männerfäuste aufeinander los. 400 000 Arbeiter in den USA forderten schon damals den Acht-Stunden-Tag. In Chicago gab es sogar Tote und Verletzte, sowohl bei den Demonstranten wie bei den Polizisten.  Acht der Organisatoren wurden angeklagt und hingerichtet. Drei Jahre später gab es in Deutschland einen Arbeiter-Kongress zum Gedenken an die Opfer von Chicago – deren Gedankengut war auch in Europa längst Tagesgespräch. Der 1. Mai avancierte zum Tag der Arbeiterbewegung. Dafür eignete er sich sehr gut. Bei schönem Frühlingswetter wurden Straßen und öffentliche Plätze schon seit jeher für Maispaziergänge genutzt. Also befanden sich – sozusagen – zwanglos eine große Menge Stadtbewohner in der Öffentlichkeit.

„Junge Männer stellen ihren verehrten Damen heimlich einen Birkenbusch vors Fenster.“

Dirk Luchtenberg,

Das kam den Organisatoren für Streiks und Demonstrationen sehr gelegen. Bereits an der ersten Kundgebung wurden rund 100 000 Teilnehmer gezählt. Durch die rigiden Maßnahmen der Arbeitgeber auf solche Unruhen wurde dieser Mai-Beginn bald zum Symboltag des Klassenkampfes. Ab 1890 beschloss die SPD: Der 1. Mai wird zum ständigen Termin, um für die Belange der Arbeiter öffentlich einzutreten.  Mit der Machtübernahme 1933 wurde der 1. Mai auf ein anderes Gleis umgelenkt. Für den nun staatlich verordneten Feiertag übernahmen die Machthaber die Regie und gleichzeitig nahmen sie den gewählten Arbeitersprechern alle entscheidenden Ämter aus der Hand.

Nach 1945 wurde der 1. Mai vom Alliierten Kontrollrat als offizieller Feiertag bestätigt. Vor und hinter dem Eisernen Vorhang entwickelten sich die Feierlichkeiten sehr unterschiedlich. An manchem 1. Mai in der BRD wurden gewaltsame Ausschreitungen nur mit gezielten, volksfestartigen, Aktionen eingedämmt.

Ein „Tag der Arbeit“ steht in vielen Ländern der Welt als ein fester Termin im Jahresablauf. In den USA plante man ihn in den Monat September ein, in Kanada, Australien und Neuseeland zu anderer Zeit. Als arbeitsfreier Tag ist er bei jedem Beschäftigten stets willkommen. Er lässt sich für viel angenehmere Dinge als zur politischen Agitation nutzen.

Welche junge Frau zum Beispiel schaut am Morgen des 1. Mai nicht erwartungsvoll aus dem Fenster, ob ein gewisser Herr aus ihrem privaten Bekanntenkreis dort einen Zweig mit jungen Birkenblättern anbrachte? Vielleicht stammt diese eindeutige Geste sogar von ihrem Tänzer, mit dem sie in netter Runde in den Mai hinein tanzte? Gehört dieser Brauch vielleicht in vergangene, romantische Zeiten?

Der Unternehmer Dirk Luchtenberg kann da Gegenteiliges erzählen: „In unserer Baumschule in der Großbrucher Straße bieten wir seit einigen Jahren auch die traditionellen Maibäume an. Frisch geschnittene Birkenzweige aus nachhaltigem Anbau gehen am 29. und 30. April von mittags um zwölf Uhr bis in die späten Abendstunden wieder an ganz verschiedene Käufer aus Burscheid und Umgebung. Junge Männer stellen ihren verehrten Damen heimlich einen Birkenbusch vors Fenster, aber auch langverheiratete Ehefrauen freuen sich, wenn ihr Angetrauter sich aufschwingt und sie mit einem frischgrünen Zweig überrascht. Manchmal kommen sogar Eltern und suchen im Namen ihres Sohnes ein Bäumchen aus, damit das Zeichen der Liebe ihrer Schwiegertochter in spe auch wirklich gefällt. Mit Herzen und Schleifen dekoriert, macht es noch mehr her. Im Kalender junger Damen ist sicher der 1. Mai in einem Schaltjahr besonders markiert. Dann haben sie die „Ehre“, ihrem Liebsten ein Maibäumchen zu setzen.

Gepflogenheiten rund um den 1. Mai gibt es auch im fernen Osten: Magda Engels ist auf den Philippinen geboren: „Ich fand die Blumenfeste meiner Heimat wunderschön. Nach den stillen Corona-Jahren hätte ich eventuell wieder einen Tanz in den Mai geplant – aber diesmal fängt unser Urlaub bereits am 28. April an.“ Auch Giovanna Lombardo (Autorin der Fantasy-Romanreihe „Galan“) hat diesen Traditionstag bereits fest verplant. „Wir feiern mit jungen Leuten aus der Megafon-Mannschaft einen fröhliches Fest zusammen mit der OJO (Offene Jugendarbeit Odenthal).“

In manchen Bundesländern ist es Brauch, eine Maikönigin zu wählen. In anderen Regionen werden regelrechte Konkurrenzen ausgetragen, um den jungen Männern des Nachbardorfs deren Maibaum nächtens zu stehlen. Die Eigentümer können ihn auslösen – meist geht er im Tausch mit viel Bier wieder zurück. Einige Wochen lang steht der Maibaum dann reich geschmückt, oft auch kunstvoll geschnitzt, auf dem Marktplatz des Städtchens.

Ausgelassene Volksfeste gehen auf Äbtissin Walburga zurück

Auch in Österreich und Tschechien sind sie ein beliebter Anlass für große Volksfeste. Maibäume von zwanzig bis vierzig Metern sind die normalen Längen. Ein fest installierter Maibaum, der das ganze Jahr zu bestaunen ist, ragt stolze 56 Meter in den bayrischen Himmel. Dass die bunten Tänze, das ausgelassene Volksfest auf den Gedenktag an die englische Äbtissin Walburga zurückgehen ist vielleicht nur noch wenigen bekannt. Diesmal ist der 1. Mai kein zusätzlicher arbeitsfreier Tag. 2022 müssen sich alle damit abfinden, dass er als normaler Sonntag ausgeschildert ist.

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