Ein bergisches Meisje und ein beredter Rotmof

Annie lebte bis vor zwei Jahren in einer Altenwohnung nahe der Kirchenkurve. Solange sie es schaffte, war sie bei jedem Gottesdienst dabei.
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Annie lebte bis vor zwei Jahren in einer Altenwohnung nahe der Kirchenkurve. Solange sie es schaffte, war sie bei jedem Gottesdienst dabei.

Dr. Karl Ulrich Voss, ehemaliger Vorsitzender des Bergischen Geschichtsvereins in Burscheid, erinnert an Annie und Hans Schmidt

Ein Gastbeitrag von Dr. Karl Ulrich Voss

Annie Schmidt ist erst ein wenig reserviert, als wir uns kennenlernen. Grete Klippert hatte die Idee gehabt. Da war doch dieses famose Heimatbuch über Kalärbrisch alias Kaltenherberg. Das hatte Annies Mann verfasst, der im Jahre 2008 gestorbene Burscheider Hans Schmidt. Er hatte von 1975 bis 2001 zum Vorstand der Kaltenherberger Heimatfreunde gehört, hatte mehrere regionale Mundartstücke geschrieben.

Das wunderschöne Buch macht nicht nur in vielen Dimensionen greifbar, wie sich das Straßendorf Kaltenherberg entwickelt hat. Es zeigt dies gleich für die ganze Region, in Kriegs- wie in Friedensphasen, von den Römern über die Franzosen und Amerikaner bis heute. Dieses Buch ist bald schon vergriffen, es wird Legende.

Grete Klippert nun brachte für ihr Leben gerne gute Dinge an den Mann. Also muss Nachschub her. Ich darf dann verhandeln. Im Ergebnis stellt Annie Schmidt die Urheberrechte zur Verfügung und das Buch wird – das ist ihr sehr wichtig –ohne Änderungen in Format und Inhalt in den Niederlanden neu gedruckt. Heute sind alle weiteren Exemplare schon wieder „fott“. Die meisten hat Grete Klippert abgesetzt. Keiner, dem sie je ein Buch zugedacht hatte, konnte ihr entwischen, auch nicht der Bürgermeister. Die Verhandlungen sind aber dann erst der Auftakt. Denn dabei kommen wir auf die faszinierende Familien- und Zeitgeschichte zu sprechen:

Annie und Hans begegnen sich Ende 1944 in den Niederlanden. Hans ist Besatzungssoldat in der Nähe von Rotterdam, aber „einer von den Guten und Klugen“, wie Annie betont, „kein Nazi!“. Es ist eine harte Zeit. Ian Kershaw beschreibt in seiner hervorragenden Geschichte beider Weltkriege mit dem Titel „Höllensturz“, wie die Wehrmacht in den letzten Kriegsmonaten die besetzten Regionen ausplündert, um den Hunger im „Reich“ zu stillen. Auch in den Niederlanden requiriert man alle Lebensmittel, derer man habhaft werden kann: Rinder, Ziegen, sogar Pferde. Tausende Niederländer verhungern.

25 Jahre nach dem Kriegsende heiratet Hans seine Annie

Auch Fahrräder nehmen die Soldaten wahllos weg. „Für den taktischen Rückzug“, wie die Niederländer sarkastisch witzeln. Als Annies „Fiets“ verschwindet, sorgt Hans für die Rückgabe und dafür, dass es sicher versteckt wird. Er kennt die Kriegserfahrungen seines Vaters aus den Schützengräben bei Verdun und hat keinerlei militärische Ambitionen; eine mögliche Offizierslaufbahn lehnt er offen ab. Als der Krieg in den Niederlanden am 5. Mai 1945 endet, schlägt sich Hans über die grüne Grenze in die Heimat durch. Aber der Kontakt lebt bald wieder auf.

Genau 25 Jahre später ist Hans wieder in den Niederlanden – und heiratet seine Annie Dijkshoorn. „Was müssen die mich vermisst haben,“ scherzt er da, „als ich gegangen bin, war alles bunt geflaggt, und jetzt schon wieder!“ Klar, man feiert gerade den 25. Jahrestag der Befreiung.

Die holländischen Verwandten sind nicht durchgehend über die Heirat erbaut, verständlich. Aber Hans nimmt alle mit seinem bald recht akzentfreien Niederländisch ein. „Um Klassen besser als Prins Claus!“, betont er stolz. Beim Segeln kontrolliert ihn mal die Wasserschutzpolizei; man ordnet ihn nicht als Deutschen ein, sondern als Flamen. Hans outet sich amüsiert als „Rotmof“; in den Nachkriegsniederlanden ist das der beißendste Spottname für den typischen deutschen „Mof“.

Zur Hochzeit steuert die Verwandtschaft einen bestickten Wandteppich bei, der Motive aus beiden Ländern verbindet. Aber Lebensmittelpunkt der jungen Familie wird schließlich doch Burscheid. Annie hätte es gerne anders gesehen: „Es ist nicht zu verstehen! Die deutschen Soldaten lassen sich von ihrer Führung ohne Murren überall hin kujonieren. Aber leben und sterben, das wollen sie am liebsten daheim.“

Der Krieg hat dann nicht nur für die Ehe gesorgt, er hatte schon die beruflichen Weichen gestellt. Da der ältere Bruder verletzt zurückkehrt, übernimmt Hans die Schreinerei des Vaters. Vater und Sohn fertigen auch gemeinsam die Ausstattung der evangelischen Kirche in Hilgen, etwa auch das große Kreuz im Gemeindesaal; aus dieser Phase stammt das beigefügte Bild.

Die ersten Ehejahre sind für die holländische Schwiegertochter kein Zuckerschlecken; die deutsche Schwiegermutter bestätigt jedes Klischee. Aber dann folgen viele glückliche Jahre; Annies ausgesprochen kommunikatives Naturell trägt dazu bei. Nur wird sie noch bedauernd feststellen: „Den Deutschen fehlt die niederländische Koffie-Kultur. Sich erst einmal zusammensetzen, die Arbeit hinlegen und miteinander klönen: Das haben wir zu Hause besser hingekriegt.“ Wobei dann ihre Verwandten nüchtern einwenden: Auch in Holland sei die Zeit inzwischen weiter gegangen und sie werde auch dort immer knapper.

Bis ins hohe Alter lebt sie in ihrer eigenen Wohnung

Annie lebt bis vor zwei Jahren in einer Altenwohnung nahe der Kirchenkurve. Solange sie es schafft, ist sie bei jedem Gottesdienst dabei – und natürlich beim „Kirchen-Koffie“ direkt danach. Als sie mehr Hilfe braucht, siedelt sie in das Altenzentrum auf der Schützeneich um. Annie ist schon weit über 90 Jahre alt, da testet man sie Corona-positiv. Aber so stabil, wie sie gebaut ist, zeigt sie nicht einmal Symptome. Das Virus wird also nicht das Problem, wohl aber die Abschottungsmaßnahmen dazu. „Wie im Gefängnis!“, stöhnt sie immer wieder. Am 4. Januar 2022 stirbt Annie Schmidt im stolzen Alter von 98 Jahren. Ihr Neffe Henk Stolk sagt: „Soweit er zurückdenken kann, hätte sie sehr flexibel zweisprachig konferiert. Aber drei Wochen vor dem Tod, da habe sie nur noch Deutsch gesprochen!“

Gemeinsam mit seinem Vater fertigt Hans die Ausstattung der evangelischen Kirche in Hilgen, etwa auch das große Kreuz im Gemeindesaal.
Zur Hochzeit steuert die Verwandtschaft einen bestickten Wandteppich bei, der Motive aus beiden Ländern verbindet.
Hans Schmidt (l.) übernimmt die Schreinerei seines Vaters, da sein älterer Bruder verletzt aus dem Krieg zurückkehrt. Fotos/Repro: Dr. Karl Ulrich Voss

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