Gemeinde

„Dieses Weihnachten bleibt im Gedächtnis“

In der evangelischen Kirche in Hilgen griff Pfarrerin Annerose Frickenschmidt zum Cello. Foto: Doro Siewert
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In der evangelischen Kirche in Hilgen griff Pfarrerin Annerose Frickenschmidt zum Cello.

Gottesdienste gab es nicht, aber die beiden evangelischen Kirchen hatten geöffnet – Zeit für Musik, Andacht, Gespräch.

Von Nadja Lehmann

Sie sollten zu Weihnachten nicht dunkel und verlassen sein, die beiden evangelischen Kirchen an der Hauptstraße in der Innenstadt und am Dünweg in Hilgen. Auf Präsentgottesdienste hatten Presbyterium und Gemeindeleitung verzichtet – schweren Herzens“, wie Pfarrerin Annerose Frickenschmidt ehrlich bekennt.

Dennoch: Ein weihnachtliches Zeichen sollte gesetzt, Menschen nicht allein gelassen werden. Gedacht, getan: Beide Kirchen öffneten an Heiligabend und den Feiertagen, gaben Raum für eine Andacht, für ein Innehalten, für ein Gespräch. „An Heiligabend war immer jemand da“, schildert Annerose Frickenschmidt. Presbyter. Pfarrer. Prädikant. Jugendleitung. Kirchenmusiker. In Burscheid saß beispielsweise Kirchenmusikdirektorin Silke Hamburger an der Orgel. Und in Hilgen griff Frickenschmidt zum Violoncello und musizierte gemeinsam mit Sohn Micha.

„Es war anders. Darin liegt ja auch eine Chance.“
Annerose Frickenschmidt

„Es war total schön“, sagt die Hilgener Pfarrerin. „Unser Tag lebte von der Musik.“ Aber es habe auch Zeit für Stille oder Gespräche gegeben. Oder für das Lesen der Weihnachtsgeschichte. „Um die Zeit bin ich doch sonst immer in der Kirche“, das habe sie als Begründung oft gehört, erzählt Frickenschmidt. Gekommen seien Familien ebenso wie Alleinstehende, Jüngere wie Ältere und Kinder. Manche blieben fünf Minuten, manche eine halbe Stunde. „Wir wollten den Menschen vermitteln, dass sie zu uns kommen können, wenn sie wollen“, sagt Frickenschmidt.

Die Absage der Gottesdienste tat weh. Hadern aber bringe nichts, findet die Theologin. „Jetzt war alles anders als sonst. Darin liegt ja auch eine Chance“, sagt Frickenschmidt. Es sei eine weihnachtliche Zusammenkunft gewesen, die im Gedächtnis bleiben werde. „Und auch ich habe andere Dinge mitbekommen als sonst.“ Zum Beispiel, dass sich ein Ehepaar nach dem Gottesdienst traditionell eine Kerze am Altarlicht entzündet und mitnimmt – jedes Jahr. „Dieses Mal haben wir über diese schöne Geste gesprochen. Normalerweise stehe ich da an der Tür und schüttle Hände.“ Der Kontakt mit der Gemeinde bleibt: durch Rückmeldungen per E-Mail, durch die Predigten, die verteilt werden und zudem auf der Homepage stehen. „Diese hat einen ganz neuen Stellenwert bei uns, ist sehr gut gepflegt“, sagt Frickenschmidt lachend. Überhaupt, das Digitale. Wie die Predigten per Video. „Das wird bleiben, weil viele anklicken, die sonst nicht kommen würden, es vielleicht auch nicht mehr schaffen.“

Kirche sei in der Pandemie präsent gewesen, lautet Frickenschmidts erste Einschätzung. „Ich kann jetzt natürlich nicht für die komplette Kirche sprechen. Aber ich glaube, dass wir wahrgenommen worden sind. Was wir versäumt haben, wird man erst mit Abstand sehen.“ Wie möglicherweise im ersten Lockdown bei den älteren und alten Menschen. „Wir haben inzwischen wieder erste seelsorgerliche Besuche gemacht, haben unsere Predigten früh an die Älteren verschickt“, erzählt Frickenschmidt. Aber sogar online habe man Altenheim-Bewohner erreicht. „Es ist schön zu sehen, dass es geht und man auf so viel Dankbarkeit stößt. Wir haben uns nicht nur um uns selbst gedreht.“

Frickenschmidt freut sich über die unzähligen Impulse, über die Kreativität, die die Gemeinde entfaltet hat. Erntedank unter freiem Himmel. Ein Treffen mit den Konfirmanden auf der Wiese. Gottesdienste im Netz. Predigten online. Überrascht aber hat es sie nicht. „Das, was wir machen, geht nicht mit Routine. Zu unserem Beruf gehört das Über-sich-Hinauswachsen dazu“, sagt sie und bezieht nicht nur die Kollegen Katrin Friedel und Matthias Pausch ein, sondern auch Presbyter, Kirchenmusikerin Silke Hamburger, Jugendleiterin Anke Theron-Schirmer – dieses ganze komplexe Gebilde, das Gemeinde ausmacht. Viele dieser kreativen Umsetzungen, davon ist sie überzeugt, werden Bestand haben.

Und dennoch gibt es die Sehnsucht nach der Normalität. Nach der „vollen Hütte“ zu Weihnachten, wie Frickenschmidt sagt. Nach dem einstündigen Gottesdienst „mit allem Drum und Dran“. „Ohne die ständige Habacht-Haltung“, sagt Frickenschmidt. Ohne, dass man immer wieder Listen zur Kontaktdatennachverfolgung führe, ohne, dass man immer wieder auf die Corona-Regeln hinweisen müsse. Ohne, dass man darauf verzichten müsse, Trauernde in den Arm zu nehmen. „Ich wünsche mir, dass wir wieder spontan und herzlich aufeinander zugehen können.“

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