Musicalische Academie

Anke Wischer: „Dieses Orchester hat eine solche Kontinuität“

Hatte die Orchestermitglieder im coronabedingten Lockdown sehr vermisst: Anke Wischer, ehemalige Vorsitzende der Musicalischen Academie. Foto: Nadja Lehmann
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Hatte die Orchestermitglieder im coronabedingten Lockdown sehr vermisst: Anke Wischer, ehemalige Vorsitzende der Musicalischen Academie.

Von 2002 an war Anke Wischer Vorsitzende der Musicalischen Academie – Nun hat sie nicht mehr kandidiert.

Von Nadja Lehmann

Diesen einen, diesen ganz speziellen Moment werde sie vermissen, bekennt Anke Wischer. Ein paar Sekunden sind es nur: „Alle sitzen auf ihren Plätzen, Musiker und Zuschauer, der Dirigent ist schon da, es ist ruhig geworden. Und man weiß: Jetzt geht’s los.“ Das sei immer ihr Traumaugenblick gewesen.

Natürlich wird Anke Wischer weiterhin im Orchester sitzen und mitspielen. Aber sie wird es nun nicht mehr als Vorsitzende der Musicalischen Academie von 1812 zu Burscheid tun, wird nicht mehr in der Verantwortung stehen. Dass sie nicht mehr kandidiert hat, bereut sie nicht; loszulassen sei wichtig. Aber dieser eine ganz besondere Moment, wenn Wischer wusste, dass der Boden bereitet, das Orchester fit und der Solist hinter den Kulissen ist, sie mit einem Wort ihre Arbeit getan hatte: „Dieser Moment wird nicht mehr so exquisit sein.“

„Es ist ganz selten, dass uns jemand verlässt, um in einem anderen Orchester zu spielen.“

Anke Wischer

1989 kam Anke Wischer nach Burscheid. Da lagen schon etliche Stationen hinter der gebürtigen Hamburgerin, darunter Belgien und Japan. Das Rheinland kannte sie schon: „1973 sind wir aus Hamburg weg. Mein Mann hatte bei Bayer angefangen.“ Ihrem Mann, einem Chemiker, folgte die Lehrerin durch die Welt. Und hatte schnell ein Erfolgsrezept gefunden, um sich in der Fremde heimisch zu fühlen. „Ich bin in jeder Stadt ins Orchester gegangen.“ Denn: „Wer Musik macht, kann kein ganz schlechter Mensch sein.“ Man habe eine gemeinsame Idee: „Das verbindet.“ Und das klappte auch in Burscheid: „Das Orchester hat mir geholfen, Würzelchen zu schlagen“, sagt Nomadin Wischer mit einem Lächeln.

Ihre hanseatische Contenance hat sie sich gleichwohl bewahrt: Gelassenheit hat sich Wischer nicht nehmen lassen, auch nicht in Coronazeiten: „Dieses Orchester hat eine solche Kontinuität. Es hat schon so viel überstanden.“

Dieser Leitsatz sorgte für den nötigen Halt in stürmischen Zeiten. So zwei, drei Tage vor jedem Konzert sei sie aber bei jedem Telefonklingeln hochgeschreckt, erzählt Wischer – mit der bangen Frage: „Was ist?!“

„Aber richtige Katastrophen hatten wir nicht“, blickt sie dankbar zurück. In einem schneereichen Winter sei der Solist, ein Klarinettist aus Berlin, zu spät zur Generalprobe gekommen, erinnert sie sich. Dessen Freundin wurde dann jedoch noch zur Retterin, als eine Flöte ausfiel und sie kurzentschlossen einsprang. Kontinuität gibt es aber auch bei den Mitgliedern (| Kasten). Zu den Konzerten kommen gern die Ehemaligen. „Es ist ganz selten, dass uns jemand verlässt, um in einem anderen Orchester zu spielen.“

41 Konzerte für Deutschlands ältestes Laienorchester organisiert

41 Konzerte habe sie organisiert, erzählt Wischer und blickt auf die Liste, auf der sie alles dokumentiert hat: „Ich mag Listen. Und Organisation liegt mir.“ Und lacht: „Typisch Lehrer.“ Dazugelernt habe sie beim Marketing, dass es beispielsweise einen knackigen Konzerttitel braucht, um aufzufallen. Wie „From Russia with Love“ oder „Wiener Melange“. An letzteres erinnert sich Wischer ohnehin gern, weil der junge Geiger Kyrill Troussov mitspielte: „Dessen Entwicklung vom Wunderkind zum gestandenen Musiker durften wir hautnah miterleben.“ Ohnehin habe die Musicalische Academie immer gute Solisten gewinnen können.

Sie selbst gehört inzwischen auch zu jener Kontinuität, die Deutschlands ältestes Laienorchester auszeichnet: 1990 wurde sie Mitglied – und stieg, weil Bratschen Mangelware waren, von der Geige auf die Bratsche um. Zwei Jahre später rückte sie in den Vorstand auf, wurde Schriftführerin und 2002 Vorsitzende. „Ich wollte etwas zurückgeben“, sagt sie.

Vor zwei Jahren kündigte sie dann an, dass sie nicht mehr kandidieren wird: „Diese Klarheit war gut für mich und das Orchester“, sagt sie. Seitdem band sie Nachfolger Tilman Werner eng ein. „Das wird alles gut klappen. Ich habe gar keine Bedenken“, sagt Wischer. Neue Leute im Team zu haben, sei gut: Und sie bliebe extra nicht im Vorstand, sagt Wischer verschmitzt. Einfach nur noch Musik machen. „Wenn die Trompeten hinter mir einsetzen, fängt die Bratsche an, zu vibrieren. Das finde ich toll.“ Überhaupt das Miteinander und die Leute: „Mir war nicht klar, dass ich die anderen so vermissen würde“, sagt sie über die Lockdowns, die Proben und Konzerte vereitelten.

Nun freut sich Anke Wischer auf das nächste Konzert am 5. Dezember. Und auf einen weiteren inneren Glanzpunkt: „Wenn das Publikum kollektiv atmet.“ Denn dann hat die Musicalische Academie ihre Zuhörer in den Bann gezogen.

Hintergrund

Treue: „Über 30 Jahre Mitgliedschaft sind nichts Besonderes“, weiß Wischer. Ganz vorn an der Spitze liegt Volker Technau: „Er kam mit 17 ins Orchester und ist seit 63 Jahren dabei.“

Rückkehr: Was Wischer zudem freut: Viele Mitglieder seien nach Ausbildung und Berufsjahren in anderen Regionen dann sogar wieder zur Musicalischen Academie zurückgekehrt.

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