Krise

Unternehmer Richard Kretzer: „Diese Teuerung lässt sich nicht abfedern“

Ist in Sorge um den Fortbestand des Bäckereihandwerks: Richard Kretzer.
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Ist in Sorge um den Fortbestand des Bäckereihandwerks: Richard Kretzer.
  • VonNadja Lehmann
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Pandemie, Personalknappheit, steigende Preise: Unternehmer Richard Kretzer sieht schwarz fürs Bäckereihandwerk.

Burscheid. Es ist ein Hilferuf. Ein Weckruf. Von einem, der sich selbst eigentlich einen Optimisten nennt und der sagt: „Unternehmer können Krise.“ Und Richard Kretzer ist Unternehmer: studierter Betriebswirt, Chef von mehr als 100 Mitarbeitenden und von zwölf Filialen der gleichnamigen Bäckerei. 2013 hat der 35-Jährige die Leitung übernommen.

„Krise“ ist für ihn kein Fremdwort. Auch die Pandemie hat die Bäckerei, deren Stammhaus an der Kölner Straße in Hilgen steht, gemeistert. „Wir hatten keine Kurzarbeit. Wir haben niemanden entlassen. Man hat sich geholfen“, sagt Kretzer. Dabei gab es auch da schon Einbußen. „Von jetzt auf nachher brauchten wir die Gastronomie nicht mehr beliefern. Alles brach weg. Aber da kann ich der alleinerziehenden Mutter, die bei uns arbeitet, doch nicht sagen: Wir brauchen Sie nicht mehr. Das ist zu kurz gedacht.“ Doch nun schlägt er Alarm. „Pandemie. Quarantäne. Personalknappheit. Verteuerung bei Rohstoffen und Energie. Irgendwann wird es einfach zu viel.“

Richard Kretzer macht deutlich, was diese Krisen für seinen Betrieb bedeuten. Und dass sie alle Bereiche betreffen. Bis hin zur Rolle, in die das verkaufte Brot gewickelt wird. „Bisher haben wir eine Rolle für 25 Euro gekauft“, sagt Kretzer. „Nun kostet sie knapp 70 Euro.“ Dabei habe man sogar noch Glück im Unglück, weil derlei Ware überhaupt noch verfügbar sei: „Dank des klugen Einkaufsverhaltens der Bäko Berg und Mark.“ Dahinter verbirgt sich der genossenschaftlich organisierte Fachgroßhandel für Bäckereien und Konditoreien.

Und dann gab es nicht mal mehr Mehlsäcke

Die Liste, was eine Bäckerei zukaufen muss, ist lang. Mehl, Sahne, Butter, Eier, Molkereiprodukte, Saaten, Hefe, Zucker. Alles ist teurer geworden. „Und wir machen ja auch Snacks, bieten belegte Brötchen an. Die Preise für Wurstwaren und Salate sind durch die Decke gegangen“, sagt Kretzer. Und spricht vom „Mist“, der im März begonnen hat. Da hatte ihm die Mühle bei Ulm, die ihm Dinkelmehle und Emmer liefert, noch zugesichert, dass es bei ihr keinen Preisanstieg gebe: Man habe passgenau für die Kunden die Saat ausgebracht. Dann mussten die Ulmer zurückrudern: „Wegen der Frischfaserkrise“, sagt Kretzer. „Es gab keine Mehlsäcke mehr.“

Das „große Ende“ sei noch gar nicht da, warnt er. Und lenkt den Fokus auf die Energiekrise. „Wir als Bäckerei brauchen viel Strom.“ Er beziffert den Verbrauch auf rund 600 000 Kilowattstunden im Jahr. Eine bewusste Entscheidung, weil Strom größere Flexibilität erlaubt: „Wir können auf Herd 1 ein Schwarzbrot herstellen, auf Herd 2 Croissants. Mit Gas geht das nicht, da ist alles einheitlich.“ Nun hat ihm der Energieversorger bereits signalisiert, dass es vom Januar an teurer wird – 30 Cent mehr pro Kilowattstunde. Bedeutet: rund 13 000 Euro im Monat mehr an Stromkosten.

Kalkuliert habe er immer „mit Maß und Mitte“, sagt er. Die siebte Preisanpassung musste er nun vornehmen: „Wir haben versucht, ein Drittel weiterzugeben.“ Ein Zuschussgeschäft ist es derzeit. Das ginge nur begrenzte Zeit. „Wir könnten das Sortiment straffen. Oder aus einem 750-Gramm-Brot ein 500-Gramm-Brot machen und es für den denselben Preis verkaufen“, denkt Kretzer laut nach. Es sind Optionen, die ihm ganz und gar nicht passen: „Unfair. Nicht transparent.“ Sein Fazit: „Diese Teuerung kann ich nicht abfedern. Oder das Brot kostet 8 Euro.“

Und dann gibt es da noch den Personalmangel. „Wir haben tolle Mitarbeiter, und wir brauchen sie auch“, betont Kretzer. Ginge jemand in Pension, werde die Stelle neu besetzt. Das sei mittlerweile eine langwierige Suche, und warum das so ist, kann sich auch Richard Kretzer nicht erklären. Die Pandemie? Vielleicht. „Möglicherweise sind viele Menschen auch bequem geworden. Unser Wohlstand ist aber nichts Selbstverständliches; er muss erarbeitet werden.“ Er blicke sorgenvoll in die Zukunft, bekennt Kretzer.

Zumal das Unternehmen viel investiert habe: in Wärmerückgewinnung, in Ofentechnik, in LED-Beleuchtung. „Die Qualität haben wir immer hochgehalten“, sagt Kretzer. Dafür gibt es immer wieder Auszeichnungen und Preise.

Kretzer erhofft sich nicht (mehr) viel von der Regierung. „Aus Berlin kommen keine Ideen. Dort wird verwaltet“, bedauert er. Dennoch hat er sich per Brief an viele Politiker gewandt. „Ich schreibe ja nicht allein wegen mir, sondern bitte auch für die Bevölkerung. Uns fliegt hier doch irgendwann alles um die Ohren.“ Lediglich eine Antwort habe es gegeben, vom hiesigen CDU-Bundesabgeordneten – mit dem Hinweis, dass man ja nicht mehr in der Regierung sei.

Von einst 19 Bäckereien in Burscheid gebe es nur noch seine Bäckerei, sagt Kretzer. Und skizziert denkbare Szenarien eines neuen Konsumverhaltens: „Wer sagt, dass wir von 6.30 bis 18.30 Uhr geöffnet haben müssen? Wenn wir um 13 Uhr schließen, sparen wir Strom und Personal.“ Auch das Einkaufen im Supermarkt bis 23 Uhr könne schon bald Geschichte sein. Von einer „neuen Bescheidenheit“ spricht Kretzer, die notwendig werden könnte: „Löhne und Gehälter werden nicht im selben Maß steigen wie die Teuerung. Dann werden wir uns auf die wesentlichen Dinge besinnen und ein Bewusstsein für Regionalität entwickeln müssen.“ Und das wiederum, und da zeigt sich bei allen warnenden Worten doch der Optimist Kretzer, „muss nicht schlecht sein“.

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