Traum von neuem Zuhause

Die Steckdosen sind mit Tesafilm befestigt

Yasser Alsulaiman mit Ehefrau Firial und Nesthäkchen Tasneen in der Familienküche.   
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Yasser Alsulaiman mit Ehefrau Firial und Nesthäkchen Tasneen in der Familienküche.   

Die aus Syrien stammende Familie Alsulaiman lebt in einem heruntergekommenen Haus.

Von Nadja Lehmann

Die Decke ist quasi offen, und das Gebälk lugt in einem Zimmer hervor.

Die Fensterbank im winzigen Badezimmer ist gewellt von der Nässe, die nicht von ihr weichen will. Ein paar bunte Zahnputzbecher stehen darauf und schaukeln leicht im Wind. Die Luftfeuchtigkeit ist mit Händen zu greifen; das Fenster muss immer offenstehen. Ein Zimmer im oberen Stock hat keine Tür, an der Decke hängen offen das Dachgebälk und Putzwolle heraus. „Es ist eigentlich nicht bewohnbar“, sagt Yasser Alsulaiman und führt die Besucherin weiter durch das Haus am Raderweg.

An den Wänden sind die Steckdosen nur sehr wacklig befestigt. Nicht wenige sind, damit sie überhaupt noch halten, mit Tesafilm verstärkt. „Die Leitungen sind sehr alt“, beschreibt Yasser Alsulaiman und tippt auf die Holzfenster. Die Laibungen sind rissig, die Fenster verzogen. Viele schließen nicht richtig oder lassen sich gar nicht mehr öffnen.

Im Wohnzimmer sitzt Alsulaimans Ehefrau Firial. Es gibt Tee und allerhand Leckereien für den Besuch. Auch die Kinder sind dazugekommen: Siba (15), Hala (13), Asef (12), Adn (9), Mohamed (7) und Nesthäkchen Tasneen. Sie haben es sich so schön gemacht, wie sie nur konnten, mit einem großen Sofa und Sesseln.

In der Nacht wird das alles umfunktioniert: Dann schlafen die Eltern mit der dreijährigen Tasneen im Wohnzimmer. Ein Schlafzimmer haben sie nicht, denn das obere Stockwerk gehört den großen Geschwistern. Klingt nach Luxus, ist es nicht. Siba träumt von einem Einzelzimmer: Die Schwestern teilen sich ihre Zimmer, in die wenig mehr hineinpasst als jeweils zwei Betten und ein Schreibtisch. Aber auch da haben sie es sich, so gut es ging, hübsch gemacht: Die Wände sind farbig gestrichen, auf den Betten liegen bunte Überwürfe.

„Wir haben viel gemacht, haben Müll weggeräumt“, sagt der Vater und sucht nach Worten: „Am Anfang hier, als wir hierherkamen – kein Tier wäre hiergeblieben.“ Er hat Asthma und deutet auf den Schimmel in dieser und jener Ecke. Der Vermieter sei nicht interessiert, sagt er: „Dieses Haus ist nicht gesund.“

„Es gab so viel Gewalt. Man konnte dort nicht mehr leben.“

Yasser Alsulaiman

Christian Riehl, der mit im Wohnzimmer sitzt, nickt. Er arbeitet im Jugendbüro an der Bismarckstraße als Berater für Bildung und Teilhabe und kennt die Familie, seitdem sie in Burscheid ist. Er kennt ihre Sorgen und Nöte – und ihren größten Wunsch. Nach einem akzeptablen großen Haus. „Oder zwei Wohnungen nebeneinander“, sagt Yasser Alsulaiman und zeigt aufs oberste Stockwerk des gegenüberliegenden Hauses. „Da haben wir am Anfang gewohnt.“

Der Schimmel kriecht die Wände empor, die ständige Nässe hat das Fensterbrett aufquellen lassen.

2016 war das, nachdem die aus Syrien stammende Familie Deutschland erreicht hatte. Von der Türkei aus sind sie übers Mittelmeer geflohen: „In einem Boot mit 70 Menschen“, sagt der Vater und guckt Tochter Adn an, die zuhört. Via Österreich ging es nach Deutschland. Yasser Alsulaiman fällt es sichtlich schwer, darüber zu sprechen. „Es gab so viel Gewalt. Man konnte dort nicht mehr leben“, sagt er über seine Heimat. „Ihr habt eine ganze Menge erlebt?“, fragt die Schreiberin dieser Zeilen, und die neunjährige Adn nickt mit ernst-unkindlichem Blick und sagt nur ein Wort: „Ja.“

„Wir kommen aus Qamischli“, erzählt Yasser Alsulaiman. Die Stadt mit 200 000 Einwohnern liegt im Nordosten Syriens. „Bis zur Türkei waren es fünf Minuten, zum Irak rund 70 Kilometer“, sagt der 44-Jährige. Er ist gelernter Bäcker, hat in Syrien aber auch als Busfahrer gearbeitet. Hier hat er mittlerweile einen Job in Wermelskirchen gefunden, ist Mädchen für alles in der Bayer-Gastronomie Große Ledder. Bus fahren möchte er gern wieder, dafür aber muss er den Deutschkurs B1 abschließen: „Ich habe bald meine Prüfung!“ Seine Heimat habe er immer im Kopf, bekennt er: „Aber wir mussten gehen. Wären wir nicht geflüchtet, gäbe es uns nicht mehr. Es war kein Leben mehr, es gab keine Schulen, kein Krankenhaus, nichts.“ Er sieht seine Kinder an, seine Dankbarkeit ist greifbar: „Für sie gibt es hier in Deutschland ein neues Leben, eine Zukunft.“

Die kleine Tasneen kam im Klinikum Leverkusen zur Welt, und auch die anderen sind längst angekommen, sprechen untereinander Deutsch, besuchen die Johannes-Löh-Gesamtschule, die Montanusgrundschule, den DRK-Kindergarten. Mohamed spielt Fußball im Verein, Asef macht Judo. Für eine kinderreiche Familie ein neues Heim zu finden, ist nicht leicht – das wissen sie, und das weiß auch Christian Riehl. Aber: Burscheid ist ihr Zuhause geworden, sie möchten gern bleiben.

Hintergrund

Hilfe: Wer Kontakt aufnehmen und eine Immobilie vermieten möchte (Burscheid/Hilgen, aber auch Richtung Opladen, Blecher und Sträßchen): burscheidhaus@gmail.com

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