Rückzug

Die Feuerwehr sucht einen neuen Chef

Achim Lütz (vorne) hört auf. Seine Aufgabe als Wehrleiter übernimmt kommissarisch Klaus Kopisch.
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Achim Lütz (vorne) hört auf. Seine Aufgabe als Wehrleiter übernimmt kommissarisch Klaus Kopisch.
  • VonNadja Lehmann
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Achim Lütz hat sein Amt Anfang des Monats abgegeben – Stellvertreter Klaus Kopisch leitet die Wehr kommissarisch.

Burscheid. Achim Lütz ist schon nicht mehr im Amt: Der Wehrleiter der Freiwilligen Feuerwehr Burscheid hat Anfang Juli aufgehört. Die kommissarische Leitung hat sein bisheriger Stellvertreter Klaus Kopisch übernommen. „Damit wird jetzt ein ganz bestimmtes Verfahren in Gang gesetzt“, sagt Bürgermeister Dirk Runge: „Die Feuerwehr guckt intern in ihren Reihen nach passenden Kandidaten. Es folgen Anhörungen, unter anderem auch durch mich. Der Kreisbrandmeister unterbreitet schließlich dem Stadtrat einen Vorschlag, über den abgestimmt wird.“

Viel Zeit blieb nicht: Achim Lütz hatte den Bürgermeister Ende Mai von seiner Absicht unterrichtet. „Mein Entschluss stand fest“, sagt Achim Lütz. Und: Früher sei ohnehin für einen Wehrleiter mit 60 Schluss gewesen. Ganz offiziell sollte es auf der nächsten Stadtratssitzung verkündet werden.

Aber: In der Stadt brodelte bereits die Gerüchteküche - und der Bergische Volksbote hatte angefragt. Da habe er sich entschlossen, schon jetzt an die Öffentlichkeit zu gehen, sagt Lütz.

Seine Gründe benennt er klar und ohne Umschweife; man spürt, dass er sie schon länger mit sich trägt. „Ich stecke die Belastung nicht mehr so gut weg. Die Kraft, die man dafür braucht, wird weniger“, bekennt der 62-Jährige. Zu Mitte Juli habe er den sogenannten Melder abgegeben, jenes Gerät also, das zu den Einsätzen ruft. „Ich habe dem immer alles untergeordnet“, sagt Lütz. Ein Bierchen trinken oder ein Glas Wein: Für Lütz im Dienst ein No-Go. „Wenn ich den Melder hatte, war ich zu 100 Prozent einsatzbereit“, sagt er. Und dass er seit seinem Abschied vom Melder schon deutlich ruhiger geworden sei. Eine Entlastung. Spürbar wird: Lütz ist einer, der sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht hat. Einer, der sich der Verantwortung stets bewusst war. „Es geht um Menschenleben“, sagt auch Dirk Runge.

Aber auch Corona und seine Folgen haben Achim Lütz zu seiner Entscheidung gebracht. „Wir spüren die Pandemie in der Wehr“, sagt er. Weniger durch Krankheitsausfall, bei den Einsätzen komme man immer noch auf genügend Leute, notfalls alarmiere man nicht nur einen, sondern zwei Löschzüge. Aber im Menschlichen: „Wir konnten uns nicht treffen, nicht üben. Die Kameradschaft geht weg. Das, was uns zusammenhält.“ Das Privatleben sei ihm zwischenzeitlich wichtiger geworden. Und eine Erkenntnis reifte: „Es gibt ein Leben nach der Feuerwehr.“ Stellvertreter Klaus Kopisch war einer der Ersten, mit dem er darüber sprach.

16 Jahre war Achim Lütz im Amt, trat damals die Nachfolge von Hans-Werner Dünweg an, dessen Stellvertreter er gewesen war. Auf diesen Posten rückte damals Gerhard Appel nach; dann, 2012, kam Klaus Kopisch. Der 52-Jährige ist mittlerweile hauptamtlicher Gerätewart, hat den Fuhrpark und das Equipment im Blick, trägt Sorge, dass alles auf dem neuesten Stand, zertifiziert, geprüft und einsatzbereit ist. Ein Fulltime-Job. „Bei der Feuerwehr wird inzwischen jede Schaufel geprüft“; so Runge.

Lütz und Kopisch sind hauseigene Gewächse, sind aus der Jugendfeuerwehr in den aktiven Dienst gewechselt und damit typisch für die Burscheider Wehr, die überdurchschnittlich viel eigenen Nachwuchs generieren kann. „Ich bin als Zwölfjähriger in die Jugendfeuerwehr eingetreten“, erzählt Klaus Kopisch. Das sei quasi gesetzt gewesen: „Mein Vater war schon dort.“ Seine beiden eigenen Kinder, 25 und 22, tun ebenfalls inzwischen Dienst. Achim Lütz dagegen fand durch einen Wettbewerb zur Wehr, bei dem die ersten drei bei einer Übung mitmachen durften. Der damals 15-Jährige war begeistert und blieb.

Ein Rezept, das hoffentlich wieder wirken wird. Denn Corona hat der hochgelobten Jugendarbeit der Wehr einen Dämpfer versetzt, hat Zeltlager, Übungen und Zusammengehörigkeitsgefühl verhindert. Gerade einmal 20 Mitglieder zählt die Jugendabteilung noch, für die sogar einst Wartelisten geführt wurden. Das Prinzip Hoffnung gilt auch beim Gerätehaus Dierath, das inzwischen zu klein ist ().

Naturkatastrophen spielen eine immer größere Rolle

Was die rund 130-köpfige Wehr leisten kann, hat sie 2021 unter Beweis gestellt, als sie in der Flutkatastrophe pausenlos im Einsatz war – nicht nur in Burscheid, sondern helfend im noch stärker gebeutelten Leichlingen. 375 Einsätze und 5620 Einsatzstunden sind für das vergangene Jahr gelistet. „Naturkatastrophen werden für die Feuerwehr künftig eine größere Rolle spielen. Die Art der Einsätze wird sich verändern“, blicken Lütz und Kopisch in die Zukunft.

Mit der nahe gelegenen A 1 haben die Burscheider ohnehin ein schweres Los gezogen. „Wir sehen Schlimmes, und das nimmt man mit“, sagt Achim Lütz. „Viele Bilder blitzen immer wieder plötzlich im Kopf auf.“

„Das Schlimmste ist, wenn Kinder dabei sind“, bekennt Klaus Kopisch. So erinnert sich auch Achim Lütz genau an einen Unfall, bei dem ein Pkw unter einen Lkw raste und der Fahrer sofort tot war: „Schemenhaft konnten wir einen Kindersitz erkennen. Und wir haben während der Bergung gedacht: Es wird doch hoffentlich keines drin gesessen haben.“ Der Sitz war leer; schlimm genug war es, im Portemonnaie des Toten Bilder mit Frau und zwei kleinen Kindern zu finden.

Mussten die Feuerwehren früher mit ihren Eindrücken selbst fertig werden, so wartet heute nach schweren Einsätzen das PSU-Team (Psychosozialer Dienst) auf die Einsatzkräfte. „Wir sprechen miteinander, hören uns zu und beobachten einander. Viele Reaktionen kommen erst Tage später“, sagt Achim Lütz.

Aus der Ferne beobachtet er nun, welche Kandidaten sich herausschälen. Eine Frau wird es wohl nicht werden. „Keine aus unseren Reihen hat derzeit die dafür nötige Qualifikation“, erklärt Kopisch. Neben der persönlichen Eignung kommt die fachliche dazu: „Man muss bestimmte Lehrgänge absolviert haben, oder es muss möglich sein, diese innerhalb von zwei Jahren zu machen“, sagt Lütz. Neben Verwaltung und Organisation wirkt ein Feuerwehrchef schließlich auch als Einsatzleiter und Verbandsführer, dem bis zu 150 Kräfte unterstellt sein können.

Dass ein Leiter durchsetzungs- und nervenstark sein muss, macht Klaus Kopisch an einem Beispiel deutlich: „Es ist Pfingsten. Viele machen Urlaub oder sind auf Vatertagstour. Wenn dann etwas passiert und nicht genügend Kräfte zur Verfügung stehen, ist der Leiter verantwortlich. Wenn er sagen muss, dass jemand keinen Urlaub machen kann oder keinen Ausflug – da macht man sich nicht nur Freunde.“ Und das im Ehrenamt. „Ich habe einen Arbeitgeber, der das immer mitgetragen hat“, sagt Achim Lütz.

Stillstand war nie eine Option. „Wir müssen immer besser werden, personell und technisch“, beschreibt der 62-Jährige. Da schimmert wieder der Achim Lütz hervor, der seine Aufgabe nicht leicht genommen hat.

Gerätehaus

Das Gerätehaus Dierath ist mittlerweile zu klein geworden. Eine Erweiterung am Standort ist nicht möglich, dort steht die Gemeinschaftsgrundschule. Ein Neubau soll Abhilfe schaffen, das aber wird noch dauern, muss doch ein Grundstück gefunden und Baurecht geschaffen werden: „Eine kleine Durststrecke“, bleibt Achim Lütz optimistisch.

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