Peru

Die ersten Kinder sind an Corona gestorben

-
+
Hilfe tut not: Die Station „Tucunaré“ bei Hochwasser im Februar.
  • VonNadja Lehmann
    schließen

Die Indianerhilfe engagiert sich in Peru: Die Situation in der weltabgeschiedenen Station „Tucunaré“ hat sich verschärft.

Burscheid. Dr. Bernhard Rappert findet deutliche Worte für die Situation in Peru: „Die Lage ist schrecklich. Inzwischen sind die ersten Kinder an Corona gestorben.“ Und die Helfer, die im Namen der Indianerhilfe auf dem Weg in den Urwald seien, steckten in Costa Rica fest: „Neue Einreisebestimmungen verbieten es Europäern einzureisen.“ In der Station „Tucunaré“ befinde sich somit nur noch ein einzelner peruanischer Arzt und das Personal, zählt Rappert auf: „Sie sind völlig überfordert.“

Die Station, das aktuelle Projekt der Indianerhilfe, widmet sich den Indigenen, dem Stamm der Urarinas, und liegt weltabgeschieden zwei Tagesreisen von der nächsten Stadt Iquitos entfernt. Einziges Verkehrsmittel ist das Boot, Straßen gibt es nicht. „Flussab dauert eine Evakuierung mit unserem Schnellboot mindestens zehn Stunden, oft noch länger“, beschreibt der Burscheider Mediziner, der Vorsitzender der Indianerhilfe ist. Vor Ort sei das Team somit weitgehend auf sich selbst gestellt.

Verbindung zur Außenwelt gibt es nach langer Isolation via Satellit und Internet: „So erhalten wir aktuell auch die verzweifelten Hilferufe des Personals“, sagt Rappert. Zwar habe man seit drei Jahren einen Vertrag mit dem peruanischen Staat, dass weiteres Personal (Krankenschwester, Laborkraft, Hebammen) in die Klinik geschickt werden solle, aber: Seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie werden alle Kräfte in den Städten gebraucht. „Für die entlegenen Gegenden gibt es niemanden“, sagt Rappert.

Die Corona-Station in der Stadt Iquitos.

Deshalb hatte der Verein beschlossen, zwei junge Schweizer, die Apothekerin Ramona Schmiedli und Krankenpfleger Nicolaj Sprecher, nach Peru zu schicken: Ende Februar hoben sie ab - doch dann kamen die neuen Verordnungen Perus und das Einreiseverbot für alle Europäer.

Beide sitzen nun in Costa Rica fest. „Wir versuchen alles“, sagt Rappert. Auch die deutsche Botschaft in Peru sei ebenso involviert wie Honorarkonsul Max Druschke, die sich mittels „Verbalnote“ um eine Ausnahmegenehmigung bemühen. „Das ist das stärkste Druckmittel, das wir haben“, erklärt Rappert. Die Aussichten stuft er als gering ein: „Auch für die Peruaner sind der Rio Chambira und die Indigenen weit weg.“

Dabei sei die Lage katastrophal. „Wir müssen etwas machen. Es ist extrem“, sagt Bernhard Rappert eindringlich. Denn die neue Welle, die als brasilianische Variante von Manaus den Fluss abwärts gekommen sei, habe erbarmungslos zugeschlagen: „Wir haben zwei tote Kinder zu beklagen und viele Erkrankungen unter den Erwachsenen.“ Es sei das erste Mal, dass sich Kinder mit Covid-19 angesteckt hätten: „Sie sind unterernährt und haben dem Virus nichts entgegenzusetzen“, sagt Rappert und erzählt von den verzweifelten Bemühungen der Stammesheiler, die „bösen Geister“ mit Saugnäpfen aus dem Körper der Kinder zu ziehen.

Die beiden Schweizer werden dringend gebraucht

„Umso dringlicher wäre jetzt die Unterstützung des Teams durch die beiden Schweizer. Ab Juli haben wir auch wieder eine deutsche Ärztin für die Klinik verpflichtet, Dr. Caroline Bollmann aus Köln“, sagt Rappert. „Aber die Hilfe wird jetzt benötigt.“

Um die 4000 bis 5000 Urarinas leben in den Dörfern. „Wir waren lange optimistisch, dass die Pandemie in unseren Dörfern vorbei ist“, sagt Rappert. Nur wenige Erkrankungen habe die erste Welle den Urarinas beschert. Um so heftiger hatte das Virus in der nächstgelegenen Stadt Iquitos gewütet, in der viele Menschen starben: „Auch, weil die Krankenhäuser völlig unzureichend ausgestattet sind“, sagt Rappert und zeigt Fotos von Menschen, die mitsamt ihrer (selbst beschafften) Sauerstoffflasche in den Krankenhausfluren sitzen und auf Rettung hoffen.

Ein unterernährtes Kind.

Rappert kennt die Lage in Peru aus eigener Anschauung. Als junger Arzt war er 1982/83 für die Indianerhilfe auf einer Urwaldstation in Peru tätig – mit Ehefrau und kleinem Sohn, „Wir haben gerade mal gewartet, bis er krabbeln konnte“, erinnert sich der Vater. Für Rappert selbst wurde die Zeit in Peru zu seinem medizinischen Fundament: „Ich war der einzige Arzt weit und breit und habe alles gemacht , von Geburtshilfe bis Totenschau.“ Seitdem ist Rappert für die Indianerhilfe tätig, ist im Ehrenamt geschäftsführender Vorsitzender und wurde dafür 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Eine Ehre, die Rappert zwar freut, aber: „Sie gebührt nicht mir, sie gebührt dem Verein und all den jungen Medizinern und Medizinerinnen und unseren Helfern vor Ort.“

Der gebürtige Würzburger Internist und Kardiologe, der dort und in Berlin Medizin studierte und durch seine Facharzt-Ausbildung nach Leverkusen kam, arbeitet derzeit in der Praxis von Barbara vom Stein. Doch dort wird er sich Ende März verabschieden: Rappert, Jahrgang 1952, kehrt nach 48 Jahren in seine Heimatstadt Würzburg zurück. „Ich gehe mit einem tränenden Auge. Ich bin inzwischen auch Burscheider geworden“, bekennt er. Aber in Würzburg warten seine Frau, seine Tochter und - vor allem - das Enkelkind. „Ich werde den Opa spielen“, sagt Rappert schmunzelnd. Eine Rolle, auf die er sich freut.

Und der Kontakt wird auch von Franken aus nicht abreißen: Die Geschäftsstelle des Freundeskreises Indianerhilfe e.V. bleibt in Burscheid bestehen.

Bitte

„Wir bitten auch um finanzielle Unterstützung“, sagt Dr. Bernhard Rappert. „Wir brauchen weitere Sauerstoffgeräte und Schnelltests für die Klinik.“ Der Verein hat das DZI-Spendensiegel. Eine Spendenbescheinigung wird automatisch zugesendet. www.indianerhilfe.de

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Die Jagd ist bei ihr Familiensache
Die Jagd ist bei ihr Familiensache
Die Jagd ist bei ihr Familiensache
Manufakturen präsentieren Stahlwaren
Manufakturen präsentieren Stahlwaren
Manufakturen präsentieren Stahlwaren
An der Autobahn müssen Gehölze geschnitten werden
An der Autobahn müssen Gehölze geschnitten werden
An der Autobahn müssen Gehölze geschnitten werden
Vorstand erhält viel Applaus
Vorstand erhält viel Applaus
Vorstand erhält viel Applaus

Kommentare