„Die Bilder machen mich wahnsinnig“

Solidaritätsbekundung: Nach dem russischen Angriff hisste Horst Kläuser vor seinem Haus die Flagge der Ukraine. Er hat Freunde in beiden Ländern. Die Reaktion des Westens findet er richtig. „Ich habe mich in diesen Tagen aber auch beim Beten erwischt“, sagt er. Foto: Roland Keusch
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Solidaritätsbekundung: Nach dem russischen Angriff hisste Horst Kläuser vor seinem Haus die Flagge der Ukraine. Er hat Freunde in beiden Ländern. Die Reaktion des Westens findet er richtig. „Ich habe mich in diesen Tagen aber auch beim Beten erwischt“, sagt er.

Horst Kläuser lebte als Radiokorrespondent in Russland und der Ukraine

Von Axel Richter

Herr Kläuser, Sie kennen Russland und die Ukraine gut. Was geht in Ihnen vor angesichts der Kriegsbilder, die uns erreichen?

Horst Kläuser: Eine ganz große Traurigkeit. Die Bilder machen mich wahnsinnig.

Haben Sie Freunde im Kriegsgebiet?

Kläuser: Ja. Mischa zum Beispiel. Er lebt in Kiew. Ich war 2004 dort bei der orangenen Revolution und dann noch einmal 2014 nach der Annexion der Krim. Wir hatten dort ein Korrespondentenbüro, das zugleich unsere Wohnung war. Mischa war unser Übersetzer und so etwas wie die gute Seele. Ich telefoniere täglich mit ihm. Er ist fix und fertig. Dann stehe ich in Kontakt zu einer Deutschen, die in Kiew Medizin studiert und raus will. Die Menschen sind völlig verzweifelt.

Können Sie helfen?

Kläuser: Ich weiß nicht, wie. Ich denke, dass wir in Kürze als Stadtgesellschaft gefragt sein werden, wenn die ersten Flüchtlinge zu uns kommen. Natürlich bin ich dann dabei.

Sie warnen seit Jahren vor Wladimir Putin als Despot und Kriegsherr. Sehen Sie sich heute bestätigt?

Kläuser: Nein. Ich bin traurig, dass meine pessimistischen Annahmen noch übertroffen wurden. Ich bin Wladimir Putin bestimmt zehn Mal begegnet, auch Bill Clinton und George Bush. Wenn Clinton und auch Bush den Saal betraten, knisterte die Luft. Wenn Putin den Saal betrat, wurde es eiskalt. Das war wirklich so. Da war Furcht spürbar. Ich hatte allerdings nie erwartet, dass er so weit gehen würde, wie er jetzt gegangen ist.

Was treibt ihn an?

Kläuser: Ich denke, es ist eine Mischung aus Minderwertigkeitsgefühl und Größenwahn. Er kommt aus kleinsten Verhältnissen, hat dann im Spionagedienst Karriere gemacht und das Ende der Sowjetunion nie verwunden. Er will Russland zur Größe der ehemaligen Sowjetunion verhelfen und ist dazu bereit, über Leichen zu gehen.

Hat der Westen Fehler gemacht?

Kläuser: Ja. Ich glaube, wenn der Westen der Ukraine bereits 2004 eine Perspektive zur Mitgliedschaft in der EU eröffnet hätte, dann hätten wir heute keinen Krieg.

War es ein Fehler der Nato, näher an die russische Grenze heranzurücken?

Kläuser: Nein. Polen, Ungarn, Bulgarien und auch die baltischen Staaten haben darauf gedrängt, in der Nato aufgenommen zu werden. Russland musste sich zudem nie von der Nato bedroht fühlen. Ich halte die Nato nicht für aggressiv.

Hat Putin sich mit seinem Angriff auf die Ukraine verzettelt?

Kläuser: Ja. Er hat damit gerechnet, dass seine Armee schneller zum Sieg kommt. Das heißt, er hat nicht mit einem solch starken Widerstandswillen der Ukrainer gerechnet. Und er hat nicht damit gerechnet, dass der Rest der Welt gegen ihn zusammensteht. Nun steht er vor der schwierigen Aufgabe, sein Gesicht zu wahren.

Wie geht der Krieg aus?

Kläuser: Ich weiß es nicht. Ich hoffe auf die stille Diplomatie aus Peking. Die Chinesen können kein Interesse haben an einem Flächenbrand in Europa.

Zu dem sich der Krieg hoffentlich nicht entwickelt. Wie gefährlich ist die Lage für Deutschland und den Westen?

Kläuser: Ich hoffe, dass die baltischen Staaten nicht in den Krieg hineingezogen werden, denn das würde Krieg mit der Nato bedeuten. Ich finde es gut, dass Deutschland und Europa reagiert haben, wie sie reagiert haben. Ich habe mich in diesen Tagen aber auch beim Beten erwischt.

Können die Russen Putin selbst stoppen?

Kläuser: Ich bin skeptisch. Es gibt mir Hoffnung, dass sich mittlerweile immer mehr Menschen mit Einfluss gegen ihn wenden: Politiker, Künstler, Journalisten. Und die Oligarchen. Das sind Leute, die fliegen jedes Wochenende nach St. Tropez oder Nizza, um auf ihre sündhaft teuren Jachten zu steigen, und die ihre Töchter auf Schweizer Internate schicken. Sie werden von den Sanktionen des Westens unmittelbar getroffen.

Auch viele junge Russen orientieren sich am westlichen Lebensstil.

Kläuser: Ja, natürlich. Die wollen einen Golf fahren oder Renault. Die wollen im Westen Urlaub machen und in ihren Datschen Fenster von Velux verbauen. Die haben kein Interesse an einem Krieg, der nur Leid über die Menschen bringt und ihnen die Zukunft verbaut. Aber jetzt ist Russland isoliert in der Welt, seine Reputation vom eigenen Präsidenten zunichtegemacht.

Was bedeutet das für das große Land?

Kläuser: Es ist eine Tragödie. Russen und Ukrainer sind wunderbare Menschen. So herzlich, so gastfreundlich. Dazu kulturell interessiert. Wer liest in Deutschland Goethe? Die lesen Puschkin und Tolstoi. Die Konzertsäle, davon gibt es bestimmt 20 in Moskau, sind an jedem Abend brechend voll. Diese Menschen werden um ihre Zukunft gebracht. Von einem Präsidenten, dem ganz offensichtlich alle Sicherungen durchgebrannt sind.

Zur Person

Horst Kläuser (66) arbeitete von 2002 bis 2016 als Radiokorrespondent für die ARD in Moskau, Kiew und Minsk. Zuvor war er als USA-Korrespondent in Washington. Seine ersten Gehversuche im Journalismus machte der gebürtige Remscheider beim Remscheider General-Anzeiger.

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