Zweiter Teil des Interviews

Denkmalschutz: „Das Bewusstsein für alte Häuser hat sich verändert“

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Das Kramerhaus soll zum Gewinn für die Innenstadt werden. 

Burscheid. Amtsleiterin Heike Wunderlich spricht über Ziele und Aufgaben des Denkmalschutzes.

Das Gespräch führte Nadja Lehmann

Hat sich das Bewusstsein für gewachsene Strukturen, für alte Häuser in den Jahren verändert? Weiß man dieses Alte inzwischen eher zu schätzen? Wäre so etwas wie die „verschwundenen Häuser“, denen sich der Bergische Geschichtsverein in seiner Publikation gewidmet hat, heutzutage noch denkbar?

Denkmalpflege gehört in ihr Aufgabenpaket: Amtsleiterin Heike Wunderlich.

Heike Wunderlich: Unser Eindruck ist, dass sich das Bewusstsein für alte Gebäude verändert hat und man das Alte eher zu schätzen weiß. Umfangreiche Abrisse ganzer Gebäudeensembles und alter Bausubstanz zugunsten des Autoverkehrs etc. waren in ganz Deutschland leider für die Stadtplanung der 60er Jahre typisch. Seit den 70er Jahren gibt es einen Wandel, was sich allein schon am Denkmalschutzgesetz feststellen lässt. Dieses stammt aus dem Jahr 1980. Die meisten der Burscheider Denkmäler wurden auch zu Beginn der 80er Jahre in die Denkmalliste eingetragen. Heute wären also umfangreichere Abrissmaßnahmen alter Bausubstanz eher undenkbar. Der Ortskern ist durch den Denkmalbereich geschützt.

Auch die Zielsetzung des Integrierten Entwicklungs- und Handlungskonzepts (IEHK) ist richtungsweisend. Die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt soll steigen, Parkplätze wurden hierfür bereits reduziert. Ein wichtiges Instrument zur Aufwertung des historischen Erscheinungsbildes der Innenstadt ist das Fassadenprogramm. Natürlich lässt sich trotzdem nicht jeder Abriss verhindern, da es in vielen Fällen keine rechtliche Handhabe gibt und die Entscheidungen beim jeweiligen Eigentümer liegen. Der Eigentümer muss sich mit der Wirtschaftlichkeit, energetischer Sanierung und Brandschutz auseinandersetzen. All dies sind wichtige Faktoren bei der Entscheidung, was mit einem alten Gebäude passiert.

Viele Eigentümer schrecken vor einer Unter-Schutz-Stellung eher zurück. Warum und wie nehmen Sie solche Ängste wahr? Welche Fördermöglichkeiten gibt es?

Wunderlich: Wenn ein Gebäude unter Denkmalschutz steht, wissen viele (neue) Eigentümer nicht, was das genau für sie bedeutet und welche Vorgaben es dafür gibt. Die Eigentümer haben die Pflicht, das Gebäude nach denkmalpflegerischen Gesichtspunkten zu erhalten. Die Erhaltung eines Denkmals führt oft zu Mehrkosten, da konventionelle Lösungen „von der Stange“ oft nicht für ein Denkmal geeignet sind. Außerdem müssen alle Maßnahmen – sowohl außen als auch innen – mit der Unteren Denkmalbehörde abgestimmt werden. Die Abstimmung erfordert mitunter auch etwas Zeit. Nach der Abstimmung werden Auflagen gemacht, unter welchen Bedingungen eine geplante Maßnahme durchgeführt werden kann.

Das schreckt viele potenzielle Eigentümer ab. Wir raten den Eigentümern immer dazu, sich frühzeitig, das heißt, vor Beginn einer Maßnahme bei uns zu melden. So kann alles von Beginn an abgestimmt werden, noch bevor Kosten anfallen. Bei umfassenderen Maßnahmen, bei denen Architekten hinzugezogen werden, ist es immer ratsam, Architekten mit „Denkmal-Erfahrung“ zu wählen. Auch wenn die Abstimmungen oft zeitintensiv sind, versuchen wir als Untere Denkmalbehörde immer, so kurze Wege wie möglich zu gehen und die Abstimmung so kurz wie möglich zu halten. Förderungen gibt es durch Steuererleichterungen für angefallene Mehrkosten. Weitere Fördermöglichkeiten gibt es durch die Bezirksregierung Köln, der Ansprechpartner für das sogenannte Denkmalförderungsprogramm des Landes ist. Dabei handelt es sich um direkte Zuschüsse zur Sanierung. Speziell in der Burscheider Innenstadt gibt es für Arbeiten an der Fassade ggf. die Möglichkeit der Förderung durch das Fassadenprogramm. Eine Förderung setzt immer voraus, dass die Maßnahmen denkmalrechtlich durch eine Erlaubnis abgedeckt sind.

Die Sanierung des ehemaligen Kramerhauses wird ein Gewinn für das Erscheinungsbild der Innenstadt sein.

Heike Wunderlich

Nun gibt es ja viele schöne Häuser, die nicht unter Schutz stehen. Ich denke da an die weiße Villa nahe dem Luchtenbergischen Autohaus an der Altenberger Straße, die kürzlich abgerissen wurde. Ist das nicht ein Verlust für die Stadt? Wie geht man als Stadt/Behörde mit solchen Fällen um?

Die weiße Villa an der Altenberger Straße gibt es nicht mehr.

Wunderlich: Der Verlust von Gebäuden, die nicht unter Denkmalschutz stehen, aber dennoch optisch typisch für die Stadt sind, ist natürlich bedauerlich. Wenn es sich jedoch nicht um ein Baudenkmal handelt, hat die Stadt rechtlich keine Handhabe, einem Eigentümer den Abriss zu untersagen. Die Entscheidung liegt beim jeweiligen Eigentümer selbst. Hier spielen wirtschaftliche Interessen eine große Rolle. Wenn Bürgeranfragen bei der Stadt als Untere Denkmalbehörde zur Prüfung der Schutzwürdigkeit von Gebäuden eingehen, lassen wir die Schutzwürdigkeit vom LVR überprüfen. Dies ist auch bei der Villa in der Altenberger Straße 7 geschehen. Bei diesem Gebäude wurden jedoch zahlreiche substanzielle Veränderungen festgestellt. Die Voraussetzungen für eine Denkmaleigenschaft waren daher nicht gegeben.

Bei welchen Häusern freuen Sie persönlich sich besonders, dass sie noch immer da sind? Um welche Häuser sorgen Sie sich?

Noch ist das Kramerhaus eine große Baustelle. 

Wunderlich: Ein bestimmtes Gebäude kann ich hier nicht nennen. Burscheid verfügt aber beispielsweise über eine große Mühlenlandschaft, die ein wichtiges Zeugnis für die Geschichte und frühere Arbeits- und Lebensverhältnisse darstellen. Besonders in der Lambertsmühle wird dies besonders eindrucksvoll für die Öffentlichkeit durch den Förderverein veranschaulicht. Darüber hinaus freuen wir uns über den Erwerb und die Sanierung des ehemaligen Kramerhauses gegenüber dem Marktplatz. Die Sanierung wird ein Gewinn für das zukünftige Erscheinungsbild der Innenstadt sein.

Erfreulich ist auch die Entwicklung des Gebäudes Weiherstraße 5. Es handelt sich hierbei um ein Fachwerkgebäude, welches bei der Neuordnung der Stadt (Bau der Umgehungsstraße) verschont geblieben ist. Das Gebäude war in einem desolaten Zustand, konnte aber letztlich durch den Verkauf, die Zuführung einer neuen Nutzung (Entwicklung eines Gemeindezentrums) und großer Motivation der neuen Eigentümer vor dem Verfall gerettet werden. Sorge bereiten uns alle Denkmäler, bei denen wir merken, dass die Eigentümer ihrer Erhaltungspflicht nicht in dem Maße nachkommen können, wie es für das Gebäude eigentlich erforderlich wäre.

Wie beurteilen Sie das neue Denkmalschutzgesetz?

Wunderlich: Das neue Denkmalschutzgesetz soll ab Juni 2022 in Kraft treten. Bis dahin bildet immer noch das Denkmalschutzgesetz NRW von 1980 die rechtliche Grundlage. Es gibt bereits mehrere Gesetzesentwürfe, die inzwischen vorliegen. Erfreulicherweise wird darin vorgesehen, dass die Zuständigkeit für die Denkmäler bei der Unteren Denkmalbehörde (Stadt Burscheid) bleibt und ist somit Ansprechpartner für die Denkmaleigentümer. Zu Beginn der Novellierung wurde über eine Bündelung der Zuständigkeiten bei den Oberen Denkmalbehörden (Rheinisch-Bergischer Kreis) nachgedacht. Dies wäre in der Praxis sicherlich schwierig geworden, da auf der höheren Ebene die Ortskenntnis und der persönliche Kontakt gefehlt hätten.

Hintergrund

Heike Wunderlich arbeitet seit 2008 in der Burscheider Stadtverwaltung und hat dort 2019 die Leitung des Stabs Stadtentwicklung, Umwelt und Liegenschaften übernommen. Damit gehören auch Denkmalschutz und Denkmalpflege zu ihrem Aufgabenbereich im Rathaus.

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