Kunst

Corona hinterlässt Spuren in Seele und Werk

In Burscheid zeigte Ellen Loh-Bachmann die „Hallos“, die aus Telefonbüchern aus aller Welt bestehen: Nun wirken sie wie ein Sinnbild der Corona-Erschöpfung. Archivfotos: Nadja Lehmann
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In Burscheid zeigte Ellen Loh-Bachmann die „Hallos“, die aus Telefonbüchern aus aller Welt bestehen: Nun wirken sie wie ein Sinnbild der Corona-Erschöpfung.
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Vor dem Lockdown hatte Ellen Loh-Bachmann in Burscheid ausgestellt – Nun dominiert im Atelier der Weitgereisten die Stille.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Dass sie eine Weltbürgerin ist, lässt sich über Ellen Loh-Bachmann („Eloba“) ohne Übertreibung sagen. Die gebürtige Gießenerin ist nach ihrem Studium nach Peru ausgewandert, hat später in Mexiko gelebt: 20 Jahre Internationalität, die die Künstlerin in ihren Werken nicht verleugnet. Auch und gerade wenn sie ihren Blick auf Europa richtet, dem sie vertraut und fremd zugleich gegenübertritt. Immer wieder ist sie mit dem Auto aufgebrochen, ist gereist, hat sich von dem alten Kontinent inspirieren und anrühren lassen. „Nur Griechenland fehlte noch. Dafür wollte ich mir extra Zeit nehmen“, erzählt sie.

Griechenland wird warten müssen. Corona hat alles verändert. Die Weltbürgerin harrt in ihrem Zuhause in Leverkusen aus. Ihre Ausstellung „Panta rhei“ war die letzte im Kulturbadehaus Burscheid vor dem Lockdown – und musste vorzeitig geschlossen worden. Ein Stillstand, der Spuren hinterlassen hat. „Seelisch geht es mir schlecht“, bekennt Ellen Loh-Bachmann. „Ich glaube nicht, dass es eine schnelle Normalität geben wird.“

„Es herrscht eine seltsame Ruhe.“
Ellen Loh-Bachmann

Wobei sie dieser durchaus skeptisch gegenübersteht. Ein „Weiter so!“ sei nicht ihr Wunsch: „Ich habe gehofft, dass wir alle nachdenken. Dass wir die Pandemie als Chance begreifen, nachzudenken, was wir gemacht haben und wie es weitergehen soll.“ In einem anderen Umgang untereinander beispielsweise. Loh-Bachmann blickt dafür nach Asien. „Dort gibt es eine natürliche Distanz, aber dennoch Herzlichkeit“, sagt Loh-Bachmann, für die die aneinandergelegten Handflächen beim Grüßen Symbol des gelebten Respekts voreinander sind. Umgangsformen, die sie sich für Deutschland wünscht. „Stattdessen geht es genauso weiter wie bisher. Priorität hat, dass die Wirtschaft wieder in Gang kommt.“ Sie vermisse einen Diskurs darüber – auch mit ihren Kollegen. „Seltsam, früher hatte man nie Zeit für ein Gespräch, weil immer etwas zu tun war. Jetzt wäre Zeit, und ich telefoniere lediglich mit ein paar wenigen Kollegen. Es ist sehr schweigsam geworden. Eine seltsame Ruhe.“

Ellen Loh-Bachmann war Anfang 2020 im Kulturbadehaus.

Und auch sie selbst könne dem künstlerischen und intellektuellen Stillstand nur schwer entrinnen, sagt Loh-Bachmann ehrlich. „Zu Beginn des Lockdowns war ich wie gelähmt.“ Es fiel ihr schwer, ins Atelier zu gehen und zu arbeiten. Zumal sie auch ihre kleine Schule schließen musste, in der ihre Schüler bis dahin ein und aus gingen: Die Jüngste 16, die Älteste über 80. „Wenn ich etwas korrigiere, trete ich dicht heran, um zu sehen und zu zeigen. Das ist nun viel zu gefährlich“, sagt Loh-Bachmann.

Doch auch wenn sie Austausch und Reisefreiheit vermisse und sie „ein bisschen durchhänge“, ginge es ihr doch besser als vielen Kollegen: „Ich bin finanziell nicht so schlecht gestellt.“ Die staatlichen Hilfen seien gewiss gut gemeint, aber doch nur „ein Tropfen auf den heißen Stein“: „Für viele Kollegen ist das ja überhaupt nicht ausreichend. Da sind Existenzen weggebrochen.“

Für sie persönlich schmerzt es sie, dass es vor dem Lockdown „sehr schön“ gelaufen sei, sie sich einen Namen gemacht und schöne Ausstellungen hätte realisieren können – eben wie in Burscheid.

Seelischen Auftrieb verschaffte ihr eine unprätentiöse Hilfe durch Land und Bund, die 15 000 Stipendien vergaben und einen klaren Arbeitsauftrag formulierten: ein Projekt voranzutreiben und digital zu verbreiten. Als Stück Hoffnung hat Ellen Loh-Bachmann das empfunden, als wichtigen Impuls: „Ich habe mich glücklich geschätzt, dass ich dabei bin.“

Ihre Arbeiten haben sich verändert, Corona spiegelt sich in ihnen wieder. „Die letzten Zeichnungen sind nicht so lustig“, sagt Ellen Loh-Bachmann. Viele Masken tauchen jetzt in ihrem Werk auf, Gitter und Zäune als Symbol der Einschränkung: „Ich fühle mich eingeengt.“ Und doch hilft ihr ihr Weltbürgertum, sich dann selbst wieder zur Räson zu rufen. „Wir haben in Deutschland die Chance, die Erkrankten zu behandeln. Es gibt Ärzte und Kliniken. Aber in Peru gibt es nichts. Da sterben die Leute einfach.“ Corona als Menetekel, als Strafe? „Ich habe Fantasie genug, mir das vorstellen zu können“, sagt Ellen Loh-Bachmann. „Wir haben die Erde ausgenutzt, wollten immer das Schneller, Höher, Weiter. Möglicherweise haben wir jetzt die Rechnung gekriegt.“

Hintergrund

Malerei, Schriftbilder und Objekte nennt Ellen Loh-Bachmann ihre Arbeitsschwerpunkte. Sie gehört der AG Leverkusener Künstler an. Im März hatte sie mit der Ausstellung „Panta rhei“ Vernissage in Burscheid. Der Kulturverein musste im Lockdown jedoch das Badehaus schließen.

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