Hauptversammlung

Corona hat die Dschungel-Klinik erreicht

Sie gehört zum Team im peruanischen Urwald: Ärztin Celina Albanus. Fotos: Indianerhilfe/Rappert
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Sie gehört zum Team im peruanischen Urwald: Ärztin Celina Albanus.

Der Freundeskreis Indianerhilfe informierte auf der Hauptversammlung über seine Arbeit in Peru.

Von Ursula Hellmann

Burscheid. Zur ersten Digital-Jahresversammlung hatte der Freundeskreis Indianerhilfe e.V. am Samstagnachmittag in die Räume des „Tri-Café“ eingeladen. Zu den 16 live Anwesenden kamen also noch acht Teilnehmer hinzu, die per Stream-Chat zugeschaltet waren.

Dr. Bernhard Rappert baute seinen Bericht als 1. Vorsitzender auf eine eindrückliche Foto-Dokumentation auf. Die Corona-Pandemie hat den Alltag auch am Rio Chambira erreicht. Obwohl die Klinik weitab von jeglicher Massenbevölkerung mitten im üppigen Regenwald Perus liegt, ist für die Ärzte, Pfleger und sonstiges Personal jeder Tag eine Herausforderung. Ein drastisches Beispiel nannte Dr. Rappert: „Die Beschäftigten unserer Häuser sind gezwungen, sich ihre monatliche Gehaltssumme persönlich in der Bezirkshauptstadt Iquitos abzuholen. Die dortige Bevölkerung ist zu 70 Prozent Corona-positiv. So kamen einige der Klinikangestellten nach einer Hin- und Rückreise von vier Tagen ebenfalls infiziert zurück, darunter auch Ärzte.“ In dieser Situation gab es zumindest eine Erleichterung. Von höchster staatlicher Stelle wurde endlich – nach monatelanger Sperre – das dringend benötigte CPAP-Gerät (ein Respirator, der O2 aus der normalen Luft zu konzentrieren vermag) vom Zoll im Lima freigegeben.

Die Angehörigen des indigenen Volks Urarina schätzen die Arbeit des deutschen Hilfsvereins seit 1960. Von den einmal vier Projekten hat sich die Clinica Tucanré in Chambira seit 20 Jahren als effektivste Station erwiesen. Auch neue Initiativen geben dort neue Impulse. So ist zum Beispiel die Testproduktion von Ziegelsteinen aus dem gepressten Naturmaterial Muschelkalk ein vielversprechendes, kostensparendes Detail. Die nahe Lagune mit ihrem Fischreichtum trägt einen guten Teil zu Ernährungsvielfalt bei.

Da die Sprache der Urarinas keine kompletten Schriftzeichen kennt, ist in der Verständigung zwischen Patienten und Helfern Fantasie und Einfühlungsvermögen gefragt. Bilder helfen über viele Hürden hinweg. Ein kleines Gerüst einheimischer Worte eigneten sich auch die jungen Ärztinnen Louise Rech und Sarah Schwanneck in kurzer Zeit an. Besonders in der Behandlung von Kindern und ihren jungen Müttern kommen Sätze wie diese oft zum Tragen: „Dschaha kicha laudi casicui cudu!“ (Komm bitte, Kind! Nimm das Wurmmittel!“) Oder sehr kurz: „Kina toa sidi?“ (Tut der Bauch weh?)

„Was fehlt, sind ausgebildete Hebammen.“

Dr. Louise Rech, Ärztin

Dr. Louise Rech war von Januar 2011 bis Mai 2013 in der Klinik am Chambira. Als Allgemein-Ärztin interessiert sie sich besonders für Entwicklungshilfe-Projekte und entschloss sich, in Peru zu arbeiten. „Was hauptsächlich fehlt, sind ausgebildete, einheimische Hebammen. Die wenigen Dorfhelferinnen, die Mischuelas sind kein Ausweg.“ Ein großer Vorteil für Louise Rech: Sie konnte gemeinsam mit ihrem Ehemann ihre Aufgaben wahrnehmen. Heute gehört sie zum Vorstand der Indianerhilfe und setzt sich verstärkt in der Öffentlichkeitsarbeit ein.

Eines der peruanischen Kinder – mit seinem Haustier.

Dr. Sarah Schwanneck entdeckte in einem Ärzteblatt den Aufruf, in Peru mitzuwirken, und gehörte von April 2018 bis September 2019 zum Team. Ihr liegt es besonders am Herzen, dass die Verteilung von Vermögen, Kosten und Ressourcen auf gerechtere Art geschieht. Auch die Erhaltung ursprünglicher Volksstämme, besonders durch medizinische und bildungsmäßige Hilfe, ist ihr wichtig. Ein Schwerpunkt der Klinikpraxis liegt darum bei der großen Zahl der minderjährigen Mütter und hat es mit einer hohen Kindersterblichkeit von 35 Prozent zu tun.

Dr. Rappert: „Besonderer Mut ist gefordert im Notfall. Da war sogar ein komplizierter Kaiserschnitt fällig unter hygienischen Bedingungen, die jeden europäischen Arzt schaudern lassen – aber Mutter und Kind sind wohlauf.“

Als Kennerin des Burscheider Vereins äußerte sich auch Sabine Fink aus Gießen. Gemeinsam mit Ehemann Werner Fleck stand sie viele Jahre im peruanischen Gebiet Pichi einem anderen Volksstamm zur Seite. Ihre Erfahrung: „Die Lebensweise dieser Naturvölker mit ihren Traditionen und Ängsten lassen sich nur durch verantwortungsvolle, erfolgreiche Hilfe behutsam ins rechte Licht rücken.“

Kontinuierliche Hilfe ist auch in diesem Freundeskreis eng mit finanziellen Dingen verbunden. In seinem kurz gefassten Kassenbericht stellte Kassenwart Albrecht Trautmann die Zahlen der beiden Vorjahre in Relation zu 2019. Er betonte, dass eine handlungsfähige Grundlage für die Vereinszwecke ohne die Mittel aus Erb-Schenkungen und aus zusätzlichen Spenden kaum gegeben wäre.

Eine vielversprechende Zusatzmöglichkeit könnte die Unterstützung durch das Bundesministerium für Entwicklung sein. Die avisierte Summe von rund 120 000 Euro für 2020/2021 ist allerdings mit einem Eigenanteil von 25 Prozent verbunden. Dass der Freundeskreis sich bewusst bemüht, alle Unkosten im erträglichen Rahmen zu halten, brachte auch Kassenprüfer Joachim Baden zum Ausdruck. „Unsere engagierten ehrenamtlichen Helfer auf allen Gebieten tragen dazu bei, die Aufwendungen so niedrig wie möglich zu halten.“

Um den Stand der Dinge in dem fast Zehntausend Kilometer entfernten Klinik-Projekt im Auge zu behalten, waren einige Vorstandsmitglieder normalerweise ein bis zwei Mal im Jahr persönlich vor Ort. Dies ist im Moment nicht ohne Weiteres möglich. Technik und herzliches Interesse überbrücken aber auch Erdteilgrenzen.

Dass für die Küche am Chambira mit all ihren Erfordernissen seit Kurzem ein geschulter Koch zuständig ist, wurde zufrieden registriert. Zusätzlich war die Reparatur des vielseitig verwendbaren Schnellbootes eine erfreuliche Meldung. Der 90-minütige, informative Vortrag Dr. Rapperts führte noch zu lebhaften Fragen aus dem Zuhörerkreis und zu angeregten Gesprächen in allen Räumen des Tri-Cafés.

Freundeskreis Indianerhilfe

Der Freundeskreis Indianerhilfe e.V. wurde 1958 gegründet und ist seit 1960 aktiv im Urwald Perus am Nebenfluss des Amazonas tätig, außerdem seit 1988 im Hochland von Bolivien. Die Ziele des Vereins sind Hilfe zur Selbsthilfe durch praktische und bildungstechnische Maßnahmen. 2010 eröffnete der Kindergarten für die Urarina-Kinder. Der Haushalt ist wieder ausgeglichen, das Defizit aus 2019 wurde durch Reserven aufgefangen. Momentanes Problem am Chambira: Extremer Wassertiefstand. Aus dem Zuhörerkreis kam der Vorschlag, die Öffentlichkeitsarbeit zu verstärken und sich noch stärker zu präsentieren, um weitere Interessierte und Unterstützer für die Vereinsziele zu gewinnen. Anfang 2021 ist ein Besuch in Peru avisiert.

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