Modellkommune

Caplan will für die Stadt Perspektiven schaffen

Erst einen Test machen, dann Tagesticket kriegen und schlemmen und shoppen: So macht es Tübingen. Bei steigenden Zahlen gilt das nicht mehr für Auswärtige. Foto: Tom Weller/dpa
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Erst einen Test machen, dann Tagesticket kriegen und schlemmen und shoppen: So macht es Tübingen. Bei steigenden Zahlen gilt das nicht mehr für Auswärtige.

Bewerbung zur Modellkommune nach dem Vorbild des Vorreiters Tübingen.

Von Nadja Lehmann

Burscheid. Dass es mal richtige Schlagzeilen macht und ganz Deutschland in Richtung Süden guckt, hätte sich das malerische Universitätsstädtchen am Neckar nicht träumen lassen: Alle wollen das neue Tübingen sein. Geistesgrößen sind dort seit jeher zu Hause. Hölderlin lebte dort in seiner Turmkemenate am Neckar; Walter Jens, Schriftsteller, Altphilologe und Kritiker der Gruppe 47, bezog dort die allererste Professur für Rhetorik. Aber Rebellen?

Man muss diese Frage wohl mit „Ja“ beantworten, seitdem der Grünen-Politiker Boris Palmer dort Oberbürgermeister ist. Eine Geisteshaltung, die Palmer in den Genen steckt: Schon Vater Helmut war in den Siebzigern im Hauptberuf Obstbaumkundler und im Nebenberuf streitbarer „Remstal-Rebell“, der bei zahlreichen baden-württembergischen Bürgermeister-, Landtags- und Bundeswahlen als Einzelkandidat antrat. Sohn Boris machte nun Tübingen schlagartig bekannt, indem er die Stadt für Menschen mit negativem Test öffnete und eine neue, alte Normalität erlaubte: Besuche von Restaurants, Theatern und Kinos sind möglich. Kein Wunder also, dass alle neidisch aufs Neckarstädtchen gucken.

Kein Wunder aber auch, dass dies Armin Laschet in Fahrt brachte. Denn Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident und frisch gebackener CDU-Chef steht mit seinen Ambitionen aufs Kanzleramt unter Zugzwang: Bekanntlich genießt es sein bayrischer Kollege Markus Söder sehr, ebenfalls als Kandidat gehandelt zu werden – mit weitaus besseren Umfragewerten. Und so griff Laschet in einer Rede im Landtag flugs die Tübinger Idee auf und sprach von NRW-Modellkommunen, die diesen Weg ebenfalls beschreiten könnten.

Das wiederum hörte Bürgermeister Stefan Caplan. Er brachte Burscheid ins Spiel und wandte sich an den Misterpräsidenten, ebenso wie seine Wermelskirchener Kollegin Marion Lück (wir berichteten). „Ich wollte umgehend unser Interesse bekunden“, sagt Stefan Caplan. Mehr Infos als die Rede Laschets gibt es bislang indes noch nicht: „Das Land selbst hat noch nichts bekundet. Nicht, ob einzelne Kommunen teilnehmen könnten, ob kreisfreie Städte, ob nur Regionen oder Kreise“, sagt Caplan. „Wir kennen noch überhaupt keine Regeln und Vorgaben.“ Deshalb sei er sehr gespannt, was das Land „daraus macht“: „Und ob aus dieser Rede ein ministeriales Handeln entsteht.“

Er wolle da, wo es vertretbar sei, ein Zeichen setzen, sagt der Bürgermeister. Auch in Richtung der heimischen Unternehmen, denen die Pandemie zusetzt: „Wir wollen alles tun, um mit dem Infektionsgeschehen umzugehen.“ Der Gastronomie sei schon geholfen, könnten ihre Außenbereiche besucht werden; gleiche gelte für die Kultur mit denkbaren Open-air-Veranstaltungen. „Es muss aber natürlich alles im Kontext zum Infektionsgeschehen gesehen werden“, betont Caplan, der keineswegs blauäugig alle Türen aufreißen will. Im Gegenteil pocht er darauf, genau auf die Zahlen zu schauen: „Durch ganz vieles Testen bekommen wir konkreteres Zahlenmaterial.“ Bei einer Inzidenz von 100 bis 150 sei einiges möglich: „Liegt man bei 500, ist jeder Kontakt einer zu viel.“

Man muss immer wieder neu bewerten.

Bürgermeister Stefan Caplan
Möchte für Burscheid gern alle Chancen wahren: Bürgermeister Stefan Caplan. (Archivfoto)

Bereits jetzt sei Burscheid beim Thema Schnelltests gut aufgestellt, findet Caplan: Möglich sind sie in allen drei Apotheken, bei den Ärzten (beispielsweise im Hausarztzentrum Hilgen am Raiffeisenplatz) sowie im Gut Landscheid.

Zweimal pro Woche könne man sich testen lassen, die Zahlen seien aber weitaus geringer, sagt Caplan: „Wir müssen einen Anreiz schaffen, sich testen zu lassen.“ Das könnte dann nach einem Negativbescheid der Besuch in der Gastronomie sein. Oder einer kulturellen Veranstaltung.

Burscheid selbst ermittelt keine Inzidenzwerte, weil dafür 100 000 Einwohner Voraussetzung sind. Durchaus sinnvoll, wie Caplan findet: „Zwei Fälle würden uns gewissermaßen um die Ohren fliegen, weil wir im Verhältnis so klein sind.“ Deshalb sind die Zahlen auf Kreisebene das tonangebende Maß. „Ich persönlich glaube nicht, dass einzelne Städte Modellkommune werden“, bleibt Caplan Realist. Gleichwohl habe er lieber handeln wollen als einer verpassten Chance hinterherzutrauern. „Ich halte mich im Übrigen aber an die Worte von Angela Merkel“, sagt er: „Man kann eine Woche nicht mit der anderen vergleichen; man muss immer wieder neu bewerten.“ Doch gerade für die kleinen Burscheider Läden sei beispielsweise schon viel gewonnen, wenn ein Kunde nach dem anderen eintreten dürfte.

„Alle brauchen eine Perspektive“, sagt Caplan. Auch die Burscheider, auf die der Bürgermeister weiterhin baut. Als „sorgenvoll und sorgsam“ erlebe er sie, beschreibt er.

Allzu sorglos geht es in Tübingen aber nicht mehr zu: Die Sieben-Tage-Inzidenz hat sich seit Mitte März fast vervierfacht – auf 78,7 (Stand Dienstag). Im Bundesvergleich sei das „immer noch günstig“, sagte Boris Palmer gegenüber dem Südwestrundfunk. Aber: Für Auswärtige gibt es seit gestern kein Tagesticket mehr.

Hintergrund

Das Bergische Städtedreieck hat seine Interessensbekundung gestern kurzfristig zurückgezogen. Der Grund: eine 34-stündige Fristsetzung vonseiten des NRW-Wirtschaftsministeriums zur Bearbeitung einer „lapidar übersandten“ Liste mit „Auswahl-/Abbruchkriterien“, so die (Ober)-Bürgermeister von Wuppertal, Solingen und Remscheid.

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