Bundestagswahl 2021

Burscheids Politiker blicken nach Berlin

Wünscht sich, dass liberale Forderungen und Ziele in einer möglichen Koalition Gehör finden: Joachim Wirths sitzt für die FDP im Stadtrat. Foto: Wirths
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Wünscht sich, dass liberale Forderungen und Ziele in einer möglichen Koalition Gehör finden: Joachim Wirths sitzt für die FDP im Stadtrat.

Unterschiedliche Stimmungslage nach der Bundestagswahl.

Von Nadja Lehmann

Burscheid hat geradezu modellhaft gewählt und spiegelt im Kleinen das Große wider: die SPD bei den Zweitstimmen hauchdünn vorn, die Grünen bei knapp 15 Prozent. Lediglich die FDP ist nicht, wie im Bund, gleichauf mit der AfD, sondern mit rund 14 Prozent deutlich stärker als die AfD mit rund acht Prozent. Möglicherweise ein Christian-Lindner-Effekt, der ja bekanntermaßen aus der Nachbarstadt Wermelskirchen stammt. „In einem Wahllokal hier hat er mehr Erststimmen als die FDP Zweitstimmen“, bestätigt auch Joachim Wirths, FDP-Ratsherr in Burscheid.

Die Stimmungslage unter Burscheids Politikern? Ganz unterschiedlich.

Stefan Caplan, CDU-Mitglied, vor allem aber in erster Linie Bürgermeister, bleibt sich da selbst treu. „Ich bin eher an der Kommunalpolitik interessiert“, bekennt er offen. Berlin sei da doch weit weg: „Das geht mir nicht ganz so zu Herzen.“ Auch nicht der dramatische Einbruch der CDU, die ihr schlechtestes Ergebnis überhaupt einfuhr. „Das hat sich schon länger abgezeichnet. Überrascht bin ich nicht.“

Stefan Caplan bewahrt in Richtung Berlin einen kühlen Kopf – und freut sich über einen Wahltag, der in Burscheid reibungslos ablief. Archivfoto: Stadt Burscheid

Ob er als Kanzlerkandidaten statt Armin Laschet Markus Söder favorisiert habe, mag er nicht verraten, wird aber doch deutlich, was die Kampfkandidatur der beiden und ihren weiteren Umgang miteinander angeht. „Die Art und Weise hat mir missfallen. Man muss voll und ganz hinter einer Person stehen, die kandidiert. Das habe ich vermisst, und das hat die SPD vorgemacht: Sie hat Geschlossenheit demonstriert.“

„Vielleicht probiert es Herr Lindner ja mal mit einer Ampel.“

Klaus Becker, SPD

Überrascht habe ihn hingegen, dass es für die Grünen nicht mehr als 15 Prozent gegeben habe: „Zumal vor dem Hintergrund der Flutkatastrophe.“ Für Caplan sind es Themen, die weit vorn positioniert gehören. Für Burscheid sei es ein guter Wahltag gewesen: „Alles ist reibungslos und glatt gelaufen. Ich bedanke mich bei allen ehrenamtlichen Wahlhelfern. Alle sind gekommen – anders als in Berlin!“

Ist happy über das Ergebnis der Bundes-SPD: Burscheids Fraktionsvorsitzender Klaus Becker. Archivfoto: Nadja Lehmann

Klaus Becker feiert mit Genossen und „Kind und Kegel“ im Fraktionszimmer der SPD. „Im Fernsehen spricht gerade unser nächster Kanzler“, sagt Burscheids Fraktionschef übermütig. Und wie SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil sagt auch er: „Die SPD ist zurück. Die roten Balken gehen nach oben.“ Einen großen Anteil daran weist er Olaf Scholz zu: „Er hat souverän agiert.“

Viele Themen seien auf Bundesebene nicht vorangetrieben worden, kritisiert Becker, nennt Sozialen Wohnungsbau („Auch ein Thema für Burscheid!“), die Besteuerung von Reichen, Klimagebote auch für Unternehmen: „Klimaschutz geht uns alle an. Das muss jeder Politiker begreifen.“ Auf Koalitionspartner sei die SPD indes angewiesen; Beckers Präferenz ist klar: „Rot-Grün, das ist die Zukunft, und die suchen sich dann noch einen Dritten. Vielleicht probiert es Herr Lindner ja mal mit einer Ampel, wenn es schon mit Jamaika nichts wurde.“

Lindner habe damals alles richtig gemacht, sagt Joachim Wirths von der FDP. „Wir sind kein Mehrheitsbeschaffer für jemanden, der dann nichts vorwärtsbringt.“ Wirths plädiert fürs Arbeiten, fürs Anpacken: „Mit wem wir das dann umsetzen können, wo wir unsere Ziele und Forderungen einbringen können, müssen wir sehen. Das werden wir an der Realität ausrichten.“

Liefert eine glasklare Analyse zum Abschneiden der Grünen: Ratsfrau Ute Hentschel (Grüne). Archivfoto: Doro Siewert

Sie habe auf 15 Prozent getippt, sagt Ute Hentschel von den Grünen. „Wir werden keine Volkspartei.“ Und das liege ganz einfach daran, dass die Menschen zwar von der Wichtigkeit der Themen wie Klimawandel und E-Mobilität überzeugt seien, aber dass niemand seinen Lebensstil überdenken wolle: „Keiner will zurückstecken. Keiner will zu Fuß zur Arbeit laufen.“ Und niemand wolle hören, dass das Rentenniveau nicht gehalten werden könne: „Jeder weiß es. Keiner packt es an.“ Und da seien die Grünen schlussendlich einfach unbequem: „Weil wir klarmachen, dass es nicht so weitergeht. Wir wollen den Wandel.“

„Keine Große Koalition“: Das sagt Erika Gewehr, die in Burscheid dem CDU-Ortsverband vorsteht. Archivfoto: nal

Von einem Denkzettel für die CDU spricht Burscheids CDU-Parteichefin Erika Gewehr. „Ich habe mit einem noch größeren Absturz gerechnet,“ Armin Laschet, den sie kennt und schätzt, habe „unglücklich“ agiert: „Ich kenne ihn als ausgleichend und souverän. Diese Rolle hat er jetzt nicht vermitteln können.“ Gleichauf mit der SPD, die sie eigentlich schon mit großem Abstand vorn gesehen hatte: Für Erika Gewehr ist das am gestrigen Abend sogar ein positives Ergebnis: „Wir haben sehr viel verloren. Aber die Schere zur SPD klafft nicht so weit auseinander, das tröstet mich etwas.“ An einer Überzeugung lässt sie keinen Zweifel: „Keine Große Koalition mehr! Ein ,Weiter so‘ ist nicht das, was die Menschen wollen.“

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