Interview

Stefan Caplan: „Wir werden aus dem Hochwasser Schlüsse ziehen“

Das Starkregenereignis hat auch in Burscheid und unter anderem besonders in Großhamberg Spuren hinterlassen. Archivfoto: Nadja Lehmann
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Das Starkregenereignis hat auch in Burscheid und unter anderem besonders in Großhamberg Spuren hinterlassen. Archivfoto: Nadja Lehmann
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Teil II des Interviews mit Bürgermeister Stefan Caplan: Es gab viel zu besprechen.

Das Gespräch führte Nadja Lehmann

Herr Caplan, gemeinsam mit der Senioren-Union und Gästen sind Sie gerade erst durchs Gewerbegebiet Straßerhof gegangen. Wie ist denn dort der aktuelle Stand?

Stefan Caplan: Bis auf zwei Grundstücke sind alle verkauft oder reserviert. Das Gewerbegebiet ist rund elf Hektar groß und verfügt über eine überbaubare Fläche von acht Hektar, die Platz für über 20 Gewerbegrundstücke bietet.

Wer ist denn zugezogen?

Caplan: Zwei große Grundstücke belegen beispielsweise die SK Elektronik, die von Leverkusen nach Burscheid zieht, und die Edelmann Group aus Heidenheim. Sie führt in Burscheid ihre beiden Werke Leverkusen und Wuppertal zusammen.

Sind es alles Auswärtige oder auch Gewerbetreibende, die schon vorher in Burscheid waren und jetzt einfach innerhalb der Stadt den Standort wechseln?

Caplan: Namen darf ich jetzt nicht nennen, wenn die Unternehmen nicht von sich aus die Öffentlichkeit suchen, aber ja, es gibt eine Reihe Burscheider Unternehmen, die räumlich am jetzigen Standort an Grenzen stoßen. Und es gibt Burscheider, die hier investiert haben und vermieten wollen.

Was macht die Stadt für Gewerbetreibende und Unternehmer attraktiv?

Caplan: Zum einen handelt es sich um einen verkehrsgünstig interessanten Standort. Ich glaube aber auch, dass es sich rumgesprochen hat, dass die Zusammenarbeit mit der Kommune und dem Kreis unternehmensorientiert abläuft. Zudem ist das Angebot von Gewerbeflächen in der Region sehr begrenzt. Anders als man vielleicht denken mag, ist das Thema Gewerbesteuer nur eines von vielen Kriterien. Wir punkten damit, dass wir den niedrigsten Grundsteuerhebesatz in der Region haben. Und diese Steuer muss von den Unternehmen geleistet werden unabhängig davon, ob sie Gewinn machen oder nicht, hat also eine große Bedeutung für die Unternehmen.

Stefan Caplan wurde im vergangenen Jahr als Bürgermeister wiedergewählt.Archivfoto: Stadt Burscheid

Werden in Burscheid denn noch weitere Gewerbegebiete ausgewiesen?

Caplan: Derzeit ist die Bezirksregierung dabei, den Regionalplan der Region Köln und Umland zu erstellen. Er soll 2022 oder 2023 erscheinen und wird verdeutlichen, wo und ob eine gewerbliche Ansiedlung möglich ist.

Wird denn bei einer Ausweisung eines Gebiets jetzt nach der Flutkatastrophe auch verstärkt auf solche Aspekte geachtet? Ob ein Gebiet sicher ist? Zuvor war das ja eher weit weg.

Caplan: Die Ereignisse um das Starkregenereignis und das Hochwasser werden wir im Nachgang auf jeden Fall nachvollziehen, werden es analysieren und daraus Schlüsse ziehen. Aber wir sind darin in den meisten Fällen auf andere angewiesen, wie auf den Wupperverband, der für die Unterhaltung und Pflege der Bäche und Flüsse zuständig ist. Oder den Kreis. Wir werden uns dies auch vortragen lassen. Unabhängig davon will der Kreis eine Starkregenkarte erstellen. Das war schon vor der Unwetterkatastrophe geplant, bekommt jetzt aber eine ganz neue Bedeutung. Es bereitet mir allerdings Sorge, dass wir uns möglicherweise auf ein Szenario vorbereiten – das dann doch ganz anders kommt als gedacht.

Burscheid hatte noch Glück, es sind keine Menschen zu Schaden gekommen. . .

Caplan: Ja, aber wir hatten hohe Sachschäden, private und öffentliche, aber gottlob niemanden, der verunglückt ist. Wir haben schon zuvor versucht, extreme Wetterlagen einzukalkulieren. Dies kann man aber nicht in einem solchen Umfang wie bei den jetzigen Ereignissen. Wir haben Regenrückhaltebecken und Stauraumkanäle zur Rückhaltung des Regenwassers gebaut, zum Beispiel in Müllersbaum und unter der B 51. Da liegen sehr große Rohre, durch die man durchgehen kann (deutet es an). Das ist unglaublich. Wir wollen das, was geschehen ist, verstehen, und wir werden weiter sorgsam sein, gegebenenfalls Planungen anpassen. Es ist schwierig, weil man bei Wetterlagen von irgendwelchen Annahmen ausgehen muss. Jetzt, bei der Hochwasserkatastrophe, kamen Werte zustande, mit denen niemand gerechnet hat, die circa alle tausend Jahre vorkommen. Die Menschen werden auch verstärkt eigenverantwortlich ihre Häuser und Grundstücke durch geeignete Maßnahmen schützen müssen.

„Wir wollen das, was beim Starkregen geschehen ist, verstehen, und wir werden weiterhin sorgsam sein, gegebenenfalls Planungen anpassen.“

Stefan Caplan

Caplan: Das ist zumindest Aufgabe des Landes. Sie kennen die Konzepte bis hin zu regelmäßigen Testungen. Das, was wir tun können, haben wir gemacht. Wir haben alle drei Grundschulen gründlich untersucht und auf Schwachstellen abgeklopft. Also auf Räume, die sich nicht gut lüften lassen, weil entweder die Fenster nur auf Kipp stehen können oder weil nicht quergelüftet werden kann. Das sind unterm Strich rund 20 Räume. Wir könnten sofort Lüftungsanlagen bestellen, aber es fehlt noch die Ausführungsbestimmung des Landes. Es wurde noch keine Regel erlassen, aus der ersichtlich ist, welche Geräte überhaupt gefördert werden. Sobald das klar ist, wird der Run von allen Seiten losgehen. Wir rechnen mit Lieferproblemen. Es wird frühestens Herbst, bevor die Geräte da sind. Wobei diese ohnehin nur ergänzen können. Das Lüften steht über allem, es ist das A&O. Zumal es mit den Geräten auch gar nicht so einfach ist: Sie haben, wie viele Lehrer schon feststellen mussten, eine deutliche Geräuschentwicklung, die auch störend sein kann. Und sie nützen nichts, wenn sie an der falschen Stelle stehen. Um so wichtiger ist es, dass sich möglichst alle Kinder und Jugendlichen über zwölf Jahre impfen lassen. Wir haben aber auch zum Beispiel CO2-Ampeln beschafft, um das Lüftungsverhalten zu unterstützen.

Die Digitalisierung in den Schulen ist in Corona-Zeiten immer wichtiger geworden; es sind aber auch die Lücken sichtbar geworden. Sie hatten kürzlich berichtet, dass Sie explizit jemanden für die IT in den Schulen suchen und dass das gar nicht so einfach ist.

Caplan: Dirk Runge (Vertreter des Bürgermeisters und Leiter des Fachbereichs 2 – Anm. der Redaktion) führt zur Zeit Vorstellungsgespräche. Wir schaffen es, die IT in den Schulen zu betreuen und haben alle Programme ohne Abstriche umgesetzt. Zur Zeit sind wir mit vier Leuten ausgestattet. Aber wir wollen uns noch personell verstärken.

Sie sind 2020 wiedergewählt worden, befinden sich in Ihrer dritten Amtsperiode. Was ist wichtig gewesen, was ist gelungen in den vergangenen Monaten?

Caplan: Wir haben einen ausgeglichenen Haushalt verabschiedet und haben die Erhöhung der Kreisumlage abgewendet. Wir haben den Haushaltsausgleich ohne Konsolidierungshilfe im Haushaltsjahr 2021 erfolgreich erreicht, der Stärkungspakt ist Geschichte. Die Mehrausgaben für die Kreisumlage hätten den Ausgleich zunichte gemacht. Ich gehe im Moment davon aus, dass wir auch 2021 mindestens ausgeglichen abschließen werden. Und das trotz der Schwierigkeiten der Pandemie und des Starkregenereignisses. Das ist sicher ein besonderer Erfolg, weil es das Ergebnis harter Arbeit der letzten Jahre ist. Und das bei dem niedrigsten Grundsteuerhebesatz der Region für Bürger und Unternehmen und trotz vieler geplanter und durchfinanzierter Infrastrukturinvestitionen. Wir haben neben vielen anderen Dingen aber auch zum Beispiel mit den Umbauarbeiten am sogenannten Kramerhaus begonnen. Ziel ist es ja mit Fördermitteln diesen „Schandfleck“ zu beseitigen und zur Belebung beizutragen. In den ländlichen Ortsteilen baut die Novanetz aus Hannover das Glasfasernetz aus, sorgt für schnelles Internet. Wir haben weitere Fahrradabstellanlagen gebaut und ein Dach- und Fassadenbegrünungsprogramm auf dem Weg gebracht. Wir haben eine neue Kulturmanagerin eingestellt sowie eine neue Klimaschutzmanagerin, um nur einige Themen zu erwähnen. Ich bin sehr stolz, dass unsere Verwaltung so mitzieht und wir das alles hinbekommen ohne zusätzliches Personal.

Hintergrund

Von großen Bauprojekten bis zu den Folgen der Hochwasserkatastrophe für die Menschen und die Stadt: Es gab beim Interview mit Bürgermeister Stefan Caplan so viele Themen zu besprechen, dass wir daraus kurz entschlossen für den Bergischen Volksboten gleich zwei Teile gemacht haben. Teil I ist bereits erschienen, Teil II lesen Sie heute.

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