Radsport

Ersatzteilmangel fordert Fahrradhändler heraus

Sven Riedesel, Campana Radsport Archivfoto: Markus Schumacher
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Sven Riedesel, Campana Radsport

Campana-Chef Sven Riedesel spricht über die langwierigen Folgen der Corona-Pandemie.

Das Gespräch führte Stephan Eppinger

Wie erleben Sie aktuell die Situation bei Campana?

Sven Riedesel: Wir haben aktuell eine Situation, die alle Radhändler und Werkstätten rund um den Globus herausfordert. Die Nachfrage in unserem Bereich ist weltweit um 50 Prozent gestiegen. Das betrifft komplette Neuräder genauso wie Ersatzteile. Die Steigerung ergibt sich vor allem aus dem geänderten Freizeitverhalten in der Pandemie. Sehr viele Teile werden immer noch in Asien produziert, wo Lockdowns oder die Schließung von ganzen Häfen den Export massiv behindern. So kommt man schnell bei der Versorgung von Ersatzteilen in Straucheln. Das gilt aktuell zum Beispiel bei den Bremsen von Shimano. Da war ein Werk in Malaysia in diesem Jahr insgesamt zehn Wochen geschlossen. Das kann man nicht so einfach abfangen, und uns hier in Europa wird das noch sehr lange beschäftigen. Bei Ketten und Bremsbelägen gibt es inzwischen wieder eine leichte Normalisierung. Ganz zentral ist es für uns, entsprechend großzügig vorzuordern, um die Werkstatt am Laufen zu halten. Schnell mal fehlende Teile nachzubestellen, funktioniert nicht mehr. Das wird auch in den kommenden ein bis zwei Jahren so weiterlaufen. Da ist die globale Produktion in Asien dank der massiv steigenden Nachfrage und den Corona-Bedingungen inzwischen an ihre Grenzen gelangt, da Rohstoffe fehlen und die Logistik nicht mehr funktioniert. Nur wer einen hohen Lagerbestand hat, wie das bei uns der Fall ist, kann geschäftlich noch agieren. Wir ordern teilweise schon Waren für das Jahr 2023.

Wie sieht es bei den Neurädern aus?

Riedesel: Auch hier läuft alles über das sehr frühzeitige Bestellen von Ware. Da gibt es inzwischen zwischen zwölf und 15 Monaten Vorlauf. Nur wer zu 100 Prozent vorordert, hat noch eine Chance. Das bringt für uns Händler natürlich ein großes finanzielles Risiko mit sich. Wir müssen jetzt abschätzen, welche Radgattung und -modelle wir in den kommenden Jahren verkaufen werden. Die Kunden selbst müssen wir vertrösten und eventuell damit rechnen, dass sie zur Konkurrenz gehen, was ihr gutes Recht ist. Viele Radmodelle und -gattungen sind aktuell ausverkauft. Wir warten gerade auf die Bestellungen für 2022, die eigentlich jetzt im Oktober ankommen sollten. Das wird sich wohl bis Anfang Januar verzögern. Ärgerlich ist der Ersatzteilmangel auch für die Werkstatt. Da müssen wir, wenn Teile fehlen, mit längeren Standzeiten der Kundenräder rechnen, als das sonst bei uns üblich ist.

Hat der Onlinehandel da Vorteile?

Riedesel: In der Regel sind die vom Mangel an Neurädern und Ersatzteilen genauso betroffen wie wir als stationärer Einzelhandel. Wenn es bestimmte Teile nicht mehr gibt, müssen die genauso lange warten, wie das bei uns der Fall ist. Da hilft nur massives Vorbestellen.

Wie ist die Nachfrage in Burscheid und der Region im Moment?

Riedesel: Wir sind als Radhändler bei den verschiedenen Radgattungen sehr breit aufgestellt. Ein massives Wachstum gibt es vor allem im Bereich der E-Bikes, die hier im Bergischen Land sehr nachgefragt sind. Bei den Touring- und Trekkingbikes beträgt der Anteil der Räder mit elektrischer Unterstützung aktuell bis zu 90 Prozent. Bei den sportlichen Mountainbikes haben etwa 50 Prozent einen E-Antrieb. Gefragt sind bei den Rennrädern zudem die sogenannten Gravelbike-Rennräder, die auch im Forst- und Wald eingesetzt werden können. Die Lust auf Abenteuer hat zugenommen. Dazu hat im gesamten Radbereich vor allem die Pandemie beigetragen.

Welche Bedeutung hat die Balkantrasse für das steigende Interesse am Radfahren?

Riedesel: Die Trasse ist für Burscheid Gold wert. Am Wochenende geht es dort allerdings zu wie auf der Autobahn. Sportives Fahren mit dem Rad ist dann nicht mehr möglich. Auf der Trasse sind Radfahrer genauso unterwegs wie Spaziergänger, Hundehalter oder Inliner. Alle wollen weg von viel befahrenen Hauptstraßen. Insgesamt ist Burscheid als Fahrradstadt auf einem guten Weg. Das Radfahren als Mobilitätsersatz geht voran, und die Stadt tut mit neuen Radwegen im Seitenbereich der Straßen auch etwas dafür. Insgesamt gibt es viele gute Lösungen.

Was sollten Radfahrer jetzt im Herbst bedenken?

Riedesel: Wichtig ist vor allem, dass sie sichtbar sind. Hier ist das Angebot an guten Beleuchtungsanlagen, Westen und Reflektoren groß. Auch die Bereitschaft, einen Helm zu tragen, hat erfreulicherweise zugenommen. Insgesamt ist jetzt bei den Radfahrern Eigenverantwortung gefragt. Wichtig ist auch die regelmäßige Wartung der Räder. Da haben wir jetzt das gesamte Jahr über eine sehr gute Nachfrage. Das Winterloch gibt es bei uns nicht mehr. Besonders wichtig ist die Wartung bei E-Bikes, da diese durch den größeren Schub auch einen größeren Verschleiß haben. Das ist den Kunden aber durchaus bewusst.

Was macht Ihnen im Moment die größten Sorgen?

Riedesel: Dass wir beim Bestellen von Rädern und Ersatzteilen mehr Weitsicht zeigen und damit auch ein größeres wirtschaftliches Risiko eingehen müssen, macht mir durchaus Sorgen. Die letzten 15 Monate gab es für uns extrem viel zu tun. Das sind wir auch teilweise ans Limit gekommen und mussten Aufträge absagen. Ich habe deshalb drei neue Mitarbeiter eingestellt. Wenn jetzt noch mehr Volumen bei den Aufträgen und Nachfragen reinkommt, könnten wir das nur noch mit einem Neubau bewältigen. Ich rechne damit, dass auch nach der Pandemie wegen der Klimawende und des neuen Denkens in der Mobilität die Nachfrage bei uns weiter hoch bleibt.

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